Giorgia Grimaldi

Freie Journalistin, Frankreich-Korrespondentin, Bloggerin, Marseille

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Artikel

Protest und Prüderie

Der nackte Busen ist erotisiertes Symbol der Freiheit und zugleich schambehaftet und sanktioniert. Eine „Partisanin mit Maulkorb“ nennt Giorgia Vanessa Grimaldi deshalb die weibliche Brust, die kulturgeschichtlich eine sehr ambivalente Rolle spielt.

 

Auf dem Schlachtfeld gern gesehen, im Alltag versteckt. Die weibliche Brust hat zwei Gesichter. Gesicht Nummer eins: die Partisanin. Nicht erst seit den für ihren barbusigen Protest bekannten feministischen Aktivistinnen von Femen kommt die nackte Brust auf Demonstrationen, Kundgebungen und Protestmärschen zum Einsatz. Von der Französischen Revolution 1789 bis zu den aktuellen Coronaprotesten: In Zeiten politischer Unruhen hat sie ihren Auftritt, schließlich ist sie als Symbol der Freiheit in Frankreich gar zur Allegorie der egalitären Republik geworden.

Blankziehen hat Tradition. Zum Beispiel für Klima- und Tierschutz. Auch gegen Nazis (Berlin, 2013: Die NPD ging gegen den Bau eines Asylbewerberheims vor), gegen die Ehrung umstrittener Künstler (Paris, 2017: Femen boykottierte Polanskis Werkschau), gegen veraltete Gesetze (Buenos Aires, 2017: Frauen wurden von der Polizei gehindert, sich oben ohne zu sonnen), und aktuell in Belarus,

gegen die Verschärfung des Abtreibungsgesetzes in Polen oder gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie. Egal wofür oder wogegen man auf die Straße geht: Geht es in irgendeiner Form um Freiheitsrechte, wird der Busen ausgepackt. Doch paradoxer könnte das kaum sein. Denn der Busen selbst hat keine Freiheitsrechte. Wie viele weibliche Brustwarzen wurden bereits von sozialen Netzwerken wie Instagram gelöscht, während dort männliche Brustwarzen überhaupt kein Problem sind? Und wer kennt nicht die schielenden

Blicke der Kolleg*innen auf sich durch die Kleidung abzeichnende Brustwarzen? Selbst öffentliches Stillen sorgt weiterhin regelmäßig für Empörung. Und auch im Schwimmbad ist eine neue Prüderie zu beobachten. Tatsächlich steht in keiner Verordnung, dass Frauen an öffentlichen Badeorten ein Oberteil tragen müssen. Trotzdem halten sich inzwischen fast alle daran. Das ist das zweite Gesicht der weiblichen Brust. Der Busen, der still und ergeben seinen Maulkorb trägt. Wie kam es zu dieser Ambivalenz?


Die stillende Maria. Historisch betrachtet hat das Patriarchat den Brüsten zwar erst spät, dafür aber gleich gründlich einen Maulkorb verpasst. Auf den antiken bis mittelalterlichen Darstellungen der virgo lactans, der stillenden Maria, zeigt sich die Relevanz des Busens: weder Schönheitsideal noch Sexsymbol, sondern ikonisches Merkmal der heiligen Frau. In dieser Epoche ist die Brust noch nicht sexualisiert, sondern von der patriarchalen Kirche sakralisiert, die Muttermilch glorifiziert. Dieser „heilige“ Dienst des Stillens markiert den Beginn einer neuen Tradition.


Laut Soziologin und Philosophin Camille Froidevaux-Metterie, setzt in Europa die Sexualisierung der Brust mit der Renaissance ein. Die Madonna wird nun nicht mehr nur mütterlich abgebildet, sondern erotisiert. In der Mode verschwindet die voluminöse Bluse und die Korsage erobert den Markt, mit ihr betritt auch erstmals in der okzidentalen Kultur das Dekolleté die Bühne. Stillen wird zum No-Go.

Adlige und betuchte Frauen geben ihr Kind an Ammen, man fürchtet das Erschlaffen des Busen nach dem Stillen und damit den Verlust an sexueller Attraktivität. Es etabliert sich ein hierarchisches Gefälle zwischen der bloß ernährenden und der erotischen Brust. Für sozial benachteiligte Frauen

entwickelt sich das Stillen zur professionellen Nische, während der erotisierte Busen das Privileg der Oberschicht bleibt.


Die barbusige Marianne. Eine politische Dimension bekommt der weibliche Busen spätestens mit der französischen Revolution. Personifiziert durch Marianne, der barbusigen Nationalallegorie Frankreichs, die 1830 von Eugène Delacroix bewaffnet im Revolutionsgetümmel abgebildet wird, wird ihre entblößte Brust zum Symbol der Freiheit und des Wandels. Der Philosoph Jean-Jacques Rousseau stilisiert die Brüste sogar zur Metapher der neuen republikanischen Ideale. Denn eine Mutter, die ihr Kind selbst ernährt, sei großzügig, aufopfernd, treu und lehrt ihren Kindern die Werte der Gesellschaft zu respektieren. Stillen ist keine aristokratische Schande mehr, sondern wird zum patriotischen Akt.


Die To-Do-Liste des Multitasking-Busens wurde im Laufe der Geschichte also immer länger. Er muss ernähren, antörnen und politisieren. Will man dem Widerspruch zwischen diesem symbolisch hochaufgeladenen Busen und der

zensierten weiblichen Brust im Alltag auf den Grund gehen, muss man in der Pubertät ansetzen, denn da kommt es zur Sexualisierung der weiblichen Brust. Nach dem Brustwachstums wird das Mädchen nicht mehr als asexuelles Kind wahrgenommen, sondern als heranreifende Frau. Brüste sind ein sekundäres Geschlechtsmerkmal, das Geschlechtsreife signalisiert, aber im Vergleich zu den

primären Merkmalen nicht für die Fortpflanzung nötig ist. Würden Frauen bereits mit Brüsten geboren, die wie die Vagina proportional zum Körper mitwachsen, gäbe es das ganze Theater vielleicht nicht. In vielen Kulturen des globalen Südens, die der Westen gerne „unzivilisiert“ nennt, gibt es diese erotische Aufladung tatsächlich nicht. Nachdem sich Frauen Zeit ihres Lebens oft barbusig bewegen, wachsen Kinder mit Brüsten jeden Alters und in allen Zuständen auf und eine Sexualisierung wie im Westen findet nicht statt.


Der Büstenhalter. Auch der BH ist eine relativ junge Erfindung, sein Entwurf ist der rebellische Akt einer Schneiderin, die dem verhassten Korsett ein Ende machen will und eine „leichte Version“ entwirft. Heute ist der BH oft obligatorisch.

„Ich kann nicht ohne BH rumlaufen, ich habe große Brüste“ oder „Treppen steigen schmerzt ohne“, sind Erklärungen dafür. Ist aber mitunter auch nur eine Sache der Gewohnheit. Konnten aufgrund des ständigen BH-Tragens nicht genug Muskeln aufgebaut werden, um das Gewicht zu tragen, ist das unangenehme Gefühl ohne die „Unterstützung“ die Konsequenz. Das will zumindest eine (nicht ganz unumstrittene) Studie herausgefunden haben, aber egal, ob es da (bereits) etwas zu „halten“ gibt oder nicht: Mädchen wird von Anfang an vermittelt, dass ihr Busen Makel hat. Und der erste Maulkorb kommt unscheinbar, fast niedlich daher: A-Körbchen, Mega-Push-up, Plüsch und gerne mit Hello-Kitty- oder Snoopy-Print. In dieser Aufmachung fällt es schwer, ihn nicht liebzuhaben.


Ob der „No-Bra“-Trend des Lockdowns nun von Dauer ist oder nicht, viele Frauen haben heute ein entspannteres Verhältnis zum BH. Sie tragen ihn, weil und wann sie möchten. Oder sie tragen ihn eben nicht. Einige fühlen sich befreit und sexy ohne, anderen gibt er ein gutes Gefühl. Dies kann als Zurückerobern der Brüste als Teil des eigenen, selbstbestimmten Körpers interpretiert werden.

 

Die Brust will ihre Freiheit zurück und aufgrund ihrer Vorgeschichte kann man sagen, dass sie wirklich weiß, wovon sie redet. Sie wird zum kämpferischen Symbol gegen Sexualisierung und Objektivierung. Und sie ist eine Veteranin, die der jungen Generation erklärt, wie man sich durchkämpft.