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Ein Bildungswerk für alle, die gut an der Uni ankommen wollen

„Bildung fängt da an, wo es einen Zugang zu Perspektiven gibt", sagt Sagithjan Surendra. Der 21-jährige Student hat eine Fördereinrichtung für Schüler gegründet, die sich für faire Bildungschancen engagiert. Mit dem Aelius Förderwerk will er benachteiligten Jugendlichen Perspektiven aufzeigen und sie mit Mentoren vernetzen. Die Idee für das Projekt zieht er dabei aus seiner eigenen Geschichte. Nun wird Surendra vom Deutschen Hochschulverband und vom Deutschen Studentenwerk als Student des Jahres ausgezeichnet.

Geboren und aufgewachsen ist er in Nürnberg. Kurz vor seiner Geburt fliehen seine Eltern vor dem Krieg in Sri Lanka nach Deutschland. Heute studiert Sagithjan Surendra Molekulare Medizin in Erlangen, als erster Akademiker in seiner Familie. Kindergarten, Grundschule, Gymnasium, Universität. Was auf dem Lebenslauf geradlinig aussieht, stellt sich in der Praxis als harter Weg heraus.

Wie Sagithjan Surendra selbst von sich sagt, wächst er in einer Parallelwelt auf. Deutsch lernt er im Kindergarten. „Bei bestimmten Dingen konnte ich nicht mitreden", sagt er. Die von Schulkameraden besprochenen Songs oder Filme habe er nicht gekannt. In der Schule setzt er Klassenfahrten aus, geht nicht mit den anderen in die Mensa.

Schlechte Bildungschancen für Minderheiten

Heute, fünf Jahre später, schließt er gerade sein Bachelorstudium ab und sucht bereits nach einem Master. Rückblickend sagt er: „Ohne Unterstützung wäre das nicht möglich gewesen." Mit 16 wird er in ein vom Freistaat Bayern finanziertes Stipendienprogramm aufgenommen. Er lernt Mentoren kennen, vernetzt sich mit anderen Stipendiaten: „Ich habe gemerkt: Ich bin gar nicht allein mit meinen Problemen und meiner Biografie."

Sagithjan Surendra findet einen Weg hinaus aus der Parallelwelt. Er beginnt ein Astronomie-Frühstudium in Erlangen, veröffentlicht ein 126-seitiges Buch über das Thema. Dann, mit 18 Jahren, startet er in sein Bachelorstudium, wird später Stipendiat der Studienstiftung. Und fängt an, sich mit dem Thema Bildung zu befassen.

Dabei merkt er schnell, dass er durch seine Förderung privilegiert war, wie er sagt: „Mir ist aufgefallen, dass es kein überregionales Angebot gibt, Schülerförderung sich oft auf Menschen mit Migrationshintergrund beschränkt." Dabei seien schlechte Bildungschancen gesellschaftlich viel breiter verankert.

Ein Netzwerk, das sich an alle richtet

Der Hochschulbildungsreport zeigt: Nach wie vor stammt nur jeder fünfte Studierende aus einer Arbeiterfamilie. Projekte wie ArbeiterKind.de oder Förderprogramme wie der Studienkompass adressieren das Problem bereits, nehmen studieninteressierte Schüler an die Hand. Sie bieten zusätzlich zum staatlichen BAföG Stipendien und Kontakte. Doch Surendra denkt weiter: Er möchte ein Netzwerk schaffen, das sich an alle richtet.

Noch im ersten Semester gründet er 2017 deshalb das Aelius Förderwerk. „Ich habe es einfach gemacht, sozusagen Learning by doing." Als Ein-Mann-Idee gestartet, besteht Aelius mittlerweile aus 50 ehrenamtlichen Mitarbeitern. Der Verein richtet sich an Schüler und setzt auf drei Säulen: Seminare, Mentorenprogramm, Beratung. Willkommen sind alle Interessierten: „Wir sind keine Begabtenförderung, sondern eine Bedarfsförderung", erklärt Surendra. Das heißt: Der Verein will Hilfe zur Selbsthilfe bieten und setzt auf ideelle Förderung.

Die kostenlosen Seminare sind offen, es gibt keine Auswahlkriterien. Sie finden überwiegend in Bayern statt, das Mentoring-Programm „Dialog Chancen" sogar bundesweit. Viele Themen werden gründlich behandelt: Akademisches Schreiben und Zeitmanagement, aber auch Geschlechtervielfalt oder Ökologie. Zu den Mentoren im separaten Programm zählen Lehrer und Professoren, aber auch Persönlichkeiten aus Kultur, Wirtschaft und Politik. Surendra möchte aber nicht nur Akademiker formen, wie er sagt: „Wir möchten Potential entfalten, unter den Mentoren haben wir auch Künstler, beispielsweise Schauspieler."

Das Förderwerk wächst

Bisher hat das Aelius Förderwerk nach eigenen Angaben mehr als 2000 Schüler erreicht. „Wir haben Biografien geprägt", ist sich Surendra sicher. Nun wird er also im April vom Deutschen Hochschulverband als Student des Jahres ausgezeichnet. Stellvertretend für das Aelius Förderwerk, sagt er. Das Preisgeld in Höhe von 5000 Euro möchte er in das Förderwerk stecken.

Sagithjan Surendra hat einen Traum. Das Aelius Förderwerk soll in den nächsten Jahren über Bayern hinauswachsen, das erste bundesweite staatlich geförderte Stipendienprogramm für Schüler werden. Bisher gebe es da nur die 13 Begabtenförderwerke, die sich an Studierende richten. Er aber denkt: „Um Bildungschancen wirklich zu verbessern, muss Förderung früher ansetzen."

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