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Ein Wendepunkt in der Medienlandschaft Russlands?

Das politische Bewusstsein der Russ*innen hat sich in den letzten Jahren stark verändert, das zeigen auch soziologische Studien. Das beeinflusst den Medienkonsum: die russische Medienlandschaft verändert sich.

Nach der Krim-Euphorie kam die Ernüchterung. Seit 2014 steigt die Unzufriedenheit in Russland aus mehreren Gründen: Die Russ*innen leben mit sinkenden Einkommen und einer Sozialpolitik, die für viel Kritik beim Großteil der Bü rger*innen auslöst. Dabei verstärkt sich die Unzufriedenheit durch die neue globale Transparenz: Die rasche Entwicklung des Internets und der sozialen Netzwerke hat alles verändert. Die Möglichkeit, schnell Nachrichten zu übertragen, löscht das Staatsmonopol auf Information aus. Sie verstärkt die zwischenmenschliche Vernetzung und Kooperation und macht das Leben von Politiker*innen und Staatsbeamt*innen sichtbar. Jüngste Umfragen stellen fest: Die Erwartungen der Bürger*innen vom Staat sinken, die Nachfrage nach Rechten und Freiheiten steigt. Damit gewinnen die Rechte auf Meinungsfreiheit und die Beschaffung von Informationen an Bedeutung.

Prozesse wie die Digitalisierung oder der Generationenwechsel beeinflussen den Medienkonsum und die Einschätzung der Medien in Russland. Dieser Artikel fasst neue Tendenzen in der russischen Gesellschaft und Medienlandschaft zusammen.

In Russland leben im Januar 2019 etwa 144 Millionen Russ*innen. Bei Hinzunahme der Krim, die der russische Staat für sich beansprucht, sind es nochmal 2 Millionen mehr. Einen Zugang zum Internet haben 76% aller Russ*innen. Das Nutzungsverhalten unterscheidet sich sowohl zwischen Klein- und Millionenstädten als auch zwischen Generationen. In Russland gibt es derzeit 16 Städte mit mehr als einer Million Einwohner*innen. Die Bevölkerungsstruktur zeigt auf, dass der Anteil älterer Russ*innen überwiegt. Es gibt etwa 6 Millionen Einwohner*innen zwischen 15 und 19 Jahren auf der einen und etwa 21 Millionen Einwohner*innen über 65 Jahre. Den größten Anteil stellen mit etwa 61 Millionen Einwohner*innen die 35- bis 64-Jährigen. Das zeigt: Russlands Bevölkerung ist überdurchschnittlich alt.

Im August 2019 veröffentlichte das Lewada-Zentrum, Russlands größtes unabhängiges Meinungsforschungsinstitut, die Ergebnisse der jährlichen Studie zur Medienlandschaft . Dabei wurden interessante Tendenzen ersichtlich.

Fernsehen weiterhin beliebt

Die wichtigste Informationsquelle der Russ*innen ist nach wie vor das Fernsehen. Doch sein Publikum nimmt ab: Vor zehn Jahren informierten sich 94% aller Russ*innen über das Fernsehen, heute sind es nur noch 72%. Außerdem werden die Zuschauer*innen älter. Für 93% der Zielgruppe über 65 ist das Fernsehen die Hauptquelle für Nachrichten. Aber nur noch 42% aller Menschen unter 25 schauen die TV-Nachrichten. Immer wichtiger wird hingegen das Internet: 34% bzw. 32% der Bevölkerung verwenden soziale Netzwerke und Online-Nachrichten. Bei jüngeren Russ*innen sind soziale Netzwerke sogar die wichtigste Informationsquelle.

Das Videoportal YouTube bietet allen Russ*innen die Möglichkeit, sich öffentlich zu äußern. Das Portal hat sich in den letzten Jahren stark in Russland etabliert und ist zu einer der wichtigsten Informationsquellen geworden. Ungefähr ein Drittel der Bevölkerung schaut mindestens einmal die Woche Videos im Internet.

Zu dieser Zeit ist in Russland eine neue Generation von bekannten Personen herangewachsen, die sich ganz ohne Fernsehauftritte einen Namen gemacht haben. Die Regierung hatte sich daran gewöhnt, die Popularität von Menschen unter Kontrolle zu halten, indem ihnen ein Zugang ins Fernsehen gegeben oder entzogen wurde.

Kritische Journalisten auf YouTube

Nach der Etablierung von YouTube gingen jedoch bekannte Fernsehjournalist*innen, die ihre Stelle bei staatlichen Kanälen wegen ihrer kritischen Haltung verloren hatten - und auch oppositionelle Politiker*innen - zum Videoportal über. Der Kanal des Oppositionellen Alexej Nawalny hat beispielsweise über 3 Millionen Abonnent*innen auf YouTube.

Ernsthaft wahrgenommen wurde YouTube in Russland nach dem Fall des Journalisten Jurij Dud. Im Jahr 2017 gründete der ehemalige Sportjournalist seine YouTube-Show, in der er mit Journalist*innen, Künstler*innen und Politiker*innen unzensiert spricht. Momentan zählt sein Kanal über 6 Millionen Follower*innen, das populärste Video auf seinem Kanal wurde über 27 Millionen Mal angeschaut. Die zwei jüngst veröffentlichten Dokumentarfilme von Jurij Dud über Stalins Gulags und die Geiselnahme 2004 in einer Schule in Beslan lösten eine breite Diskussion aus und wurden von staatlichen Medien stark kritisiert.

Zur heutigen Stellung von Blogger*innen in Russland hat sich die ehemalige Chefredakteurin der Nachrichtenagentur RIA Nowosti Swetlana Mironjuk in ihrem zum unabhängigen Fernsehsender Doschd geäußert: „Starke, unabhängige Medien reduzieren sich heutzutage auf einzelne prägende Persönlichkeiten. Die Erfolgsgeschichte von Dud dient als Veranschaulichung, wie es funktioniert: effektiver, umfassender, als vielleicht jede der nun agierenden russischen Medien."

Vertrauen in Fernsehen sinkt

Denn trotz der weiterhin hohen Zuschauerzahl sinkt das Vertrauen in das Fernsehen. Jede*r zweite Russ*in vertraut den TV-Nachrichten nicht. Vor zehn Jahren war das Vertrauen um ein Drittel höher und lag bei 80%. Unkritisch bleiben nach wie vor die Zuschauer*innen über 35 Jahre im Vergleich zur jüngeren Gruppe. Immer mehr Menschen vertrauen hingegen den Informationen, die sie in sozialen Netzwerken erfahren. Der Anteil der Befragten erhöhte sich in den letzten Jahren und liegt derzeit bei rund 20%.

Die weiterhin hohe Popularität des Fernsehens trotz der niedrigeren Glaubwürdigkeit die Politologin Ekaterina Schulmann. „Die Menschen sehen im Fernsehen die Stimme des Staates. Sie schauen sich Nachrichten im TV nicht an, um die Wahrheit zu erfahren, sondern um zu verstehen, was der Staat im Sinn hat", sagt Schulmann. „Verständlicherweise wollen Menschen wissen, was auf sie zukommt", fügt sie hinzu.

Unabhängige Medien in Großstädten beliebter

Auch unabhängige Medien sind in Russland beliebt. Rund 35% der Russ*innen konsumieren unabhängige, oppositionelle Medien. Dabei setzen jedoch nur 6% der Befragten auf mehrere Quellen. In Großstädten wie Moskau ist die Zahl wesentlich höher: 43% aller Bürger*innen konsumieren unabhängige Medien, 16% informieren sich sogar aus mehreren Quellen.

Ein Beispiel für das Versagen der Behörden, den Bürger*innen durch staatliche Medien ihre eigene Sicht aufzuzwingen, sind die jüngsten Proteste in Moskau. Sie forderten freie Wahlen zum Stadtparlament. In einer Studie über die Moskauer Proteste stellte das Lewada-Zentrum fest: Die meisten Russ*innen (55%) erfuhren über im Fernsehen von den stattgefundenen Kundgebungen, rund ein Viertel im Internet. Eine positive Einstellung zu den Demonstrant*innen hatten 23% der Befragten, 25% nahmen sie negativ wahr. Besonders spannend: Unter den Befürworte*innen hatten nur 18% die Fernsehnachrichten gesehen, 40% erfuhren im Internet von den Protesten. Bei den Gegner*innen wendet sich das Blatt: 40% informierten sich im Fernsehen, 18% im Internet.

Die Medienlandschaft ist sehr vielfältig

Russische Medien können auch aus Deutschland verfolgt werden. Dabei gibt es einige Quellen, die vertrauenswürdiger sind als andere. Einen guten Anhaltspunkt durch die russische Medienlandschaft bietet das Projekt Dekoder. Wie es der Name bereits vermuten lässt, versucht das Portal, russische Nachrichten zu entschlüsseln. Das von der ZEIT-Stiftung geförderte Projekt übersetzt ausgewählte Artikel unabhängiger Medien ins Deutsche und liefert wissenschaftliche Erklärungen und Hintergründe zu den einzelnen Themen.

Es existieren auch englischsprachige Übersetzungen einiger Medien aus Russland. Sowohl die vom Kreml gesteuerten Staatsmedien als auch unabhängige Zeitungen und Anstalten bieten diesen Service. Das Projekt ansTageslicht hat eine Liste mit unabhängigen Medien erstellt, die russische und englische Nachrichten anbieten.

Da gibt es zum Beispiel die Nowaja Gaseta, die es seit über 20 Jahren schafft, unbeirrt und regelmäßig aus dem Innenleben des Staatsapparats zu berichten. Die Nowaja Gaseta setzt zunehmend auch auf Spenden. Sie wird landesweit, aber auch im Ausland gelesen. Ein sehr beliebtes Newsportal ist Meduza. Das Konzept: Glaubwürdige Informationen, Nachrichten und Reportagen aus anderen Quellen zu aggregieren, aber auch selbst zu recherchieren: Vorgänge und Ereignisse aus Russland und den Ländern der früheren Sowjetunion. Es gibt aber auch kleinere Sender wie beispielsweise Doschd, die trotz anhaltenden Drucks und erschwerten Bedingungen weitersenden, nachdem ihnen sämtliche Lizenzen und Gelder entzogen wurden.

Fest steht: Die Medienlandschaft in Russland hat sich in den letzten Jahren gewandelt. Unabhängige Medien haben es weiterhin nicht leicht, doch das Staatsmonopol auf Information ist ausgelöscht. Soziale Medien machen politische Geschehnisse und Prozesse transparenter und bilden authentische Informationen ab, die von den Staatsmedien nicht berichtet werden. Zudem verändert sich das politische Bewusstsein im Land, die Meinungsfreiheit wird wichtiger. Insgesamt bleibt die russische Medienlandschaft ein spannendes Gebiet, das sich durch die rasante Entwicklung des Internets gewiss noch weiter verändern wird.

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