Fred Turnheim

Journalist, Präsident Österreichischer Journalisten Club - ÖJC, Wien

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Artikel

Neuen Strategien für den digitalen Leser

Die Frage des Mehrwerts für den Leser ist die Frage der journalistischen Zukunft =


Wien, 16. November 2018 - Bei der 12. Ausgabe des Formats „Medien im Zeitgeist“ des Österreichischen Journalisten Clubs (ÖJC) gestern Abend hatte Fred Turnheim Philipp Graf Montgelas als Geschäftsführer und Johannes Eversmann als Head of Content Strategy von Readly aus Berlin zu Gast. Mit den Vertretern von Europas größter Streaming-Plattform für Magazine ging der ÖJC-Präsident der Frage nach, wie Magazinmedien über Streaming-Plattformen neue Leserinnen und Leser finden können.

 

„Ich sehe die Zukunft der Printmedien sehr rosig“, eröffnete Philipp Graf Montgelas den Abend optimistisch und verwies auf den entscheidenden Unterschied zwischen Zeitungen und Magazinen. „Viele Magazine sprechen eine Nische an, für die Menschen brennen. So lange es Menschen gibt, die für Themen brennen, wird es Magazine geben“, ergänzte sein Stratege Eversmann. Die entscheidende Frage sei dabei, wie man die Leserinnen und Leser dazu bringt, für Content zu bezahlen, denn nur so kann es weiter Magazine geben. Die Rückläufe bei den Online-Inseraten würden auch bei Verlagen ein Umdenken herbeiführen. „Wenn man für Content nicht bezahlt, dann gibt’s auch keine Jobs“, warf Fred Turnheim als Journalistenvertreter ein.

 

Für den Abend hatten sich Graf Montgelas, Eversmann und Turnheim Beispiele des Online-Streamings wie etwa die New York Times, den Springer-Verlag mit der SPORT BILD oder die Verlagsgruppe News angesehen und verglichen. Interessant dabei ist, dass starke Marken hier ziehen. Dabei müssen es nicht ausschließlich News sein, hier lassen sich auch Kochrezepte und Kreuzworträtsel gut verkaufen.

 

Die Attraktivität einer Online-Plattform ist, dass sie für den Verlag auch ein Experimentierfeld bietet, betonte Eversmann, der erzählt, dass der Springer-Verlag auch teilweise Inhalte exklusiv für diese Plattform zur Verfügung stellt. Detailanalysen des Verhaltens der Nutzerinnen und Nutzer zeigen auch, dass nicht immer die Cover-Stories jene Artikel sind, die die größte Lesedauer zu verbuchen haben. Sie motivieren zum Auswählen des Magazins, länger gelesen werden aber dann oft andere Reportagen.

 

Streaming-Plattformen erhöhen also definitiv die Lesedauer, die im Schnitt acht Stunden pro Monat beträgt. Während ein Haushalt maximal zwei bis drei Print-Magazine abonniert hat, so sind es bei Readly dreißig. Derzeit benutzen rund 17 Millionen Userinnen und User Readly pro Quartal. Größter Konkurrent des Online-Streamings ist übrigens das Fernsehen, das geht aus dem Nutzerverhalten bezüglich der Uhrzeiten hervor.

 

Das Geschäftsmodell ist dabei denkbar einfach. Der Verlag liefert Readly ein PDF des gesamten Magazins ab, das auch als Ganzes auf die Streaming-Plattform gestellt wird. Nur so kann erreicht werden, dass die Kundin bzw. der Kunde schmökert und dabei auf Artikel stößt, mit der er/sie gar nicht gerechnet hat. Auch eine magazinübergreifende Themensuche ist möglich. Readly behält sich 30 Prozent der Abo-Einnahmen von Euro 9,99 pro Monat, die restlichen 70 Prozent werden je nach Nutzung an die Verlage ausgeschüttet.

 

Damit entsteht für den Verlag kein Risiko, weil keine Kosten anfallen. In Deutschland startete Readly 2014, in Österreich 2017, wobei in Österreich wesentlich schneller Magazine und Leserinnen bzw. Leser gewonnen werden konnten. „Die Präsenz auf Online-Plattformen führt auch zu einer Image-Verbesserung für das Medium“, ergänzte Turnheim seine Erfahrungen aus der Praxis.

 

Das österreichische Medienmagazin [Statement] ist auf Readly und Read.it vertreten. Eine Expansion etwa nach Asien hielt Graf Montgelas für möglich, derzeit sei aber in Europa noch viel Raum für Entwicklungen. Auf die Frage, wohin die Reise geht, betonte auch Eversmann als Head of Content Strategy: „Es gibt immer spezialisierte und immer mehr Nischen-Publikationen. Ohne die Kosten des Druckens ist viel mehr möglich.“

 

Dem notorischen Geraunze bei den österreichischen und deutschen Medientagen zum Trotz ist Eversmann überzeugt: „Der Trend ist eindeutig positiv“ und Montgelas ergänzte: „Die Zeit ist günstig für die Verlage, Nutzen aus der Fake-News-Debatte zu ziehen.“ Für die Nutzerinnen und Nutzer sei es wesentlich, den Mehrwert zu erkennen. Produkttests als Hilfe für die Kaufentscheidung können diesen Mehrwert ebenso bringen wie eine gute Reportage. Mit dem Statement „Die Frage des Mehrwerts ist eine Frage der Zukunft“ schloss Turnheim die Diskussion.

 

Zum zweiten Mal wurde die Veranstaltung vom Medienpartner Okto live auf Okto Community TV übertragen.