Fred Turnheim

Journalist, Präsident Österreichischer Journalisten Club - ÖJC, Wien

2 Abos und 4 Abonnenten
Artikel

Medien im Zeitgeist: Nach Vorwürfen der Meinungsforschung zeigt sich der Journalismus wissbegierig

Medien im Zeitgeist: Nach Vorwürfen der Meinungsforschung zeigt sich der Journalismus wissbegierig

ÖJC-Veranstaltung brachte spannende Diskussion über die Rolle der Meinungsforschung im Wahlkampf.

Wien, 29. September 2017 - Trotz der kurzfristigen Absagen von Wolfgang Fellner (Österreich) und Esther Mitterstieler (News) entwickelte sich gestern Abend im Hotel Zeitgeist Vienna eine spannende Diskussion. Unter der Moderation von ÖJC-Präsident Fred Turnheim trafen Wolfgang Bachmayer (Geschäftsführer OGM), Fritz Hausjell (Kommunikationswissenschaftler Universität Wien), Christina Matzka (selbstständige Markt- und Meinungsforscherin), Dieter Zirnig (Herausgeber neuwal.com) und ORF-Legende Gerhard Vogl, der dankenswerter Weise kurzfristig zugesagt hatte, zusammen.

Wolfgang Bachmayer startete seinen Einstieg in die Runde mit einem Angriff an die Medien: „Ich war eine Woche vor der Wien-Wahl in Puls 4 bei einer Debatte als Experte mit dabei und konnte meinen Senf dazugeben. Da habe ich klipp und klar gesagt, ich sehe kein Kopf-an-Kopf-Rennen. Die SPÖ wird wohl stark verlieren, aber vorne bleiben. Wieso hat kein Medium darüber geschrieben?“ Und er blieb weiter angriffslustig: „Ich hätte nichts dagegen, wenn OGM keine Meinungsumfragen veröffentlicht. Wir haben weder einen Imagegewinn noch einen finanziellen. Vielleicht können Journalisten einmal einen Grundkurs in Meinungsforschung absolvieren. Hier ist ein breites Feld der Aufklärung notwendig“, so Bachmayer.

Fritz Hausjell bestätigte, dass vor allem in bestimmten Redaktionen mit Umfragen nicht seriös umgegangen werde: „Am Bedenklichsten sind oe24-Umfragen unter oe24-Hörerinnen und Hörern. Das ist ein sehr schmales Segment. Das Schindluder wird oft in den Redaktionen getrieben.“ Er plädiere daher an die Medien, möglichst viel Qualität und Seriosität einzubringen und wandte sich schließlich an die Wählerinnen und Wähler: „Das Dümmste sind Denkzettelwahlen. Denn der Denkzettel pickt fünf Jahre“, so Hausjell.

Christina Matzka relativierte in ihrer ersten Aussage die Rolle der Meinungsforschung: „Dass eine Partei und ein Spitzenkandidat groß wird, liegt an der Medienpräsenz, Umfragen sind ein Teil davon. Wie viel diese eine Wahl beeinflussen, steht in den Sternen. Welchen Anzug ein Kandidat trägt, kann genauso viel Ausschlag geben wie eine Meinungsumfrage.“ Sie betonte, dass sie es bei Meinungsumfragen mit einer größer werdenden Menge zu tun hätte, die nicht sagen könnten oder wollten, wen sie wählen werden oder gewählt haben. So will sich jetzt kaum jemand mehr daran erinnern können, bei der letzten Nationalratswahl das Team Stronach gewählt zu haben.

Dieter Zirnig, der von der Meinungsforschung sehr viel Lob einheimste, stellte in seinem ersten Statement klar, dass neuwal.com keine Konkurrenz zur Meinungsforschung darstelle, sondern diese nur interpretiere. Und er brach eine Lanze für Meinungsumfragen im Allgemein: „Bei den letzten Wahlen waren 72% der Umfragen in der Schwankungsbreite.“ Je mehr Umfragen es gäbe, desto spannender wäre es. Er sprach sich energisch gegen ein Publikationsverbot von Umfragen aus: „Wenn die Medien nicht Umfragen publizieren, dann machen es andere. In Spanien war es ein Obststand mit Äpfeln und Birnen, der eine Umfrage publizierte.“

Der pensionierte ORF-Journalist Gerhard Vogl brachte historische Anekdoten ein: „Bruno Kreisky brauchte keine Wahlforschung, er hatte einen Chauffeur, den Blauensteiner. Und Blauensteiner sagte oft: ‚Herr Doktor, was Sie gesagt haben, das glauben Sie doch selber nicht.‘“ Er brachte auch das Beispiel der letzten Wahl mit Schüssel, wo 30 Prozent der ÖVP-Funktionäre nicht zur Wahl gegangen waren, weil Schüssel in den Umfragen vorne lag. Natürlich sei es für Medien spannender, von einem Kopf-an-Kopf-Rennen zu berichten. Im ORF wird der Meinungsforschung aber immer viel Raum eingeräumt, um sich zu erklären.

Das ursprünglich ironisch formulierte Angebot der Fortbildung von Journalistinnen und Journalistinnen in Punkto Meinungsforschung nahm ÖJC-Präsident Fred Turnheim in seiner Moderation dankbar auf. Christine Matzka beteuerte, ihr Vortrag liege fertig in der Schublade und Dieter Zirnig ergänzte, sie würden solche Workshops anbieten, die Nachfrage könnte aber besser sein.

Christine Matzka veröffentlichte ihre Umfrage für das heutige News: Die ÖVP würde den Sieg davontragen, die Parteien würden aber näher zusammenrücken: ÖVP: 32 Prozent, SPÖ: 26 Prozent, FPÖ: 25 Prozent, Grüne: 4 Prozent, Neos: 5 Prozent, Liste Pilz: 5 Prozent, wobei sich zwischen Grünen, Neos und Liste Pilz noch einiges tun könne (Schwankungsbreite +/- 3,5 Prozent).

Auf die Publikumsfrage, ab wann eine Umfrage repräsentativ sein, antworte Christine Matzka, dass es nicht immer mit der Anzahl der Befragten zu tun habe. „Wenn eine Stichprobe gut, ist, können 300 Befragungen ein gutes Ergebnis bringen.“ Dieter Zirnig listete Aktualität, Methodik und die Fragestellung als weitere Qualitätskriterien auf.

Die nächste Veranstaltung im Rahmen der Reihe „Medien im Zeitgeist“ findet am 16. November 2017 um 19.00 Uhr im Hotel Zeitgeist zum Thema „Wenn das nächste Blackout kommt: Wie geht der Journalismus mit Krisen um?“ statt. Im Jänner 2018 widmet sich die Veranstaltung rechtzeitig vor dem Akademikerball dem Thema „Polizei und Journalismus“. Vertreter der Exekutive werden eingeladen, vor allem sollen aber betroffene Kameraleute und Pressefotografen zu Wort kommen.

Die Diskussion wurde vom Medienpartner W24 – das Stadtfernsehen aufgezeichnet. Der Podcast ist auf der Website des ÖJC (www.ojec.at) in Kürze abrufbar.

„Medien im Zeitgeist“ ist eine Kooperation zwischen dem Österreichischen Journalisten Club, dem Hotel Zeitgeist Vienna am Wiener Hauptbahnhof und dem Medienpartner W24.