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Tanz gegen den Machismo

Protest gegen Gewalt im Dezember 2019 in Mexico Stadt. - Foto: Carlos Tischler/imago images

Das Ausmaß der Gewalt gegen Frauen in Mexiko schien kaum noch steigerbar. Doch zwischen Januar und Juni 2020 wurden so viele Frauen ermordet wie noch nie: 489. Drei Femizide pro Tag. Und das ist nur die offizielle Zahl, die die Regierung soeben verkündete. Die Dunkelziffer liegt um ein Vielfaches höher. Doch die Frauen wollen das nicht länger hinnehmen. Franziska Pröll berichtet aus einem Land, in dem die Frauen kämpfen mit Lebenslust und Kreativität kämpfen.


Mexiko: Ich will ohne Gewalt leben!

Mirna Covarrubias Quintero hat sich einen Button an ihr T-Shirt geheftet. Auf Höhe ihrer Brust, rund fünf Zentimeter groß, mit einem Foto ihrer Tochter: Daniela Jiménez Covarrubias, braune Haare, lange Wimpern, lächelt. So wie sie es oft tat, bis sie vor dreieinhalb Jahren ermordet wurde. Bis Diego ihr mit einem Cutter die Halsschlagader aufschnitt. Diego, mit dem sich Daniela in der Schule angefreundet hatte. Diego, der, wie sie, 15 Jahre alt war.

„Diese Wunde wird nie verheilen", sagt Mirna Covarrubias Quintero. Sonntags trägt sie Blumen zum Grab ihrer Tochter in Montemorelos, einer Kleinstadt im Norden von Mexiko. Bevor sie morgens das Haus verlässt, steckt Covarrubias Quintero den Button an. „Die Leute vergessen nach und nach, was passiert ist - mit dem Button rufe ich Dany wieder in Erinnerung."

In Mexiko vergeht kein Tag, ohne dass eine Frau getötet wird. Wird sie wegen ihres Geschlechts zum Opfer, spricht man von einem Feminizid. Nach Angaben des „Nationalen Instituts für Statistik" gab es 3.752 Feminizide allein im Jahr 2018 - durchschnittlich starben also über zehn Frauen und Mädchen pro Tag durch Gewalt. Organisationen, die mit Angehörigen der Getöteten zusammenarbeiten, sprechen von einer hohen Dunkelziffer. Oft schlagen die eigenen Männer zu - etwa, weil die Frau sie verlassen wollte.

Die siebenjährige Fátima, deren Fall im Februar auch in Europa Schlagzeilen machte, wurde in Mexiko-Stadt vom Mann einer Bekannten ihrer Familie entführt, vergewaltigt, gefoltert und getötet. Man fand ihre Leiche in einer Plastiktüte am Straßenrand, zwischen Müllbeuteln und Abfällen. Ihr Mann habe „eine kleine Freundin" gewollt, erklärte die mit ihrem Mann festgenommene Ehefrau. Sie habe gefürchtet, er könne sich an den gemeinsamen Kindern vergehen, wenn sie ihm kein anderes Mädchen besorge.

Die Eltern von Daniela (li) protestieren gegen den ungesühnten Mord an ihrer Tochter.

Damit die vielen anderen, weniger spektakulären Fälle nicht vergessen werden, ruft María Salguero dazu auf, jeden Fall bei ihr zu melden. Seit 2016 dokumentiert sie in einer Karte, welche Frauen und Mädchen wo getötet worden sind. Der Aktivistin zufolge hat sich die Anzahl der Feminizide in den letzten drei Jahren fast verdoppelt.

Je mehr Frauen auf diese Art verstummen, desto lauter rebellieren die, die noch am Leben sind. Am 8. März haben zwei Millionen Menschen am Protestmarsch in Mexiko-Stadt teilgenommen. Viele werfen dem Präsidenten Andrés Manuel López Obrador vor, die Gewalt gegen Frauen gleichgültig hinzunehmen.

Auch Mirna Covarrubias Quintero fordert, dass die Regierung härtere Maßnahmen ergreift. Für sie ist die Straflosigkeit das größte Problem: „Die Männer töten und es passiert nichts." Der Mörder ihrer Tochter musste nur für zwei Jahre ins Gefängnis. Diego war zum Tatzeitpunkt minderjährig. Die Mutter, die ihre Tochter verlor, verlangt: „Schnellere Festnahmen, effizientere Verfahren und die Einbeziehung der Ge schlechtskomponente." Sie gründete, gemeinsam mit ihrer Schwester Zandra, nach dem Tod ihrer Tochter den Verein „Ich will ohne Gewalt leben".


In der aktuellen Juli/August-EMMA über die Frauenproteste in Chile und Kolumbien lesen.
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