Franziska Horn

Autorin. Freie Journalistin, München

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Zwischen Tradition und Transformation – Der Tannerhof

Modernisierung eines oberbayerischen Einfirsthofs. Foto: Ann-Kathrin Singer

Was passiert, wenn ein 500-jähriger oberbayerischer Einfirsthof auf Elemente in moderner Formensprache trifft? Im besten Fall ein originelles Urlaubsdomizil, ein gelungenes „Joint venture“ aus Alt und Neu. Heute ist der Tannerhof ein vielgestaltiges Bergdorf – mit vielfach preisgekrönter Architektur.

Es war im Jahr 2004, als Burgi von Mengershausen den Tannerhof, ein gut etabliertes Sanatorium für Naturheilverfahren, von den Eltern übernahm. Wie diese ist Mengershausen heute Inhaberin, Gastgeberin und Medizinerin - bereits in der vierten Generation. Doch für sie standen die Zeichen auf Neuanfang, der bisherigen Ausrichtung gab Mengershausen keine große Zukunft mehr. Ihr Credo: „In Zeiten der Übermaterialisierung sehnt man sich nach weniger statt mehr". Das neue Konzept, ein erweitertes Hotel und Gesundheitsressort, verlangte bauliche Anpassungen und Strukturveränderungen. Dazu hatte Mengershausen klare Vorstellungen: „Bloss kein Kitsch! Jodelstil streng verboten. Kein Kulissenbau! Der Mensch darf wieder wesentlich werden - mit moderner alpiner Architektur." Markante Hüttentürme Der passende Sparringspartner für das Vorhaben fand sich in Florian Nagler, Professor am Lehrstuhl für Entwerfen und Konstruieren an der TU München, der hier zudem ein Architekturbüro mit 25 Mitarbeitern führt. Ein Blick auf die Website zeigt: Das Büro hat eine Expertise für ländlich gelegene Objekte. Auf Nachfrage in Sachen Spezialisierung sagt Nagler jedoch: „Wir machen alles". Um das altehrwürdige Anwesen am Rande der bayerischen Voralpen für eine zeitgenössische Nutzung als Hotel und Gesundheitsresort zu rüsten, sanierte, ergänzte und erneuerte das Münchner Büro die drei in U-Form aneinandergebauten Haupthäuser. Weil die Anzahl der vorhandenen Zimmer erweitert werden sollte, fügten die Architekten vier markante kleine „Hüttentürme" hinzu, die die bereits bestehenden sogenannten „Lufthütten" ergänzen, die weit verstreut zwischen Bäumen und Wiesen am Hang oberhalb des Hofes liegen. Alpine Bautradition Worin lag also hier die besondere Herausforderung? „Seit der Gründung des Tannerhofs 1905 gibt es diese oberhalb der eigentlichen Sanatoriumsanlage liegenden „Lufthütten". Diese Idee haben wir transformiert und in Form von kleinen „Hüttentürmen" weitergeführt. Die neuen Türme ergänzen die vorhandenen Lufthütten auf dem Hanggelände. Sie sind so platziert, dass ein ausgeglichenes Verhältnis von alten und neuen Hütten entsteht. Diese Hüttentürme wurden als Holzkonstruktion aus Brettsperrholz auf in den Hang integrierten Sockelgeschossen aus Stahlbeton errichtet." Bei einem quadratischen Grundriss von 6,60 mal 6,60 Metern ragen die Türme heute gut elf Meter hoch in den Himmel. Rundum mit Lärchenschindeln verkleidet, greifen sie ursprüngliche und authentisch alpine Bautraditionen auf. Auch die flach geneigten, leicht überhängenden Satteldächer antworten in Form und Neigung auf örtlich traditionelle Dachformen. In jedem Turm liegen drei Doppelzimmer übereinander, verbunden durch eine innenliegende Außentreppe, jeweils mit Bad und großzügiger, bodentiefer Verglasung zum Balkon. Auf WLAN und TV wird kategorisch verzichtet. Wie außen spielt Holz auch innen eine tragende Rolle in Form von Mobiliar und Dielenboden aus Fichte. Begonnen im April 2011, waren die Türme nach neunmonatiger Bauzeit fertig. Das Ergebnis überzeugte, denn der Umbau wurde in kurzer Zeit mehrfach ausgezeichnet: von der Jury „Aktuelle Architektur in Oberbayern", vom Bund deutscher Architekten „BDA" mit dem BDA-Preis Bayern für „Raumwirkung". „Holzbau Deutschland" vergab den Deutschen Holzbaupreis für „Bauen im Bestand", das Deutsche Architekturmuseum nahm den Tannerhof ins Deutsche Architekturjahrbuch 2013 auf. Und der BDA verlieh noch die Architektur-„Nike" für „Komposition". Zu Lage und Region Der Tannerhof liegt sonnig am Südwesthang zwischen Bergwald und Wiesen. Zum nahen Schliersee sind es 13, zum Tegernsee 27 Kilometer. Hier in der Alpenregion Tegernsee - Schliersee gibt es sie noch: alte Bauernhöfe, urbayrische Dörfer, lauschige Berghütten, die Berge kaum verschandelt. Eine besonders schöne Wanderung führt von Neuhaus am Schliersee hinauf zu Ankelalm und Ackernalm und hinauf zur Brecherspitz - mit viel Rindvieh, Almhirten, Sennen, Käsemachern. Hier am Schliersee geht es generell gemütlicher, familiärer und vielleicht auch echter zu als drüben an der Goldküste vom Tegernsee, wo sich die Millionärsvillen (Manuel Neuer! Hubert Burda! Willy Bogner!) an den Hang drängen und wo sich Promis und VIP's die exklusiven Klinken der Sternegastronomie in die Hand geben. Wen man dagegen so am Schliersee trifft? Gerhard Polt, Bayerns bester Satiriker, kann man live direkt beim Granteln am Wirtshaustisch erleben und das Bauernhofmuseum von Ex-Skirennstar Markus Wasmeier, hier ebenso heimisch wie Polt, bietet wirklich lohnende Einblicke in alte Bautraditionen. In Nähe des Schliersees finden sich zwei sehr erfolgreiche Destillerien: Die Marke „Slyrs" steht für Bavarian Whisky, bei „Lantenhammer" gibt es Edelbrände und Liköre vom Feinsten. Apropos Alkohol: Wer aus Bayern stammt, der kennt ihn wohl noch, den alten Gassenhauer-Song: „Ich hätt' gern an Biersee, so groß wie der Schliersee, so tief und so frisch, und ich wär a Fisch". Und weil es hier wirklich noch so beschaulich zugeht, dienten die Schlierseer Berge schön öfters als Filmkulisse: Für „Ein Bayer auf Rügen" mit Ottfried Fischer, für „Wer's glaubt, wird selig" mit Christian Ulmen und für die 2006 erschienene Filmkomödie „Wer früher stirbt ist länger tot" von Marcus H. Rosenmüller. Wer die Drehorte in natura sehen möchte, für den gibt es eine eigene Film-Radltour von 49 Kilometer Länge.

von Franziska Horn, 25.06.2020

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