Franziska Horn

Autorin. Freie Journalistin, München

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Ladinisch für Anfänger

Zwischen den Geislerspitzen und der Hochebene der Fanes erstreckt sich die Region Alta Badia – hier im Herzen Ladiniens ist seine Kultur und Sprache bis heute lebendig, sogar auf dem Teller 


"Bun de begnodüs, bëgnodüs!“ – guten Tag, willkommen! Wer zum ersten Mal in der Re- gion Alta Badia, das heißt im Gadertal und damit im Herzland Ladiniens unterwegs ist, dem wird die heimische Mundart wie eine Geheimsprache erscheinen. Zwar ist Ladinisch eine Minderheitensprache Norditaliens, zugleich aber P icht- schulfach und eine der drei Landessprachen Südtirols, die jedoch nur vier Prozent der Bevölkerung sprechen. Mit dem Erhalt der Sprache soll auch die Identität der Ladi- ner erhalten bleiben, ihre Bräuche, ihre Küche.

Das Ladinische fußt auf dem Rätoromanisch der Räter, eines keltisch geprägten, alteingesessenen Alpenvolks, dessen Sprache die lateinischen Ausdrücke adaptierte und sich so zum Ladinischen weiterentwickelte. Mit der Sprache blieben viele Traditionenen und andere kulturelle Güter erhalten – heute gilt es, all das Ursprüngliche zu entdecken. Das macht Besuche in den ladinisch geprägten Alpentälern Südtirols so spannend.

Seit 2009 zählen die Dolomiten zum UNESCO-Welterbe. Diese lassen sich auf tagelangen Wandertouren erkunden, rund um die „Odles“, die Geislerspitzen, mit dem Naturpark Puez-Geisler und lohnenden Zielen wie der Schlüterhütte – oder ostseitig der Talschaft Alta Badia: auf weiten Wegen hinauf zum Heiligkreuzkofel, in den Naturpark Fanes-Sennes-Prags mit der Fanes- Hochebene auf über 2000 Metern Höhe. Die verwunschen wirkende Hochebene wird kreisförmig umgeben von Dolomitengipfeln wie Neuner, Zehner, Antonispitze, Piz Lavarela oder dem Monte Castello, der wie ein dicker Backenzahn über weiten Hängen thront, zu seinen Füßen das „Bivacco della Pace“, das Friedensbiwak, eine winzige, an den Fels gekauerte Hütte.

Nicht weit davon bietet die Lavarella-Hütte Bergfans ein so standesgemäßes wie gemütliches Quartier. Mit kulinarischen Überraschungen: 2013 restauriert, eröffnete Junior-Hüttenwirt Gábor 2019 zusammen mit Vater Hanspeter Frenner eine Mikrobrauerei namens Ga.beer – es ist die höchstgelegene Europas. Damit nicht genug: Küchenchefin Michaela Frenner tischt klassische Südtiroler und ladinische Gerichte auf, zum Beispiel Cajinci, also Schlutzkrapfen, Turtres benannte Teigtaschen und Tiroler Knödel, während Anna Frenner als Diplom-Sommelière beste Weine serviert.

Die Hochebene durchziehen Wanderwege für Familien oder sportliche Bergsteiger, dazu verläuft hier der be- rühmte Dolomitenhöhenweg Nr. 1 (Alta Via Nr. 1): Die 90 Kilometer lange Strecke beginnt am Pragser Wildsee im Pustertal und führt entlang der Hauptkämme der wichtigsten Dolomitengruppen bis nach Belluno am Alpensüdrand. Wer nach Höherem strebt: Rund um die Fanes-Ebene warten weithin bekannte Klettersteige und Routen, von niemand geringerem eröffnet als von den le- gendären Kletterbrüdern Günther und Reinhold Messner. Und längst haben auch, wen wundert‘s, die Mountainbiker die Fanes-Hochebene für sich entdeckt.

Wildgulasch und hausgeräucherter Speck

Nur ein paar hundert Meter von der Lavarellahütte entfernt wartet in Sichtweite die bekannte Fanes-Hütte mit dem gemauerten Ofen auf Gäste, die ihre müden Wadeln im berühmten Saunafassl entspannen wollen – dieses ist in Sommer wie Winter geöffnet. Auch in der urigen Fanes-Hütte, Ücia de Fanes auf Ladinisch, kommen ladinische Gerichte auf den Tisch. Benannt ist die Hütte nach den Sagengestalten der Fanes rund um die Fanes- Königin und ihre Königstöchter Dolasilla und Lujanta. In der Fabel geht es um Kampf und Frieden, um Zwerge und Murmeltiere um und einen Schatz im Silbersee. Kein Zufall: Hier aus dem Ort Wengen im nahen Gadertal stammen auch die drei Sängerinnen der ladinischen Band Ganes, deren Name auf den alten Sagen beruht. Verzaubert wirken die hiesigen Almen bis heute, vor allem wenn unterhalb des Zehners im Mai die Krokusblüten auf den Amentara-Wiesen in ganzer Pracht erblühen. Westseitig, also auf der gegenüberliegenden Talseite, liegt hoch oben die Schlüterhütte auf 2306 Metern Höhe in der Peitlerkofelgruppe. Von hier erschließt sich eine lange Tour rund um die ikonischen Geislerspitzen, Odles auf Ladinisch. Wer sich vom Dolomitenweitblick und sphärischen Sonnenuntergängen losreißen kann, den erwartet die Gaststube mit Gerstlsuppe, Wildgulasch, hausgeräuchertem Speck und Kaiserschmarrn und dazu ein Glas Südtiroler Wein. Oder lieber doch den hausgemachten Apfelstrudel oder die Schwarzplenten-Torte – aus Buchweizen also – probieren? Das Menü der Schlüterhütte überzeugte schon Staatspräsidenten wie Sandro Pertini, der einst hier einkehrte.

Wer die angefutterten Kalorien in Energie umsetzen will: Von der Hütte aus erschließt sich der circa 16 Kilometer lange Günther-Messner-Gedächtnissteig, der allerdings mit seinen kurzen Kletterpassagen alpinistisches Können voraussetzt. Nach gelungener Berg- oder Wandertour bleibt dem Urlauber nur noch eines: Ein grundehrliches „De gra!“ – Danke! an die reiche Natur hier im Herzen Ladiniens zu schicken.

Franziska Horn 

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