Franziska Horn

Autorin. Freie Journalistin, München

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Reportage

Tiroler Traum-Traverse

Alpcross auf die klassische Art – In sechs Tagen über den vergletscherten Alpenhauptkamm vom Ötztal ins Schnalstal: Ohne Gepäcktransport - dafür mit Ötzi-Besuch.

Wo is‘n 'etz mei Stirnlamperl?“ Auf hektisches Suchen folgt wildes Wühlen im halbvollen Rucksack – niemand antwortet. „Hat wer mei Trinkfkasch‘n g‘sehn?“, tönt es aus einer anderen Ecke. Keine Antwort. Vier Frauen, vier Männer – alle reden durcheinander, hier unten im Keller des Ötztaler Hotels. Schnell noch zwei Tüten mit gefriergetrockneter Outdoornahrung in die Rucksack-Seitentaschen stopfen. Nur noch wenige Minuten, dann geht es los. Aufregung liegt in der Luft. Gelassen schaut Bergführer Patrick auf das Treiben – solche Szenen kennt er zu gut. Kurz vor dem Start einer Berg-Expedition ist das Stresslevel meist am höchsten. Neben seinem rund 15 Kilo schweren Rucksack trägt der Schweizer die Verantwortung für die gesamte Gruppe.

Endlich sind die Rucksäcke gepackt. Sieben Tage geht es über Gipfel und Pässe. Rund 65 Kilometer laufen, vier bis neun Stunden am Tag, von Oberried im Ötztal über den Hauptkamm ins Schnalstal, dabei Aufstiege bis 1400 Höhenmeter und Abstiege bis zu 1700 Höhenmeter bewältigen – das alles steht den Teilnehmern bevor. Den höchsten Punkt bildet dabei die vergletscherte Wildspitze mit 3768 Metern. Für einige wird es der höchste Berg des Lebens, dazu der erste Gang über den Gletscher. Ein echtes Abenteuer.

Es ist schwül. Im Nebel steigt der Treck der Höhenaspiranten hinauf zum Hauersee mit seiner Selbstversorgerhütte. Oben angekommen, reißt der Himmel auf. Kreischend geht es auf einen Sprung kalten See, danach wartet vor der Hauerseehütte ein Aufwärmtee. Noch ein Schnapserl und allen ist wieder warm. Wir sitzen draußen vor der winzigen Hütte, Bergführer Patrick erzählt aus seinem Leben: „Wenn man viel in der Natur ist, nimmt man man- che Dinge nicht mehr so wichtig, man lernt, positiv zu denken.“ Die Ruhe, die er ausstrahlt, steckt an. Beim abendlichen Trockenfutter-Menü zieht Patrick abernichtmit:„IhobjasodieSchnauz‘nvolldavon.“ Lieber holt er sich einen Speck aus dem Rucksack. Während sich die Gruppe Witze erzählt, beginnt es draußen zu schütten. Es kühlt ab. Immer wieder schaut Patrick vor die Tür. Platzregen am Hauersee - was bedeutet das für uns: viel Neuschnee auf der Gletscher-Route zur Wildspitze?

Hütte im dichten Nebel
Nach einer Nacht im Matratzenlager heißt es Zähneputzen im Morgengrauen, draußen am Bach. Ab- marsch um halb sieben. Der Regen hat nachgelas- sen. Siebeneinhalb Stunden geht es nun über die Pässe, über fünf Übergänge, rauf und runter, über nasses Gestein, Schotter, Brocken, Schrofen. Kaum Sicht. An der Luibisscharte schlägt Patrick mit dem Pickel Stufen ins Toteis. Später stürzt eines der Mädchen zwischen Felsen auf‘s Knie, humpelt. Pa- trick übernimmt ihren Rucksack. Die Truppenmoral bleibt gut.
Oben auf der Spitze des Gahwinden in 2649 Metern Höhe schart sich die Truppe ums halbhohe Gipfelkreuz. Gruppenbild. Patrick gibt einen Schweizer Jodler zum Besten. 300 Meter darunter liegt die Rüsselshei- mer Hütte im dichten Nebel. Stein- böcke soll‘s hier oben geben. Doch die kriegt die Gruppe erst auf dem Teller zu Gesicht: als Gulasch. Lorenzo staunt. Veggie-Fan Marina staunt auch, bestellt dann einen riesigen Salat.
Am nächsten Morgen glänzt der Himmel wie reingewaschen. Entspannt geht es hinunter ins Pitztal. Natalia stammt aus der Nähe von Krakau, macht Faxen, sie scheint ein echter Konditionstiger zu sein. Jetzt, am dritten Tag, hinterlässt der Marsch bereits Spuren bei manchem Teilnehmer. Doch Patrick ist zufrieden: Das Team kommt schnell voran. Gedanklich sortiert er bereits die Seilschaften für die lange Tour auf die Wildspitze. Mittags in Mandarfen stößt Yann, ein Bergführerkollege, dazu. „Habt ihr schon Bam- mel vor der Gipfeltour?“, witzelt Yann und schiebt nach: „No fear, no fun“. Dann erklärt er sachlich und schlicht, wie man Steigeisen anlegt – und damit läuft. „Es ist nicht schwierig. Aber wenn man‘s falsch macht, kann es sehr ermüden“. Dann macht sich der Treck auf den dreistündigen Weg zum Taschachhaus. Nach dem Abendessen verschwindet die Mannschaft früher als sonst in den Federn. Alle haben Respekt vor dem nächsten Tag, vor dem Berg, vor der langen Etappe. (...)