Franziska Horn

Autorin. Freie Journalistin, München

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Umstrittenes Kunstprojekt "For Forest": Abseits im Grün

Das Grün gehört ins Stadion wie das Runde ins Eckige: Was aber, wenn genau 299 Bäume auf dem Rasen stehen? Foto: UNIMO

In Klagenfurt steht ein Wald in einem Stadion, das wohl spektakulärste Kunstprojekt Österreichs 2019. Warum gibt es darum einen so heftigen Streit?


Von Franziska Horn


Die Farbe Grün, sie gehört ins Fußballstadion wie das Runde ins Eckige. Was aber, wenn das Grün kein sorgsam gehegter Kunstrasen ist - sondern ein Mischwald von aus- und hochgewachsenen Bäumen der schönsten europäischen Arten? Den es so kaum mehr gibt in der freien Natur?


Für die Installation "For Forest" werden 299 Bäume - 14 Meter hoch, bis zu 40 Jahre alt - vom 8. September bis 27. Oktober auf dem Rasen des Wörthersee Stadions Klagenfurt aufgestellt. Ein Quäntchen Wahnsinn gehört wohl zu solch einer Aktion, die "Österreichs größtes Kunstprojekt 2019 im öffentlichen Raum" sein will.


Initiator des Projekts ist der Basler Kulturvermittler Klaus Littmann. Er studierte einst an der Kunstakademie Düsseldorf bei Beuys, der schon zur Documenta 1982 unter dem Slogan "Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung" 7000 Eichen in Kassel pflanzen ließ.

Littmanns neues Projekt ist allerdings viel stärker von einem Werk des österreichischen Künstlers Max Peintner inspiriert: "Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur" heißt dessen kolorierte Bleistiftzeichnung von 1970/71 - es ist zugleich auch der Untertitel von "For Forest".


Peintner, 1937 geboren in Hall in Tirol, ist bekannt für seine ir- und surrealen, futuristisch-phantastischen Zeichnungen, sie thematisieren Umwelt- und Naturzerstörung und hinterfragen zivilisationskritisch die Wahrnehmung. Er zeichnet, was jeder kennt. Doch erst in scheinbar absurder Kombination werfen seine Szenarien ganze Fragenkomplexe auf. Was, wenn ein natürlicher Mischwald einst von höchster Attraktion sein wird, weil er nur noch als Ausstellungsstück existiert? So wie heute ein seltenes Tier im Zoo?


Atme, Österreich!

"Die Bäume sollen Aspekte der Nachhaltigkeit im Hirn der Beschauer verwurzeln", sagt Littmann, der das Projekt sechs Jahre vorbereitete. Die Kritik aus Reihen der Gegner, dass gefälligst keine Steuergelder verschwendet werden dürften, kontert der Schweizer so: "Mein Wald ist privat finanziert, mit der Unterstützung von Firmen, Stiftern, Donatoren." Groß angelegte Kulturprojekte haben es oft schwer, Kontroversen erscheinen vorprogrammiert, zumal in Zeiten von Rechtspopulismus. "Man kann doch gar nicht gegen den Wald sein", glaubt Littmann.


Tatsächlich steht der Wald schon länger im Zentrum von Kunst und Kultur. Schon 2015 drängten sich die Massen auf der Mailänder Weltausstellung durch einen Pavillon, der eigentlich keiner war: Für Österreich hatte "breathe.austria" unter dem Aspekt Luftqualität einen Wald mit Wasserschleierregen kreiert, in dem sich erhitzte Besucher begeistert abkühlten.


Im gartenverrückten England feierte die Presse zuletzt eine von der Duchess of Cambridge im Rahmen der Chelsea Flower Show selbst entworfene Grünzone mit Bach und Brücke. Diese stellte den Entwurf in den Zusammenhang mit physischer und psychischer Gesundheit.


Ein Teil der Kontroverse um "For Forest" hat allerdings nichts mit den künstlerischen Meriten des Projekts zu tun: Weil sich der Kärntner Fußballklub Wolfsberger AC in der vergangenen Saison für die Europa League qualifizierte und in der Nähe nur das Wörthersee Stadion internationalen Auflagen entspricht, meldete der Verein Spielbedarf an. Doch der Vertrag zwischen Littmann und Stadt war schon 2017 unterschrieben, der WAC muss nun ins entlegene Graz ausweichen.


Ein bisschen Fitzcarraldo

Gegenwind kam auch von der FPÖ, sogar persönliche Beschimpfungen. In der aufgeheizten Debatte fielen Äußerungen wie "Hurensohn!" und "Hängt den Künstler am nächsten Baum auf!", zudem wurde zu Vandalismus an den Stadionbäumen aufgerufen. Klagenfurts Bürgermeisterin Maria-Luise Mathiaschitz von der SPÖ betrachtet "For Forest" hingegen als "eine einmalige Chance, Klagenfurt als weltoffene Stadt zu präsentieren".


Littmanns Erzählungen rund um das "For Forest"-Projekt erinnern an Werner Herzogs Film "Fitzcarraldo", in dem ein manischer Klaus Kinski ein Schiff über den Berg zieht, um eine Oper mitten im Amazonas-Urwald zu bauen. Doch während die Filmfigur Fitzcarraldo ein Stück Hochkultur in einer ursprünglich-chaotischen Natur implementieren will, hat sich im Klagenfurter Projekt die Botschaft genau umgekehrt: Inzwischen ist der - wenn auch inszenierte - Wald selbst das rare Gut. Er steht als Memento mori für ursprüngliche Natur inmitten einer urbanen Spaßarena des heutigen Industriezeitalters.


Ab Sonntag ist er nun zu begehen, der Mischwald im 30.000 Menschen fassenden Wörthersee Stadion. Bei freiem Eintritt können Besucher das Oeuvre tagsüber und nachts bei Flutlicht bestaunen, begleitet von einem kulturellen Rahmenprogramm. Auf dem Spielplan des Stadttheaters Klagenfurt: die Oper "Tannhäuser" und die Uraufführung des Stücks "Bitte gehen Sie nicht ins Stadion".


Für die Realisierung suchten eigene Baumscouts unter Leitung von Landschaftsarchitekt Enzo Enea die verschulten Gewächse in europäischen Baumschulen zusammen, denn: "Solche Bäume waren in Höhe und Alter in Österreich gar nicht zu finden", sagt Littmann. Er hofft für seine "Lebensbäume" auf einen ähnlich starken Widerhall, wie ihn einst die "Wrapped Trees" von Christo hervorriefen.


Und weil sich die Frage nach der Nachhaltigkeit natürlich aufdrängt: Danach wird der Kunstwald in ein stadtnahes Gelände verpflanzt und sozusagen ausgewildert.

For Forest, ab 8.9. bis 27.10.2019 im Wörthersee Stadion Klagenfurt.

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