Franziska Horn

Autorin. Freie Journalistin, München

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Wie klingt das Leben? Ein Besuch beim Klangdesigner

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Simpelste Gebrauchsgegenstände ändern über die Jahrzehnte hinweg ihren charakteristischen Klang - prägen aber ihre jeweiligen Epochen. Der Sounddesigner Florian Käppler hält ihren Charakter fest. Foto: PeJo - stock.adobe.com

Mit der Ausstellung Sound of Design hat die Münchner Pinakothek der Moderne einen phonetischen Coup gelandet. Federführend: der Stuttgarter Sounddesigner Florian Clemens Käppler. Wie aber wird man Klangerfinder - und: Was macht der eigentlich? 


Stuttgart - Es rattert und rasselt, klackert und quietscht, wenn Florian Clemens Käppler die Tonspuren diverser Geräte von historisch bis modern im Kunstmuseum vorführt. Der Stuttgarter steht im Untergeschoss der Pinakothek der Moderne München und zeigt auf ein Arrangement mechanischer oder elektrischer Geräte verschiedener Epochen. Wie prägten diese Apparate, Autos oder Maschinen das phonetische Grundrauschen ihrer Zeit, während der Industrialisierung oder der Wirtschaftswunderjahre? Und wie mutet der akustische Tönekanon des Digitalisierungszeitalters an?

"Ich will für das Hören sensibilisieren und die Welt der Alltagsklänge bewusster machen", sagt der Gründer und Geschäftsführer der Agentur Klangerfinder aus Stuttgart. 

Sinn und Funktion dieser Objekte erfahrbar machen, das wollte auch die Direktion der Neuen Sammlung, mit rund 100.000 Designobjekten eine die der größten weltweit. Dass 49 der Exponate nun auch noch große Töne spucken, verblüfft. Wie tönt ein Siemens-Tischtelefon mit Kurbelinduktor aus dem Jahr 1900, wie ein VW Käfer von Designer Ferdinand Porsche von 1936 – im Gegensatz zu einem Tatra von 1937, designt von Hans Lewinka, Tschechische Republik? Wie klingt ein Dyson-Staubsauger, wie die berühmte Schreibmaschine Valentine von Sottsass aus dem Jahr 1968?


„Die meisten Objekte machen sich im Alltag über integrale, charakteristische Geräusche bemerkbar, die wir eher unterbewusst oder sogar als Störgeräusch wahrnehmen. Erst wenn die funktionalen Geräusche plötzlich anders klingen oder ganz fehlen, merken wir, dass ein Gerät kaputt ist. Das zeigt, Töne sind fast so wichtig wie das Objekt selbst und eng mit ihrer Funktion verbunden“. In einer eigens errichteten Klangkabine ließ Käppler die Funktionsgeräusche der Objekte aufnehmen, mit bis zu fünf einzelnen Tonspuren. Abgespeichert in der App „Sound of Design“, erhalten die historischen Designobjekte also ihre urspünglichen Geräusche zurück. Museumsbesucher können die charakteristischen Töne per Smartphone oder über die betreffende Website aufrufen, herunterladen und damit akustisch in die Vergangenheit reisen.


Persönlich hat sich Käppler, Jahrgang 1969, keinen der Klingeltöne auf's Handy geladen. Er sagt: „Ich bin nicht sehr klingeltonaffin, ich setze mehr auf Klangökologie. Das heißt: Ich halte mein Handy meist stumm und checke nur Textnachrichten. So schaffe ich kurze Auszeiten von der Produkthaftigkeit der heutigen Welt mit all dem Gedudel.“ Käppler weiß: „Akustische Signale sind für uns mindestens so elementar wie visuelle“. Er selbst interessierte sich schon früh für die Wirkung der Klänge, spielte Klavier – und entdeckte dabei die unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen für sich. Eine Initialzündung, die ihm aufzeigte, wie sehr die Welt des Hörens nicht allein über die Ohren, sondern über alle Sinne wahrgenommen wird. Dieses Phänomen des Köperschalls spürte er deutlich, als er einmal bei einem sowohl mechanisch wie digital bespielbar Flügel den Ton abstellte. Beim Spielen nahm er die nun isolierten Schwingungen und Vibrationen eindrücklich über Haut, Knochen, Hände und Füße wahr. „Herbert Grönemeyer beschreibt in seinem Lied ,Sie mag Musik nur wenn sie laut ist“ eine gehörlose Frau, die laute Musik über alles liebt, weil sie ihr so schön "in den Magen fährt“, erklärt Käppler, den das Zusammenspiel von Ton, Klang, Schall bis heute fasziniert.


Später wendete er sich progessiveren Medien zu. Er studierte Filmkomposition sowie Jazz- und Popularmusik am Berklee College of Music in Boston sowie an den staatlichen Hochschulen für Musik in Stuttgart und Hamburg. Er komponierte und kreierte den Sound für Filme, bevor er Schallplattenverträge unterschrieb, mit Bands wie Rammstein oder Künstlern wie Bob Geldof auf Tournee ging und als Artdirector, Klangkünstler und Berater für Musik, Film, Events, Museen und Werbung arbeitete. Aus seinem Atelier stammt das tieffrequente Soundlogo mit dem bekannten Herzschlagmotiv für die Marke Audi. "Sounddesign ist eine neue, noch junge Disziplin. Erst seit rund 25 Jahren werden Funktionsgeräusche überhaupt in den Designprozess einbezogen“, sagt der findige Klangmeister und wird dabei nicht müde auf, für sein Metier zu werben.


Mehrfach für seine Audioproduktionen preisgekrönt, unterrichtet der Sounddesigner seit 2011 an der HDPK Berlin, wo er den Studiengang Audiodesign aufbaute. 2009 begründete er den Studiengang Musikdesign an der FH Trossingen, der sich der Schnittstelle von Musik, Sounddesign und Produkt widmet und den er seitdem leitet. „Die Berufsaussichten sind äußerst vielfältig“, sagt er. Seine eigene, 2009 gegründete Agentur Klangerfinder GmbH zählt aktuell rund 20 Mitarbeiter. „Den Sound von Alltagsdingen zu optimieren, davon leben bereits ganze Industriezweige: Während sich ,foley artists' um die passende Geräuschkulisse für Film und TV kümmern, helfen Akustikingenieure und Sounddesigner, Töne zu modifizieren, vom wertig klingenden Schlagen einer Autotür über das motivierende Ploppen eines Kronkorkens bis hin zum crunchy Knuspern von Kartoffelchips“, erzählt er. „Das Hören ist dabei noch wichtiger als Sehen oder Riechen. Besonders spannend ist, wie das Hören das Sehen beeinflusst und wenn Musik oder Klang mit anderen Sinnen wie Schmecken, Sehen und Riechen zusammen trifft“, sagt der Stuttgarter, der gerne über die Metaebene des Sounds philosophiert und Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Musikpsychologie (DGM) ist. „Über Lichtfarben und ätherische Klänge lässt sich zudem Raumtemperatur beeinflussen“, sagt er und berichtet von einem Versuch der Universität Oxford 2014: „Bei ,The Sound and taste (of music)' ging es beispielsweise darum, den Geschmack von Pasta im Zusammenspiel mit Musik zu betonen, als erhebendes Gesamterleben, sozusagen“. Von Käpplers Erfindungen werden wir künftig noch hören, buchstäblich.

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Info unter:

= http://www.klangerfinder.de Agentur für Sounddesign

= www.pinakothek.de/ausstellungen/sound-of-design - Noch bis zum 31.12.2020 in der Neuen Sammlung der Münchner Pinakothek der Moderne. Derzeit enthält die App 49 Objekte aus der aktuellen Ausstellung, zu denen jeweils bis zu fünf Töne zur Verfügung stehen. Die Besucherinnen und Besucher können sich ihre Favoriten in einer Liste zusammenstellen sowie alle Geräusche für die private Nutzung kostenlos herunterladen. Die Web-App selbst muss nicht heruntergeladen werden, man kann sie einfach unter www.sound-of-design.de im Browser aufrufen.

= https://dnstdm.de/soundofdesign/ Info zur Ausstellung in der PIN der Moderne München

= https://sound-of-design.de App zur Ausstellung

= www.sound-of-design.de Website zur Ausstellung mit Tonspuren und Soundcollagen

= www.musikdesign.net Studiengang Musikdesign der Musikhochschule Trossingen

= https://www.hdpk.de/de/studium/bachelor/audiodesign/ Studiengang für Audiodesign an der Hochschule der popülären Künste (HDPK) Berlin


Sound of Design, noch bis zum 31.12.2020 in der Neuen Sammlung der Münchner Pinakothek der Moderne. Derzeit enthält die App 49 Objekte aus der aktuellen Ausstellung, zu denen jeweils bis zu fünf Töne zur Verfügung stehen. Die Besucherinnen und Besucher können sich ihre Favoriten in einer Liste zusammenstellen sowie alle Geräusche für die private Nutzung kostenlos herunterladen. Die Web-App selbst muss nicht heruntergeladen werden, man kann sie einfach unter www.sound-of-design.de im Browser aufrufen.

Von Franziska Horn – 02. August 2019 - 18:00 Uhr

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