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Alles im Fluss

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Das Licht, seine Reflektionen und das Wasser sind die Hauptdarsteller im ersten schwimmenden Design-Hotel Frankreichs.

Im Juni 2016 hat Frankreichs erstes schwimmendes Hotel eröffnet: Das "Off Paris Seine" will ein Prototyp für architektonisch ausgeklügeltes Leben auf dem Wasser sein. Dahinter steht der französische Architekt Gérard Ronzatti und sein Unternehmen Seine Design, das weltweit "architecture flottante"-Objekte realisiert.


Nichts, was es nicht schon gäbe in Paris und doch hat die französische Hauptstadt seit Juni ein ganz neuartig-edles Quartier bester Lage im Portfolio. Nochdazu eines, das maritime Sinneseindrücke inmitten der Millionen-Metropole vermittelt. Das ist eher untypisch für eine europäische Großstadt. Nur ein paar Schritte vom Gare d'Austerlitz hat das schwimmende Hotel "Off Paris Seine" am südlichen, linken Ufer der Seine im 13. Arrondissement festgemacht. Sein Heimathafen liegt zwischen zwei Brücken, dem nostalgischen Viaduc d'Austerlitz von 1904, der sich im dynamischen Bogen über das Wasser spannt, und der modernen Trägerbrücke des Pont Charles-de-Gaulle von 1996.


Stahl, Glas und Holz, das sind die Materialien, aus denen das schwimmende Vier-Sterne-Basecamp mit seinen zwei Wohnetagen gemacht ist. Eine Gangway führt direkt vom Quai d'Austerlitz in die Lobby. Von hier schweift der Blick auf die beiden langen Wohntrakte und linkerhand über das offen gestaltete Restaurant – dazwischen schneidet ein zwei Mal zehn Meter schmaler Pool den Bar-Bereich spektakulär in zwei Teile. Wie eine überlange Badewanne hängt das Becken zwischen den hölzernen Decks, Gäste können hier intim und geschützt mit Infinity-Sicht auf die Seine planschen. Selbige strömt unterhalb des Pools mittig, ruhig und offen (!) zwischen den beiden Schiffsrümpfen dahin. Ein symbolhaftes Bild: "So verkörpert das ,Off Paris Seine' ein Sinnbild für die Stadt Paris mit ihren zwei Ufern, dem rive gauche und dem rive droite, dazwischen die Seine", erklärt Architekt Gérard Ronzatti bei einem Rundgang.


In Zahlen: 80 Meter lang und 18 Meter breit, so lauten die Abmessungen des langgestreckten Hotels mit seinen vier Suiten und 54 Zimmern, die sich auf zwei Wohntrakte über tragenden Schwimmkörpern verteilen. Dazwischen hat der Architekt einen glasgedeckten Lichthof integriert, der wie eine Art Atrium oder Patio mit gemütlichen, metallisch glänzenden Sitzkissen als Lounge fungiert und überraschende architektonische Perspektiven bietet. Es ist die Natur, das Licht, dem Ronzatti hier buchstäblich seinen eigenen Raum gibt und das er im gesamten Objekt mit seinen ,open spaces' einbezogen hat: "Das natürliche Tageslicht wird ja auf dem Land vom Erdboden nicht reflektiert, auf dem Wasser aber sehr wohl, es verdoppelt sich sogar. Das vermittelt eine ganz neue Erfahrung. Die Seine ist wie ein fließender Spiegel mit all ihren Reflexen und Lichtern bei Tag und bei Nacht. Man braucht 24 Stunden, um all die wechselnden Schattierungen eines Tagesverlauf zu erleben".


Als zweites fällt auf: Obwohl lebhafter Schiffsverkehr auf dem Fluss herrscht, obwohl ständig Cargofrachter, Ausflugsboote und Motoryachten vorbeiziehen, liegt das Hotel seelenruhig im Wasser, nur minimale Bewegungen sind zu spüren und vermitteln ein eher reduziertes "Bootsgefühl". Wie der Architekt das hinbekommen hat? Der Trick: Was von außen betrachtet wie die starre Struktur eines Katamarans mit fest verbundenen Zwillings-Rümpfen wirken mag – ist im Grunde gar keine. Der Kniff liegt in den Gelenken, mit denen die beiden Körper verbunden sind. Diese erlauben es, sich unabhängig voneinander auf dem Wasser zu bewegen und so den Wellengang abzufangen. Quelle Raffinesse! Nur ein Beispiel von vielen, das zeigt, wie sehr die aquatische Lage die Konstruktion des Baus bestimmt, bedingt – und völlig durchdringt. "Viele Hotelgäste sind das Schwanken eines Schiffes einfach nicht gewohnt, darum haben wir es minimiert", erklärt Ronzatti und erzählt: "Den stärksten Wellengang erzeugen übrigens gar nicht die großen, langsamen Frachter oder Bargen, sondern die kleinen, schnellen Personenboote des nahen Finanzministeriums".


Dan kommt er zur Sache: "Es ist mir ein echtes Anliegen, unseren ganz spezifischen Ansatz zur ,architecture flottante' darzustellen", sagt Architekt Ronzatti. ",Floating architecture", das bedeutet eben nicht, standardisierte Häuser einfach auf einen Ponton ins Wasser zu setzen. Denn so verstehen es landläufig die meisten. Es bedeutet auch nicht, Boote wohnlich einzurichten. Wir beschreiten einen dritten Weg und entwickeln Strukturen, die wie ein Organismus oder ein in sich geschlossenes System aus sich selbst heraus funktionieren. Die Konstruktion ist also inhärent. Wir entwickeln transportfähige, "nomadische" Objekte, die ausschließlich für geschützte Wasserzonen erdacht sind, für einen absehbaren Zeitraum von vielleicht 30 Jahren oder mehr, dann müssen sie renoviert werden – und die einen möglichst geringen Eingriff in die Natur darstellen. Was wir machen, hat also mit dem Bauen auf Festland nicht mehr viel zu tun".


Durchdacht und komplex, dabei architektonisch stimmig durchdekliniert, so zeigen sich auch die kompakten Zimmer in ihren erdigen, monochrom gehalten Tönen. Wie an Bord eines Schiffes ist auch hier der vorhandene Raum optimal genutzt: Bei 15 Quadratmetern pro Zimmer treffen größtmöglicher Komfort auf praktischen Stauraum. Der Flachbildschirm hängt unfallsicher an Lederriemen, ein farbiges Lichtleitsystem schafft Orientierung im Dunkeln, während Vakuum-Toiletten, wie man sie aus der Aeronautik oder aus Zügen kennt, den Wasserverbrauch stark reduzieren. "Wir haben die Zimmer bewusst minimalistisch und zeitlos gehalten, fern von Mode und Trends", sagt Ronzatti und das ist durchaus als Anspielung auf die vom Mailänder Designerduo Galante und Lancman gestalteten Suiten zu verstehen. Diese schwelgen in Orangerot, auf je 30 qm, und sind für den Geschmack des Architekten offensichtlich einen Tick zu modisch. Lieber erklärt er die modular vorgefertigte Bauweise in Boxen für die Zimmer, verweist auf den clever integrierten Wäscheschacht in der Lounge und erläutert die fahrbaren Wägen entlang des Geländers.


Vom Detail zum großen Ganzen – auf dem Wasser, am Wasser, im Wasser und nah am Wasser zu sein: Die Erfahrung des fließenden Elements ist hier so unmittelbar wie direkt. Es ist genau dieses Gefühl des Losgelöstseins vom Festland, die Quintessenz eines nomadischen Lebens, das dieses Hotel vermitteln will. Und wer das Glück hat, noch dazu auf seiner "Seeseite" zu wohnen, kann nach gusto vom Bettkantenrand aus vorbeifliegende Möwen und Enten mit Brot füttern, die Angel auswerfen oder knapp vorbeifahrenden Kapitänen ein "Salut!" zurufen. Die irrlichternde Oberfläche der Seine liegt dabei "ebenerdig" zum Fußboden und im Sinne des Wortes zum Greifen nah. Auf dem Wasser sein und zugleich inmitten der Stadt, das hat was. Für das urbane Grundrauschen sorgt die nahe Métro-Linie Nummer Fünf, die fast im Minutentakt über die bogenförmige Stahlbrücke des Viaduc d'Austerlitz donnert. Doch abends wird es dann "tranquille" – still, richtig still. Nur die Lichter der nächtlichen Großstadt tanzen noch auf dem Wasser.


Außen hat der Architekt am östlichen Ende einen Anleger für kleinere Boote geschaffen. Über einen Meter Tiefgang verfügen die beiden Schwimmkörper, bei zwei Metern Wassertiefe hier am Rand der Seine, bei normalem Wasserstand, in der Mitte sind es rund fünf Meter. Doch das kann sich ändern. Die beiden Gangways wurden für diverse Wasserpegel konzipiert – steigt die Seine durch Hochwasser an, führt statt der oberen Gangway die untere Gangway waagrecht bequem ins Innere. Eine nötige Vorkehrung, wie die jüngste Flut vom Juni 2016 mit 6,10 Metern zeigte, kurz nach Eröffnung des Hotels, oder das große Hochwasser von 1910 mit 8,62 Metern. "Bei der Flut im Juni zeigte sich das "Off Paris Seine' perfekt resilient und anpassungsfähig", erzählt Ronzatti. Viele Bwohner von Paris kamen an den Fluss, der plötzlich eine ungeahnte Stärke und Geschwindigkeit besaß. "Das hat bewiesen, wie sehr sich die "floating architecture" für die Zukunft eignet. Und in seiner modularen Bauweise auch für Großprojekte".


Ronzattis Studio heißt Seine Design, er selbst ist Ingenieur und Architekt zugleich – mit klarer Präferenz für's Wasser. "Dabei habe ich persönlich kein Interesse am Segeln, an Schiffen oder an Ozeanen", sagt er. "Ich interessiere mich für bewegliche Architektur, ob auf dem Wasser, auf Rädern oder auf Flügeln". Am anderen Ufer der Seine liegt Ronzattis Büro am Quai de la Rapée, ein schwarz gefärbter, umgebauter Lastkahn mit Glasdach. Er birgt einen langen, offenen Raum,15 Mitarbeiter sitzen hier im "Le Chaudron" konzentriert an den Tischen. Das Team besteht aus Designern, Architekten und Ingenieuren. Eine faltbare Stahltreppe, Paravents im Schiffkörper und Details wie das Sonnensegel über dem Glasdach verweisen auf das Ingenieurshirn des Eigentümers. Ein paar hundert Meter weiter liegt seit 2014 die Ginguette "Rosa Bonheur", eine moderne, schwimmende Taverne, ebenfalls entworfen von Seine Design. Benannt nach einer Malerin des 19. Jahrhunderts, essen, trinken, tanzen, feiern und lachen hier an manchen Abenden hunderte von Menschen im Rhythmus der Wellen.


Dabei ist die Idee, auf dem Wasser zu leben, gar nichts Neues hier in Paris. Ronzatti zeigt auf alte Fotografien – und auf eine lange Tradition: "Um 1900 war der Fluss noch viel breiter und eine Menge los auf dem Wasser. Darunter viele ,Bateaux Lavoirs', Wäschereiboote also. Die waren bis 1971 im Dienst". Diese traditionelle Kontinuität, zwischenzeitlich stillgelegt, weil der Transport über Straßen lief, will er weiterführen. "Wir wollen die Menschen zurück auf den Fluss bringen", sagt er und erwähnt, dass Paris übrigens einen eigenen ,Port de plaisance, einen Yachthafen, besitzt. Seine Design plant und baut übrigens nicht nur hier, sondern weltweit, rund 50 Projekte hat das Büro realisiert.


Der Hintergrund? Zwei Drittel der Erde sind mit Wasser bedeckt, also 360 Millionen Quadratkilometer. "Für Menschen ein feindlicher Lebensbereich. Weniger als ein Prozent davon, nämlich zwei Millionen qkm, sind geschützte Zonen – für diese bauen und planen wir. Denn Städte und Metropolen wachsen weltweit, drei Viertel der Menschen werden in ihnen leben. Man versucht, Land zu gewinnen, indem man auf Pfählen baut oder Polder anlegt, wie der Blick nach Manhattan zeigt. Floating Architektur stellt dabei den geringsten Eingriff dar. Wir wollen exemplarische Beispiele schaffen, die perfekt durchdacht sind", sagt Ronzatti. Objekte, die für viele zugänglich sind, wie Hospitale, Hotels, Restaurants. Wir planen für die Heilsarmee ebenso wie für Louis Vuitton. Wir planen in China oder Afrika, in Dubai oder in den USA – immer auf Wasser Damit kehren wir dorthin zurück, wo die Besiedlungsgeschichte der Menschheit begann: An Flussläufen."


Natürlich beobachtet Ronzatti, was seine holländischen Kollegen baulich auf's Wasser treibt. "Einige Privathäuser auf Wasser bereit zu stellen, löst nicht das Problem von Millionen Menschen," kommentiert Ronzatti. "Ob es dann am Ende 150 oder 1000 Häuser sind, das reicht als Lösung nicht aus. Wobei privater Wohnbau für mich eher nicht so interessant ist, ich plane ausschließlich Prototypen für soziale Community-Projekte", legt er dar. Ob ganze maritime Städte für ihn grundsätzlich vorstellbar sind? Die Wendung zum Wasser, sie scheint ein Trend zu sein. Ronzatti winkt ab. "Die Größe der Projekte regelt sich durch die Größe der Werften und ob sie in der Lage sind, diese zu bauen", sagt der Architekt pragmatisch. Seine Vorfahren zogen Anfang des 20 Jahrhunderts von Venedig nach Frankreich. Ob von dort die Verlinkung zum Wasser rührt? "Modulare, transportable Organismen sind realistischer als Städte auf dem Meer. Zur Zeit planen wir das Hotel-Projekt "Moor", 100 mal 150 Meter groß, es kann überall gebaut werden. Renderings oder fantastische Entwürfe interessieren uns nicht – wir wollen bauen", sagt er. Das kann er, das hat er bewiesen. Von Ronzatti und Seine Design werden wir noch hören.


Infos über Seine Design: www.ronzatti.com


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