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Sellaronda: Zwei Stunden fürs Mittagessen sollte man schon übrig haben

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Nachts am Sellajoch, speckknödelgestärkt, die Abfahrt pulvrigfein: So sehen Südtiroler Sternstunden aus.

Was will uns der Ladiner sagen? Das ist manchmal schwer zu verstehen. Doch so lange er Schlutzkrapfen reicht und seine Berge so herrliche Pisten haben wie in Gröden, besuchen wir ihn gern.

"Jì cun i schi", sagen die Grödener und meinen Pistenfreuden auf der Sellaronda und Saslong, und das heißt Skifahren. Wenn die Dolomiten, eh schon als "bleiche Berge" gerühmte kalkhaltige Gipfelzacken, im Winter dann vollends weiß verschneit sind, steigen die Grödener auf's Brett. Das Bild von sanften Almen, aus denen kantig gefräste Türme und Steilwände aufsteigen, beförderte die charakteristische Berge sogar 2009 zum UNESCO Welterbe. Laut eigener Zeitrechnung beginnt die Grödner Geschichte beim 200 Millionen Jahre alten Gestein der "Dolomites", so der ladinische Name – und endet ungefähr bei Luis Trenker, Bergsteiger, Patriot, bis heute Aushängeschild des Südtiroler 6000-Einwohner-Orts. Dazwischen ist viel geschehen. Die Dinosaurier gingen, die Touristen kamen und trafen auf eine uralte Tradition im Herrgottschnitzen und Spielzeugmachen.


Am späten Freitagabend karrt uns eine Schneekatze die Pisten hinauf zum Sellajoch und zur "Fienile Monte". So heißt die kleinste Hütte Grödens, ein flacher Holzbau mit kulinarisch interessantem Innenleben auf mehreren Stockwerken. Ganz unten im Weinkeller ist bereits eingedeckt, der Bartresen ächzt unter einer Armada von Antipasti-Platten: frittierter Zonin-Käse formiert sich neben Senfbällchen, frische Garnelen reihen sich an Carpaccio. Dabei ist das nur der Auftakt für ein Südtiroler Sechs-Gänge-Menü mit Geschmacksrichtungen aller Couleur: Lammkarree in Lagreinsauce und Polentasuppe mit Trüffel, Speckknödel auf lauwarmem Krautsalat und hinterher noch die typischen Schlutzkrapfen. Vom guten Leben, vom guten Essen verstehen die Südtiroler, erst recht die Grödner, wirklich etwas. Und solange man die Knödel nicht mit dem Messer zerschneidet und den Salat nicht strategisch falsch zuerst mit Öl zuschüttet, sind sie rundherum sonnige Gastgeber.


Mit am Tisch sitzt David Lardschneider, Redakteur der Zeitschrift "Usc di Ladins" aus Gröden. Als einziges rein ladinischsprachiges Magazin wurde die "Stimme der Ladiner" – heute mit einer Auflage von 4500 Stück (im Abo) – nach dem Zweiten Weltkrieg als "Nos Ladins" (Wir Ladiner) gegründet. David macht schnell klar: Ladinisch ist nicht einfach ein Dialekt. Die Ladiner betrachten sich als eigenständiges, freies Volk mit eigener Sprache, wohl das älteste in Tirol lebende Volk überhaupt. "Es ist bereits fünf nach zwölf. Wir Ladiner werden immer weniger und das Territorium schrumpft. Unsere Sprache entstand vor rund 2000 Jahren als Fusion aus Vulgärlatein und Rätisch. Daraus entstand Rätoromanisch", berichtet er und erzählt über das rätselhafte Volk der Räter, das ab dem 5. Jhdt vor Christi im südlichen Alpenraum lebte.


Das Grödner Ladinisch hat sich wohl schon im ersten Jahrhundert nach Christi etabliert. Während man unten in Larjen eher deutsche oder Tiroler Laute hört, ändert sich ab der Enge von Pontives das phonetische Klangbild: Lautmalerisch erinnert Ladinisch an verwandte Sprachen wie Portugiesisch, Französisch, sogar an Rumänisch. "1923 wurde Ladinien von den Faschisten in die Provinzen Trient, Belluno und Bozen dreigeteilt, um es besser assimilieren zu können. Bis heute streben die Ladiner nach einer einheitlichen Provinz. Luis Trenker selbst gehörte 1945 zu den Förderern eines neuen ladinischen Vereins. Er ist Gründungsvater der Grödener Fraktion, der "Union die Ladins di Gherdëina".


Von den knapp 6000 Einwohnern von Urtjëi, also St. Ulrich, sind heute immerhin 84 Prozent ladinisch, zehn Prozent deutsch, der Rest italienisch. In den beiden anderen Talorten St. Christina und Wolkenstein liegt der ladinische Anteil noch höher. (Drei ladinische Sprachinseln gibt es heute noch: Rumantsch (50.000) in Grischuns, Graubünden, Ladin in den Dolomiten (38.000) und Furlan in Friûl, Friaul (600.000 Sprecher). In der Schule wird seit dem zweiten Autonomiestatus Anfang der 70er Jahre paritätisch dreisprachig unterrichtet. Auch die Straßenschilder sprechen drei Sprachen. Ungefähr zwölf, dreizehn große Familienstämme gibt es im Grödental: Die Demetz, Insam und Perathoner, die Kostner, Runggaldier und Senoner oder Sanoner, die Mussner, Obletter und natürlich die Moroder, zu denen der bekannte Filmkomponist Giorgio ebenso gehört wie der aktuelle Bürgermeister Ewald Moroder: "Rund 400 Moroder sind hier gelistet und alle hängen an einem Stammbaum", sagt er bei einem abendlichen Diner im Restaurant Tubladél, St. Ulrich.


Aber wer sind sie, die Ladiner und was bedeutet ihnen ihre Sprache? "Sprache ist Gefühl und Identität", sagt David Lardschneider. "Wir haben psychologisch gelernt, Multikulti zu sein und damit die Fähigkeit, in Europa einzutauchen", erklärt der Redakteur. "Der Ladiner spricht im Alltag vier Sprachen. Der Italiener – eine", setzt er nach. "Ladiner zu sein, kommt aus dem tiefsten Sein, aber wenn es so weiter geht, gibt es uns in 50 oder 100 Jahren nicht mehr. Dadurch geht zwar die Welt nicht unter, aber ein Gefühl verloren. Und mit ihm eine 2000-jährige Konstellation". Dass der Ladiner nie nur Ladiner sein durfte, erklärt er dann. Er musste entweder Deutsch-Ladiner oder Italo-Ladiner sein, eine kleine Schizophrenie, die sich bis heute durchzieht. "Wir haben hier im Land eine Art von Apartheid, durchaus negativ gesehen. Deswegen ist uns der Zusammenhalt so wichtig. Sprache ist ja nicht nur Funktionalität, sondern auch Ausdruck und Integrität, ein ganz eigener Reichtum", sagt David und: "Der Ladiner tickt anders. Der Humor ist etwas derber, er klingt mitunter wie streiten. Und es kommt vor, dass die Deutsch-Südtiroler und die italienischen Südtiroler nicht über dieselben Witze lachen können".


Auch die Musik sei anders als die italienische und habe viele Mollkomponenten, ähnlich der russischen. Als Beweis übt David mit uns die "Gherdëina", eine Art Nationalhymne und das klingt dann so: "Gherdëina, Gherdëina, d’or stiza ti monc, y luna, y luna, da un al’ auter dalonc" lautet die erste Strophe und der Refrain: "Saslonch y Pic y Cuca, da Bula nchin Mastlé, da Plan nfin a Pruca, cialé se n po`n assé".


Zum Abschluss des Abends heißt es "Vives!", also Prost und "La morbida ambra" macht die Runde, ein bernsteinfarbener Grappa von Roner im funkelnden Riesenflakon. Draußen schneit noch immer in großen, feuchten Flocken, als wir gegen Mitternacht die Stiefel in die Skibindung einklicken. "Jì cun i schi", so heißt Skifahren auf Ladinisch. Die Sicht reicht gerade, um zu erkennen, wo's den Berg runter geht. Dann kurven wir los. Anfangs ziehen wir in zaghaften Schwüngen, dann schmeißen wir uns in schnellen Bögen im Stockdunklen talwärts. Der schwache Strahl der Stirnlampen reicht kaum bis zum Boden. So segeln, surfen, carven und schwingen wir durch den fluffigfederleichten Pulver. Erfühlen Bodenwellen, Buckel und Hangneigung intuitiv und beinah im Blindfug. Am Ende ist der Nachtflug auf Brettern eine wahre Sternstunde – auch wenn man gar keine sieht.


Wenn frühmorgens die Skitouristen noch am Aufschnittbuffet Schlange stehen, liftet der Grödener mit der ersten Bahn hinauf auf den Ciampinoi oder auf Seceda, ein Bergrücken über weitem flachen Almgelände. Die Sonnenterrasse hoch über dem Grödental ist berühmt für Pisten wie die Gardenissima, das bekannte Riesentorlaufrennen, oder die Saslong, Saslonch auf Ladinisch, benannt nach Grödens Wahrzeichen, dem Langkofel mit 3181 Metern. Noch mehr Zahlen? 3,4 km und 839 Höhenmeter hat die Saslong und ist längst eine feste Größe im internationalen Skiweltcup-Zirkus. Kleine Mauer, große Mauer und Kamelbuckel – an markanten Stellen, wo Profiabfahrer gern mal 70 Meter durch die Luft flügeln, setzen wir lieber auf Bodenhaftung, schmieren dabei nicht unflott um die Kurven. Erst die Herren- dann die Damenabfahrt, vorbei an der uralten Fischburg. Das verbraucht Kalorien. Wie gut, dass es allein hier auf Seceda 22 bewirtete Hütten gibt wie Col Raiser, wie Sofie- oder Danielhütte, allesamt alpine Fresstempel. Da jettet man dann von Spinatknödeln zu Schlutzkrapfen, fährt zwischendurch ein paar Pistenkilometer ab und freut sich, dass dann wieder was in den Magen passt.


Direkt an der 8.800 Meter langen LaLongia-Piste, die von Seceda nach St. Ulrich führt, liegt die 2012 eröffnete Ustaria ("Wirtshaus") Costamula. Ein denkmalgeschütztes Haus von 1608, das immer noch den Geist der Vergangenheit atmet, viel rohes Altholz, ebenso roher Naturstein, grob verputzt, alles zusammen sensibel restauriert. Die alte Kuchl richtete man zum Besichtigen her, noch immer hängen dort blank gescheuerte Pfannen darin. "Wir wollten nichts nachmachen, etwas nachahmen oder so tun, als ob", sagt Arno Mahlknecht, Chef des Hauses. Das ist ihm gelungen. Passend zur Philosophie kommen alte Gerichte wie Grödener Rösti oder Turtres, fritierte Teigtaschen, taufrisch und höchst delikat auf den rohen Holztisch.


Neben den beliebten Rennmeilen hat Gröden Zugang zum 500 Kilometer großen Gebiet von Dolomiti Superski – inklusive Sellaronda, eine Skischaukel im Herzland Ladiniens. Ein Skipass, vier Täler, vier Bergpässe, drei Provinzen, ohne Bus, das ist doch was. Die Runde führt einmal um das Sellamassiv. Und im Gegensatz zu den spitzen Nadeln der Geisler wirkt der Sellastock wie ein Tafelberg, beinahe wie ein Backenzahn, so steht er mächtig eindrucksvoll in der Landschaft. Mit Liften zählt die Rundtour 67 km um den gesamten Stock herum, davon legt man 26 Kilometer auf Skiern zurück. Wir starten in Wolkenstein. Sechs Stunden sollte man einplanen, am Ende brauchen wir knapp vier. Ob man nun rechts herum fährt entlang der Markierung in Orange, oder links herum an der grünen Route, ist Geschmackssache. Für Rechtsrum spricht, dass man weniger Verbindungslifte braucht und vielleicht sogar mehr Sonne hat.

Auf und nieder, immer neuen Zacken, Gipfeln und Tälern entgegen – so starten wir die Skisafari am Morgen in Richtung Grödner Joch zur Bergstation Dantercepies. Gerade taucht die frühe Sonne die filigranen Türme der Cirspitzen ins erste Licht, wie stramme Kerzen mit brennenden Spitzen stehen sie da. Statt Abendrot, hier im Tal Enrosadira genannt, mal ein leuchtendes Morgenglühen? Aber gern. Weiter geht's nach Corvara in Alta Badia, von wo man die schroffe Seite des Heiligkreuzkofels erhascht, gleich neben der Lavarella. Dahinter verbirgt sich die Hochebene der Fanes, nach welcher der ladinische Nationalepos benannt ist: Geschichten von Helden und Zwergen, von Murmeltieren und Adlern, von Prinzessin Dolasilla und Ey de Net. Der Sage nach lebt das Volk der Fanes unterirdisch unter der Hochfläche weiter und wartet auf die verheißene Zeit – Urthemen, die sich in Variationen bei vielen Völkern wiederfinden. Auch die ladinisch singenden Cousinen des bekannten Gesangtrios "Ganes" berufen sich auf diese mythischen Feen und Wassernixen. Über den Campolongopass geht's hinunter nach Arabba, von dort per Gondel auf die Porta Vescovo mit dem modernen Refugio Gorza. Hier sollte man kurz innehalten und die vergletscherte Nordseite der Marmolata bestaunen, Pilgerstätte passionierter Kletterer. Heute hüllt der Marmorberg jedoch sein Haupt in Schleier, lässt gnädig den umwölkten Fuß blicken. Dann also weiter zum Pordoijoch, von wo sich dramaturgisch spannend die Silhouette des Langkofels wie ein Paukenschlag offenbart – ein Schlussakkord, der auf diese illustre Runde noch eins drauf zu setzen vermag.


Noch so ein kulinarischer Mega-Magnet mitten im Sellaronda-Skizirkus ist die Emilio-Comici-Hütte am Fuße des Langkofels. Eine moderne Sechser-Sesselbahn spuckt die Gäste direkt vor der mondän-maritimen Haustür aus, deren Klinke sich alsbald Skifahrer, Snowboarder, Freeskier, Winter-Biker und gern auch Vertreter der sogenannten VIP-Fraktion in die Hand geben. Auf 2154 Meter Meereshöhe gelegen, ist "Meer" auch schon das Stichwort: Früher wogten die Wellen des Urmeers Thetys an diesem Fleck, deshalb findet sich immer wieder mal versteinertes Getier unweit der Hütte. Obwohl es heute eher Touristenströme sind, welche die eher kleine Hütte mit den türkisblauen Fensterläden à la Mittelmeer überschwemmen. Warum, ist schnell erklärt: Die Wirtsfamilie Marzola besitzt eine eigene Fischzucht in Grado an der Adria. Im Winter serviert man hier oben also Hummer und Vongole, gratinierte Jakobsmuscheln, Calamari und Steinbutt, mehrstöckig arrangiert in Etageren auf dem Tisch. Wer das überbordende Fischbankett fertig bestaunt hat, sollte noch einen Blick auf die in spacigem Blau beleuchteten Hitech-Toiletten im Untergeschoss werfen, ebenfalls ein Pilger-Event. Draußen an der Hausbar dümpeln Magnum-Champagnerflaschen in griechischblauen, eisgefüllten Schubkarren sich hin, scharf beobachtet von russischen Skihasen in Outfits mit Tigerfell-Optik. Alt werden die Botteln hier oben nicht, das ist klar. Zwei Stunden Zeit sollte man sich für's Mittagessen schon nehmen, sagen die Südtiroler übrigens, ob hier auf der Comici oder wo anders.


Am Pistenrand treffen wir Gregor Demetz, Bergführer der Klettergilde Catores. Er hat bereits einige Routen im heimischen Dolomitenfels eröffnet und arbeitet seit 31 Jahren in Gröden als Skilehrer. Und: Er ist Ladiner. "Wir Ladiner waren immer eine Minderheit, mussten uns anpassen und arrangieren. Das hat uns aber auch offener gemacht. Warum die Sprache hier überlebt hat? Weil das Grödental ein enges Tal ist, vorne und hinten offen. Und schau Dir diese Berge hier an: Wir leben am schönsten Platz der Welt, niemand wollte hier wegziehen. Auch wenn wir inzwischen eher Italiener als Österreicher sind", überlegt er. "Deutsch, Italienisch, Ladinisch, Englisch – wir Ladiner sprechen vier Sprachen – und die gleich schlecht", lacht er. In welcher Sprache er denkt? "Das habe ich erst im Ausland erfahren. Als ich im Himalaya unterwegs war und mit Einheimischen kommunizieren wollte, habe ich plötzlich Ladinisch gesprochen und daran gemerkt: Ich bin Ladiner. Nur 7000 Menschen sprechen Grödnerisch, das ist soviel wie zwei Hochhäuser in Hamburg!" sagt er. Noch ein Profi-Tipp für die Sellaronda, Gregor? "Ja, ich empfehl immer: Rein in die Dörfer, die alte Bausubstanz anschauen, denn jedes Dorf am Weg ist anders!". Das nehmen wir uns dann für's nächste Mal vor. Für heute sagen wir "De gra", danke, und "Bon dì", guten Tag – und fahren zurück ins Tal.







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