2 Abos und 2 Abonnenten
Artikel

Nur runter von der Insel

Die Balkontür geht auf und zu. Erst sieht man das gepunktete Tuch um ihre Schultern, dann ihre fein gezeichneten Augenbrauen auf dem Bildschirm. "Heute hat meine älteste Tochter Geburtstag", sagt Masume Soltani. "Sie war ganz verwirrt, warum es keinen Kuchen gibt. Dabei müsste sie mittlerweile wissen, dass ich ja nicht zaubern kann." Obwohl wir nur wenige Kilometer voneinander entfernt auf unterschiedlichen Balkons auf der Insel Lesbos sitzen, sprechen wir einen Tag vor ihrer Abreise nach Deutschland über einen Videochat. Seit sieben Tagen teilt sich die 37-jährige Schneiderin aus Afghanistan, die im Iran aufgewachsen ist, mit ihren beiden Kindern und ihrem Mann ein Hotelzimmer im "Blaues-Meer"-Hotel in dem Küstendorf Thermi. Etwa fünf Kilometer von den abgebrannten Olivenbaumfeldern rund um das alte Fluchtlager Moria entfernt.

"Am ersten Tag im Hotel hörte meine Tochter gar nicht auf, den Klodeckel hoch- und runterzuklappen", sagt Masume Soltani. "Sie war ganz überrascht, wie sauber die Toiletten sind." Ein Jahr und drei Monate lebte die Familie Soltani in Zelten auf der Insel . Knapp ein Jahr lang blieben sie in den umliegenden Olivenbaumfeldern rund um das Militärlager von Moria, bis am 9. September das Feuer ausbrach und auch ihr Zelt niederbrennen sollte, womit sie nach Tagen auf der Straße in das temporäre Lager von Mavrovouni umgesiedelt wurden. Da ihr Fluchtstatus noch vor dem Brand anerkannt war, gehört die Familie zu den 1.553 Menschen, die von der deutschen Bundesregierung bis Anfang April nach Deutschland ausgeflogen werden sollen.

Jeden Mittwoch hebt eine Maschine nach Deutschland ab. Am nächsten Morgen soll es wieder soweit sein. Um 12 Uhr geht der Flieger vom Flughafen in Mytilini nach . Um 7.30 morgens soll sich die Familie Soltani so wie die anderen Familien in der Hotellobby einfinden, sagt Masume Soltani. "Erst einmal geht es nach Hannover, danach wissen wir noch nicht weiter." Ihre Sommersprossen zucken auf dem Bildschirm. Es wird ihr erster Flug sein und zugleich einer der letzten, der anerkannte Geflüchtete von den griechischen Insellagern nach Deutschland bringen soll.

"Weder Notwendigkeit noch Bedarf"

Im Moment seien keine weiteren Aufnahmen nach Deutschland geplant, sagt Alina Wick, Sprecherin des Bundesinnenministeriums, auf Anfrage von ZEIT ONLINE. Seit April 2020 habe Deutschland bisher insgesamt 2.380 Personen aus Griechenland aufgenommen, "alle Akteure" würden zudem "mit Hochdruck" daran arbeiten, den Aufnahmeprozess zügig abzuschließen.

Doch wie setzte sich die Zahl der insgesamt 2.750 Menschen zusammen, die bis Anfang April nach Deutschland transferiert werden sollen? In einem Koalitionsbeschluss im März vergangenen Jahres hatte Bundesinnenminister Horst Seehofer zugesagt, 53 unbegleitete minderjährige Asylsuchende und 243 kranke Kinder einschließlich ihrer Kernfamilien aus Griechenland aufzunehmen. Dies war eine Woche, nachdem die Türkei angekündigt hatte, die Grenzen in Richtung zu öffnen, und Griechenland für einen Monat das Grundrecht auf Asyl aussetzte. Ein halbes Jahr später, als am 9. September das Fluchtlager Moria abbrannte und Tausende Geflüchtete abermals vertrieben wurden, sicherte Deutschland zu, weitere 150 unbegleitete minderjährige Asylsuchende und 1.553 Menschen mit anerkanntem Fluchtstatus aufzunehmen.

Newsletter

"Was jetzt?" - Der tägliche Morgenüberblick

Starten Sie mit unserem sehr kurzen Nachrichten-Newsletter in den Tag - von Montag bis Freitag.

Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis.

Vielen Dank! Wir haben Ihnen eine E-Mail geschickt.

Prüfen Sie Ihr Postfach und bestätigen Sie das Newsletter-Abonnement.

"Ich sehe weder die Notwendigkeit noch den Bedarf, dass Deutschland über seine Zusagen hinaus weitere Asylsuchende aus Griechenland zusätzlich aufnimmt", sagt der CDU-Bundestagsabgeordnete Thorsten Frei, "von einer solchen Aufnahme würde das Signal ausgehen: Der Weg nach Deutschland ist frei. Ein solch fatales Signal würde das EU-Türkei-Abkommen unterminieren. Wir würden damit einen gewaltigen Anreiz zur Migration nach Griechenland schaffen."

Zum Original