Francoise Hauser

Journalistin, Autorin, Dozentin, Heilbronn

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Weinseliges China

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Weinseliges China


Alkohol und China? Wer dabei nur an Pflaumenwein oder Gaoliang-Schnaps denkt, liegt falsch:  Längst hat Chinas Mittelschicht den Wein entdeckt. Und auch umgekehrt ist das Interesse groß: Deutsche und österreichische Winzer bemühen sich um die Weinkenner in Fernost.

 

Herr Yang will es genau wissen: "Welcher Hang? Wie ist der Boden beschaffen?". Prüfend nimmt er einen kleinen Schluck Wein: "Und wie lange kann man die Flaschen lagern?". Mit der Konzentration eines Weinkenners lässt er den Wein im Glas wirbeln, dann kostet er noch einmal mit geschlossenen Augen. Im dunklen Weinkeller, mit dezenter Beleuchtung und vor dem Hintergrund der unverputzten Steinwände scheint der Wein im Glas schier zu leuchten. Seine Nachbarin, eine junge Angestellte aus Shanghai, versucht sich derweil mit einer eigenen Geschmacksanalyse: "Holzig", stellt sie fest, "mit einem Hauch von Vanille". Nickend bestätigt Peter Winter, Besitzer des Weinguts Georg-Müller-Stiftung in Eltville die Analyse. Überraschend ist das für ihn nicht mehr: "Die Zeiten als die chinesischen Besucher völlig ahnungslos kamen, sind längst vorbei. Heute gibt es eine Menge echter Weinkenner". Immer wieder empfängt er daher chinesische Gruppen auf seinem Weingut im Rheingau und präsentiert ihnen den gut sortierten Weinkeller. Meist kommen sie recht spontan vorbei. Kein Problem für Peter Winter, er handelt seit über 30 Jahren mit China und kennt die Gepflogenheiten. Fünf Weine stehen heute auf dem Programm, gut eine Stunde dauert die Präsentation. Auch Yang ist nicht zum ersten Mal hier: Als Weinkenner ist er regelmäßig in Deutschland unterwegs. Die Probe vor Ort gehört für Ihn zum Genuss dazu: "Wein und Landschaft gehören zusammen". Zum Schluss der Führung gibt es noch eine Kostprobe des Weltmeister-Rieslings Hattenheimer Schützenhaus Riesling aus dem Jahr 2011, der den Teilnehmern der Weinprobe ein genießerisches Lächeln auf die Lippen zaubert. Auch hier zeigt sich Yang interessiert - "vielleicht ein oder zwei Flaschen bestellen..." sinniert er kurz, obwohl er den Wein sonst ein wenig trockener liebt. Für einen Spaziergang durch die Weinberge bleibt leider keine Zeit: Der Bus ist abfahrbereit, die nächste Reise-Station wartet.

 

Wein steht für Lebensqualität

Peter Winter steht mit seinen Führungen keineswegs allein da. Immer öfter nutzen chinesische Weinliebhaber ihre Europa-Reisen, um Kultur und Wein aus einer Hand kennenzulernen. Wein ist "in" in China. Er steht für europäische Lebenskultur, für erschwinglichen Luxus, ja für Lebensqualität allgemein. Und er ist eine Möglichkeit Kultur zu zeigen. Längst sind die Grundbedürfnisse in den chinesischen Städten befriedigt. Die chinesische Mittelschicht sucht nun nach neuen Statussymbolen - und neuen Hobbys. Kein Wunder, dass Chinas Weinmarkt weltweit am schnellsten wächst. Dennoch: "Es gibt rund 30 Mio regelmäßige Weintrinker in China, es ist also immer noch ein kleiner Markt" erklärt Manuela Liebchen, Project Manager Asia der Deutsches Weininstitut GmbH, die Marketingorganisation der deutschen Weinwirtschaft. Dass es mehr werden, ist für Peter Winter keine Frage: "Nicht zuletzt auf Reisen lernen viele Chinesen den Weingenuss kennen - und wollen auch zuhause nicht mehr darauf verzichten". Gleichzeitig steigt die Zahl der Weinschulungen, wie sie beispielsweise der britische "Wine and Spirits Education Trust" vor Ort anbietet.

Allerdings leistet sich nicht jeder Weinkenner in China ausländische Weine, denn sie sind im Vergleich zur einheimischen Waren eher hochpreisig. Oder andersherum gesagt: Chinas eigene Weinindustrie hat in den letzten Jahren enorm aufgeholt, quantitativ wie qualitativ. Geht es nach der Weinanbaufläche, steht China seit 2014 mit 799.000 Hektar nach Spanien sogar weltweit an zweiter Stelle und hat schon Frankreich mit 792.000 Hektar Anbaufläche überholt. Nur die Spanier verfügen mit mehr als einer Million Hektar über größere Anbauflächen. Allerdings liegt Frankreich bei der Weinproduktion dann doch wieder vorne:  46,6 Mio Hektoliter wurden hier 2014 erzeugt, in China sind es immerhin 11,2 Millionen Hektoliter. Mehr als 80% davon wird noch im Land selbst konsumiert. Chinesische Weine gelten in den deutschen Weinhandlungen noch als Exoten, obwohl Weinkenner ihm hier und da durchaus hohe Qualität bescheinigen. Deutschland liegt im übrigens in der Statistik noch ein Stück dahinter: "Für 2015 prognostizieren wir eine Ernte von 8,5 bis 8,8 Millionen Hektolitern" sagt Manuela Liebchen, was Deutschland den weltweit zehnten Rang beschert.

 

In der Nische zuhause

Deutscher und österreichischer Wein nehmen unter den importierten Weinen in China jedoch nur einen kleinen Teil des Marktes ein. Vor allem französische Weine sind in China beliebt, sie stellen fast die Hälfte aller Einfuhren. Die Gründe dafür sind vielfältig: "Wein trinken hat in China viel mit Image zu tun. Hier gilt: Du bist was Du trinkst. Und französischer Wein, vor allem die Weine der großen Chateaux, haben nun mal den Ruf die teuersten der Welt zu sein" erklärt Manuela Liebchen und fügt hinzu "Außerdem sind hier Weine auch in größerer Menge verfügbar". Zum anderen ist Rotwein in China sehr viel beliebter als Weißwein, rund drei Viertel des Weinverbrauchs entfällt auf den Roten, was sich nicht nur geschmacklich erklären lässt. Rot ist eine glückbringende Farbe - da bietet es sich geradezu an, auf Hochzeiten oder nach erfolgreichen Verhandlungen mit Rotwein anzustoßen. Zudem, so Peter Winter, "fehlt uns die deutsche Küche als Exportschlager. Deutschland? Da denkt jeder in China an Eisbein und Würstchen und nicht an Gourmetküche". Während Frankreich und Italien beispielsweise vom Image der Küche profitieren und gleich auch noch den passenden Wein anbieten können, sind die deutschen und österreichischen Winzer in dieser Hinsicht auf sich selbst gestellt.

Nicht zuletzt hat der deutsche Export nach China ein echtes Mengenproblem, erklärt Manuela Liebchen: "Deutschland hatte früher eine Ernte von zirka 10 Millionen Hektolitern, davon wurden 25% exportiert. 2015 werden es wohl rund 8,5 Mio Hektoliter. Gleichzeitig trinken wir Deutschen mehr Wein, als wir herstellen, nämlich rund 20 Mio Hektoliter. Kurz gesagt, Deutschland ist nicht wirklich auf den Export angewiesen, auch wenn es natürlich gut fürs Image ist, mit seinem Wein auf der Karte eines großen Restaurants zu stehen. Uns fehlt es schlicht an der Menge zur Markenbildung". Deutschland, Österreich und die Schweiz sind also zwangsläufig ein Nischenmarkt, zumal ihre Weine teurer sind als beispielsweise ihre spanischen oder italienischen Konkurrenten. Auch chilenische und australische Weine sind dank Freihandelsabkommen in China ein gutes Stück günstiger. 

 

Unterwegs für den Weißen: Marketing für einen Unbekannten

Nichts desto trotz steigen die Zahlen: Insgesamt importierte China  im Jahr 2014 rund 37.000 Hektoliter Wein aus Deutschland - das sind gut 22% mehr als im Vorjahr! Ähnlich sieht es mit dem österreichischen Wein aus: 2014 konnte der österreichische Weinexport nach China "mit einem Zuwachs von 23% erneut stark zulegen", meldet die Österreich Wein Marketing GmbH und sieht in China "weiteres großes Potenzial".

Verantwortlich für die guten Zahlen sind nicht nur die Marketingkonzepte: Chinas Weintrinker werden zunehmend individueller. Längst werden nicht mehr nur große Namen gekauft. Gleichzeitig gewinnt die Frage "welcher Wein zu welchem Gericht" bei den Wein-Genießern größere Bedeutung. Hier setzt auch das Deutsche Weininstitut an: Seit drei Jahren finden im Juni zusammen mit den Importeuren, Restaurants und Händlern vor Ort die "Riesling Weeks" statt. "Über 80 Restaurants haben im Juni 2015 den Riesling-Wein hervorgehoben, indem sie die dazu passenden Menüs anbieten" erklärt Manuela Liebchen. Dadurch lernt der chinesische Verbraucher die deutschen Weine besser kennen. Nicht zuletzt spielen manchmal auch vermeintliche Kleinigkeiten eine Rolle - zum Beispiel das Etikett-Design. "Die Kunden sehen gerne ein Schloss, die Domäne oder ein typisches Gebäude auf dem Etikett - und keine chinesischen Schriftzeichen" unterstreicht Peter Winter. Auch in China ist man eben der Exotik nicht abgeneigt.

 

 


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