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Theater Neumarkt bespielt den Shiva-Tempel in Glattbrugg

Zürich, 6.3.18 (kath.ch) Woran glauben die Menschen in Zürich? Welche Gebetsräume, welche Kirchen, Moscheen oder Tempel besuchen sie? Diese Fragen standen am Anfang einer Recherche im religiösen Leben Zürichs. Daraus hat das Theater Neumarkt das Stück "Urban Prayers Zürich" entwickelt, das unlängst im Shiva-Tempel in Glattbrugg aufgeführt wurde. Eine Erfahrung für alle Sinne.

Vera Rüttimann

Der Gott der Hindu ist vierarmig und sitzt auf einer Lotusblüte. Mit freundlichem Gesicht grüsst Ganesha Ankömmlinge, welche die von aussen schmucklose Halle in einem Industrieviertel in Glattbrugg betreten. Jeder, der den Shiva-Tempel erstmals eintritt, staunt. Grossäugige Götterstatuen sitzen in kostbaren Schreinen auf ihren Thronen, die Fenster sind mit roten Vorhängen abgedunkelt. Räucherstäbchen und frische Früchte für den Elefantengott verbreiten einen betörenden Duft. Doch heute kommen die Gäste nicht nur wegen der Puja-Zeremonie, sondern wegen des Theaterstücks "Urban Prayers Zürich", das inmitten der Altäre und Säulen aufgeführt wird.

Die vielen Religionen Zürichs zeigen

Vor Beginn der Aufführung tigert Malte Jelten nervös umher. Als der Regisseur des Stückes "Urban Prayers Zürich" für das Werk an der Limmat zu recherchieren begann, stellte er sich Fragen wie: Woran glauben die Menschen in Zürich? Welche Gebetsräume, Kirchen oder Tempel besuchen sie? Der Deutsche, der in Franken in einer evangelischen Pfarrersfamilie aufwuchs, machte in Zürich eine Entdeckung: Er fand eine städtische Gesellschaft vor, die durch die Einwanderungswellen der letzten Jahrzehnte immer (multi-)religiöser wurde.

Per Theater auf den religiösen Reichtum hinweisen

"Interessanterweise bleiben nur die grossen Kirchen mit ihren Gotteshäusern sichtbar. Unsichtbar aber bleiben die Tempel und die Moscheen, die hier oftmals in Hinterhöfen hausen", sagt Malte Jelten. Dabei, so der Regisseur, seien die verschiedenen Religionsgemeinschaften "ein grosser Reichtum für eine Stadt". Es sei sein Ziel, mit diesem Theaterstück, das im Rahmen des Zürcher Reformationsjubiläums lanciert wurde, auf all diese Dinge hinzuweisen.

Der Chor der gläubigen Bürger

Fünf Schauspielerinnen und Schauspieler vom Theater am Neumarkt stehen vorne in einer Reihe auf einem schmalen Podest. Mit dabei sind ebenfalls fünfzehn Mitglieder von verschiedenen Glaubensgemeinschaften: Muslime, Hindus, Jüdinnen, Orthodoxe, Freikirchlerinnen und auch Atheisten. Gemeinsam bilden sie den "Chor der gläubigen Bürger".

Doch mit einer Stimme sprechen sie nicht. Das Ensemble versucht, oftmals vergeblich, eine Stimme zu finden. Doch kaum fängt einer an zu reden, da fällt ihm der andere schon ins Wort. Sie reden mit vielen Zungen zueinander und dann doch wieder aneinander vorbei. Wie im urbanen und multireligiösen Zürich.

Aufrütteln, neugierig machen, schockieren

Früh werden die gut hundert Zuhörer mit einer Salve von Fragen eingedeckt: "Was glaubt ihr denn, wer wir sind?", singt der Chor der gläubigen Bürger. "Was wir glauben? Wo wir wohnen? Wo wir schlafen? Wo wir arbeiten? Wo wir beten? Wo wir uns zeigen? Wo wir uns verstecken? Wovon wir schweigen? Worüber wir sprechen? Leise? Freundlich? Niemals zu laut?", tönt es von der Bühne in jeden Winkel der Halle. Wie ein Mantra durchziehen diese Fragen das ganze Stück. Es soll aufrütteln, neugierig machen und ja, auch schockieren.

Wie ein Mantra durchziehen Fragen das ganze Stück.

Jeder der Protagonisten spricht für sich. Es ist schwer, ihn einer Glaubensgemeinschaft zuzuordnen. Ist der, der hier gerade spricht Katholik, Muslim oder Jude? Für wen oder was spricht er? Es funktioniert bei diesem Theaterstück kaum, die einzelnen Personen zu schubladisieren, was genau die Absicht des Regisseurs Malte Jelden ist.

Zürich, eine Gottesstadt

Nach einem musikalischen Intermezzo spricht erneut der Chor der gläubigen Bürger. Mit vielen Zungen erzählt er davon, dass Globalisierung und Migration aus Zürich einen Ort der religiösen und weltanschaulichen Vielfalt gemacht haben. Dass Zürich durch Glaubensgemeinschaften wie Muslime, Buddhisten und Hindus zu einem multireligiösen "Meltingpot" geworden sei. "Zürich, you are a City of God!", ruft die dunkelhäutige Frau im roten Kleid laut in den Zuschauerraum.

In einem endlosen Stakkato werden nun alle die Dinge benannt, die den Alltag der Gläubigen in Zürich bestimmen und die das Leben kompliziert machen können: Es geht um das Beten, Rituale und religiöse Feste; um den Umgang mit Politik und Gewalt; ums Heiraten, um Sex und Kinder; um soziales Engagement, Einwanderung und Heimat; um das Schuhe-Ausziehen auf heiligem Grund.

"Das grösste Problem in Zürich ist die Einsamkeit."

Und um Einsamkeit. "Das grösste Problem in Zürich ist die Einsamkeit. Ja, die Einsamkeit! Das macht uns aus. Jeder ist für sich alleine. Das ist das grösste Problem", skandiert der Chor. In immer neuen Wortkaskaden wird gezündelt: "Scheissminarette? Das sagt hier niemand. Hier stimmt man einfach ab", hallt es von der Bühne. "Wir können nicht mit einer Stimme sprechen, wir sind einfach zu viele." Das Stück endet abrupt mit dem Satz: "Was glaubt ihr denn."

Der Mensch im Zentrum

Sinnarajah Rathakrishnan, Präsident des Shiva-Tempels, sagt: "Das Stück Urban Prayers Zürich ist eine tolle Chance, den Gästen unsere Lebenswelten zu zeigen." Es sei eine Chance, diesen Ort einer breiten Öffentlichkeit zu zeigen. Bei der Theatergemeinde, die normalerweise der Kunst huldigt, hat er jedenfalls neue Freunde gefunden. Einige Ensemblemitglieder haben heute erstmals einen solchen Tempel betreten. Sie zeigen sich begeistert ob all den exotischen Farben, Gerüchen und Gebeten.

Bei Religionsgemeinschaften findet man so etwas wie eine antikapitalistische Werteinstellung.

Regisseur Malte Jelden glaubt zu wissen, was viele Menschen an solchen Orten zusätzlich fasziniert: "Bei Religionsgemeinschaften findet man noch so etwas wie eine antikapitalistische Werteinstellung. Die Gläubigen zeigen uns: Es gibt noch etwas anderes als Geld verdienen und konsumieren. Hier steht der Mensch im Zentrum."

Besuch beim Elefantengott

Bevor die Puja-Zeremonie im hinteren Teil des Shiva-Tempels beginnt, eilen einige in die Küche, um für die Gäste das Essen vorzubereiten. Bald stehen gekochter Safranreis mit Nüssen und Milchreispudding in kleinen Schalen auf den Tischen. Am besten, sagt eine Tamilin, könnten Kontakte noch immer beim gemeinsamen Essen geknüpft werden.

Einige der Gäste tragen jetzt einen roten Punkt auf der Stirn.

Nach dem Theaterstück finden sich die Gäste bei den verschiedenen Tempeln mit ihren Gottheiten ein. Zu Beginn der Puja-Zeremonie legt der Hindu-Priester mit seinen Helfern Gebete murmelnd zu Füssen des Elefantengottes Ganesha Rosenblätter, Süssigkeiten und Obst hin. Ein Helfer reicht eine Schale mit der Arati-Flamme herum. Sie wird von den Anwesenden mit den Händen berührt. Bei einigen Katholiken und Reformierten merkt man an ihren eingebübten Gesten: Sie haben hier eine spirituelle Oase gefunden. Längst ist die zugige Halle nahe den Gleisen zum Ort der interkulturellen Begegnungen avanciert. Einige der Gäste und Ensemble-Mitglieder des Neumarkt-Theaters tragen jetzt einen roten Punkt auf der Stirn.

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