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Mit Jesus durch das Zürcher Bankenviertel Jesus-Parade

Bereits zum zweiten Mal organisierte der Verein "Jesus Parade" einen überkonfessionellen Bekenntnismarsch durch Zürich. Die Parade führte mitten durchs Zürichs Geschäftsviertel und sorgte für ungewöhnliche Begegnungen.

Vera Rüttimann

Eine "Jesus-Parade" am Helvetiaplatz? Von dem weiss der Mann im Café im "Volkshaus" an der Stauffacherstrasse nichts. Bald jedoch schiebt er den Espresso zur Seite und blickt neugierig auf den Helvetiaplatz hinüber, wo sich Menschen vor einer Bühne einfinden, von der "Jesus is the Lord" skandiert wird. Um die 200 Leute haben sich mit weissen Ballonen und Transparenten hier eingefunden, um in unterschiedlicher Form Jesus zu huldigen.

Gebetshaltung und Kopfschütteln

Die meisten, die hier stehen, haben einen freikirchlichen Hintergrund. Sie engagieren sich beim ICF, bei der Eidgenössisch-Demokratischen Union ( EDU) und freikirchlichen Gruppierungen. Auch ein paar versprengte Katholiken haben sich zur Demo eingefunden.

Von der Bühne schallt es: "Ich führe ein radikales und feuriges Leben mit Jesus." Unten halten einige mit geschlossenen Augen ihre Hände gen Himmel. Eine Frau, die gerade den Platz Richtung Tram passieren muss, hält inne, schüttelt den Kopf und steigt schnell ein.

Zwischen Street-Parade und Passionsspiel

Um punkt 14.30 marschieren die Jesus-Parade-Teilnehmer vom Helvetiaplatz Richtung Innenstadt los. Ein buntes Gemisch mit Bannern, Ballonen und Steel Bands. In einem Mix aus Street-Parade und Passionsspiel ziehen sie trommelnd, klatschend und "Jesus" skandierend durch Zürichs Strassen.

Wir gehen raus und die Leute können sehen, wer wir sind

Vorne weg Thomas Ucar, Emanuel Maag und freiwillige Helfer in orangen Sicherheitswesten des Vereins, der diesen Anlass organisiert. Auf dem Weg durch die Sihlstrasse spricht Maag über seine Motivation, hier mitzulaufen: "Ich finde es eine coole Sache, wenn man mit seiner Haltung auf die Strasse gehen kann. Meist findet Kirche nur in einem Gebäude statt. Aber wir gehen raus und die Leute können sehen, wer wir sind."

Gehört Jesus auf die Strasse?

Die Parade kommt an vielen Cafés vorbei. Die Zürcher geniessen den warmen Oktobertag, trinken etwas und unterhalten sich angeregt. Jäh halten sie in ihren Gesprächen inne, als der "Jesus!"-skandierende Zug vorbei zieht. Ein Mann im Sakko sagt: "Es ist schwer nachzuvollziehen, was die Jesus-Parade für junge Menschen attraktiv macht."

Jesus, sagt er, gehöre für ihn sowieso nicht auf die Strasse. Auch Themen wie Sünde, Busse und Kreuz passen für den Geschäftsmann nicht in ein "Unterhaltungsprogramm", wie er die Jesus-Parade bezeichnet.

Thomas Ucar kennt solche Stimmen. Den Jesus-Marschierern in anderen Ländern erging es nicht anders. Die erste grosse Jesus-Parade fand im Mai 1987 in England statt. Damals gingen 15'000 Personen in London auf die Strasse. 1992 gab es einen Jesus-Marsch in Bern, 1993 folgte einer in Zürich und 1994 wieder einer in Bern.

Pikierte Blicke im Bankenviertel

Der Zug biegt jetzt in die Bahnhofsstrasse ein. Zürich ist an diesem spätsommerlichen Nachmittag im Einkaufsrausch. Gut gekleidete Frauen und Männer tragen volle Taschen aus Shops wie Jelmoli, Zahra oder Türler. Die Gegensätze prallen hier heftig aufeinander. Dort die Demo-Teilnehmer mit ihren Jesus-Schildern, hier die Besucher der Edelmeile in ihren handgenähten Budapesterschuhen, Karo-Mänteln und teuren Kaschmirschals.

Mit einem gewissen Genuss marschieren die Jesus-Walker vorbei an geparkten Edelkarossen und stecken da und dort Flyer oder Ballone mit dem Jesus-Logo an einen Wagen.

Der Name Jesus wird hier kaum noch ausgesprochen

Auch unweit des Paradeplatzes stösst die Gruppe auf pikierte Blicke. Manche Passanten wechseln die Strassenseite. Da und dort ergeben sich jedoch am Wegrand Gespräche. Am Fischstand der Migros wird Thomas Ancar von jungen Leuten gefragt, weshalb er hier mitmarschiert. Seine Antwort: "In der Schweiz vergessen viele, dass das Land seine Wurzeln im christlichen Glauben hat. Der Name Jesus aber wird hier kaum noch ausgesprochen."

Kritik auch an "Berufschristen"

Das sieht auch der älter Mann so, der mit einer riesigen Fahne im Demo-Zug mitläuft. Eine Frau hat sie ihm in vielen Stunden Handarbeit genäht. Der Zürcher, der seinen Namen nicht nennen möchte, sagt den Jugendlichen, die rauchend auf einem Sockel lümmeln: "Viele geben sich als Christen aus, doch der Name Jesus kommt vielen kaum über die Lippen. Auch von sogenannten Berufschristen wie Priestern nicht, die öffentlich für eine christliche Leitkultur eintreten."

Auf dem Trottoir entbrennt jetzt eine intensive Diskussion. Eine Frau fragt: "Warum ist das so?" Der Fahnen-Mann: "Wer keine lebendige Beziehung hat zu diesem Jesus, kann diesen Namen auch nicht aussprechen." Die Frau mit Zigarette entgegnet: "Der Name Jesus klingt für mich fremd." Der Fahnenträger verabschiedet sich mit den Worten: "Ich bin gerne bei Leuten, die zu Jesus eine lebendige Beziehung haben."

Abklatschen vor dem Lobpreis

Gegen 16 Uhr kehren die Teilnehmer der Jesus-Parade trommelnd und trillernd zum Helvetiaplatz zurück, wo sie Inputs, Gebete und Lobpreis-Gesänge erwarten. Auf dem Platz klatschen sie sich gegenseitig ab. Auf der Bühne sprechen jetzt die Pastoren Simon Blum und Antoni Josef, der mit seiner Frau Deborah in Zürich eine tamilische-internationale Kirche gegründet hat. Auf dem Platz sieht er viele Landsleute stehen. Einer der Tamilen sagt: "Viele von uns sind vor Jahren als Flüchtlinge in der Schweiz aufgenommen worden. Dafür sind wir dankbar und wollen das hier zeigen."

Dann betritt Hans Egli, Zürcher EDU-Kantonsrat, die Bühne. Er spricht über Missstände in der Welt, über die Christen nicht hinwegsehen dürfen. Er mahnt, wie wichtig es sei, sich als Christ in politischen Ämtern zu engagieren: "Christen müssen in der Politik mehr vertreten sein. Wir wollen, dass Gott mehr Macht erhält in unserem Staat." "Halleluja!" antwortet der Platz.

Die trauen sich was

Die Besucher des Cafés am Volkshaus vernehmen von der Bühne, dass die Teilnehmer der Jesus-Parade 2018 wieder in den Kreis 4 kommen wollen. Ein Stammgast sagt: "Die Jesus-Fans sind nicht mein Fall. Aber die trauen sich was und manch einer kann von ihnen punkto Fröhlichkeit etwas lernen."

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