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Zum 7. Mal in Einsiedeln: Wallfahrt auf afrikanisch

Einsiedeln, 27.8.17 (kath.ch) Afrikanerinnen und Afrikaner aus der Schweiz sind am Samstag zum 7. Mal zur schwarzen Madonna von Einsiedeln gepilgert. Die von der Migrantenseelsorge der Schweizer Bischofskonferenz organisierte Wallfahrt erfreut sich auch bei Schweizern wachsender Beliebtheit. Den Gottesdienst leitete der St. Galler Bischof Markus Büchel. Ein grosses Essen schloss die Begegnung ab.

Vera Rüttimann

Von fern wirken sie wie leuchtend bunte Punkte in Gelb, Rot oder Blau. Es sind afrikanische Pilger und Pilgerinnen, die sich an diesem Samstagmorgen vor den Stufen des wuchtigen Klosterportals zur wohl fröhlichsten Wallfahrt des Jahres versammeln. Unübersehbar sind die vielen Kinder. Gleich geht's los auf den Kreuzweg, der sie 14 Stationen auf verschlungenen Pfaden hinauf zur gegenüber liegenden Anhöhe hinauf führen wird. Die rund 350 Pilger, von denen viele barfuss den Weg antreten, stammen aus Eritrea, Kamerun, Kongo, Senegal und anderen Ländern, haben in der Schweiz jedoch längst schon eine neue Heimat gefunden.

Der Kreuzweg führt sie am südlichen Ende der Klosterfront vorbei, verläuft dem Johannis-Bächli entlang und steigt auf zum Meinradsberg. Bei jeder Station hält die Gruppe und es werden in unterschiedlichen Sprachen kurze Betrachtungen vorgelesen. Neben Englisch und Französisch sind auch Sprachen wie Igbo und Tigrinya zu hören.

Unter den Pilgern, die jetzt mit den anderen in den Chlosterwald einbiegen, sind etliche Schweizer. Sie staunen über so manches: Da ist die babylonsisch anmutende Sprachenvielfalt; da sind die festlichen Gewänder der Frauen, von denen einige imposante Kopfbedeckungen in Bonbonfarben tragen; da sind ihre Röcke, die mit ikonischen Marien-Darstellungen bedruckt sind. Und da sind die Frauen, die ihre Kinder auch bei Nieselregen auf dem Rücken die steile Anhöhe hinauf tragen.

Jeder mit seiner Last

Die Pilger stammen aus katholischen Gegenden in Afrika. Fern ihrer Heimat wollen sie auch hier an ihren konfessionellen Praktiken festhalten. In der Ferne erlangen diese meist noch grössere Bedeutung. Die Beobachter bemerken das an vielen Gesten. Immer wieder legen die afrikanischen Pilger ihre Hand auf das Relief einer Kreuzwegstation. Keiner tippt während des Gehens am Smartphone. Viele laufen für sich singend und Texte murmelnd auf dem Weg.

Der Afrikaner ist mit Maria sehr verbunden und mit der schwarzen Madonna ganz besonders.

Die Ernsthaftigkeit auf ihren Gesichtern lässt auch erkennen: So mancher trägt hier auch seine persönliche Last den Berg hoch. Zerplatzte Hoffnungen von Menschen, die in der Schweiz eine neue Heimat finden wollen. Und da ist das Leid von Landsleuten, die in untauglichen Booten über das Mittelmeer flüchten. Das Handy wird erst gezückt, als die Pilger beim grossen Kreuz auf dem Hügel angelangt sind, von dem sich ihnen ein schöner Blick auf das Kloster Einsiedeln bietet.

Ein feuriges Erlebnis

Nach dem teils anstrengenden Kreuzweg treffen sich alle in der Klosterkirche. Die Chöre und Musiker, die den Gottesdienst musikalisch umrahmen, trommeln und singen sich schon ein. Als sie zum Einzug der Priester und Ministranten mit Feuer loslegen, wähnt man sich für kurze Zeit nicht in Einsiedeln, sondern in Kapstadt oder Johannesburg.

Der Klang der Trommeln geht durch Mark und Bein. Die hohen Leadstimmen setzen sich in den Ohrmuscheln fest. Das alles wird klanglich begleitet vom rhythmischen "Tackern" der Weihrauchfässer. Ganz vorne nimmt nun auch eine Gruppe Eritreer Platz, die mit ihren violetten Umhängen tanzend durch den Mittelgang eingezogen ist. Selbst Bischof Markus Büchel, der diesem Gottesdienst vorsteht, staunt über das opulente optische und klangliche Erlebnis.

Während des Gottesdienstes sind die Gläubigen mit vollem Körpereinsatz dabei. Immer wieder werfen sich etliche zur Anbetung bekreuzigend auf den Boden. Unter den Gottesdienstbesuchern sind auch viele Schweizer. Darunter nicht wenige, die sich in ihren Gemeinden in der Flüchtlingsarbeit engagieren. Auch sie lassen sich von der Fröhlichkeit und der Energie, die von dieser singenden und tanzenden Gemeinschaft ausgeht, anstecken.

Diese Wallfahrt bedeutet mir viel, weil verschiedene Sprachen, Kulturen und Religionen vertreten sind.

Abt Urban Federer und Bischof Markus Büchel wissen: Sie sehen in den Bänken vor sich Vertreter einer wachsenden Migrantengemeinde. Und sie blicken in die selbstbewussten Gesichter von zahlreichen jungen Priestern. Bischof Markus Büchel ist sich seiner Gastgeberrolle und Brückenfunktion bewusst. Zum Gottesdienst hat der Ostschweizer einen grossen Schlüssel aus Holz mitgebracht, den er einst auf einer Reise in Afrika als Geschenkt erhielt. Der Schlüssel steht für ihn als Symbol für Gastfreundschaft, Offenheit und gute Nachbarschaft.

Die rätselhafte Blick der schwarzen Madonna

Zum Abschluss der Messe pilgern alle vor das tempelartige Gebäude in der Kirche mit seinen schwarzen Säulen, in der sich die schwarzhäutige Madonna von Einsiedeln befindet. Fasziniert schauen die Pilger die spätgotische Holzfigur im goldenen Mantelumhang an, die ihnen mit rätselhaft entrücktem Blick aus der Gnadenkapelle entgegenblickt.

Im Innern riecht es nach Kerzenwachs. Viele in der afrikanischen Community wissen, dass in diesem Jahr des Wiederaufbaus der Gnadenkapelle vor 200 Jahren gedacht wird. Für viele afrikanische Pilger ist dieser Programmpunkt der Höhepunkt des Tages. Pfarrer Benignus Ogbunanwata aus der Pfarrei St. Pirminius in Pfungen ZH sagt: "Der Afrikaner ist mit Maria sehr verbunden und mit der schwarzen Madonna ganz besonders. Das ist der Grund, warum wir mit dieser Wallfahrt nach Einsiedeln kommen."

Lachen, tanzen und speisen

Nach dem Gottesdienst treffen sich alle zu einem grossen Picknick hinter der Klosterkirche, wo Freiwillige auf Tischen im Schulhof des Klosters selbst gekochte afrikanische Speisen auftischen. Die Frauen und Männer sitzen bei Injera, dem typischem äthiopischen Fladenbrot, zusammen. Natürlich auch bei Taboulé, einem erfrischenden Salat aus Bulgur (vorgekochter Weizen), Tomaten und Zwiebeln oder Fleischbällchen aus Lamm.

Hungrig wird nach den würzigen Häppchen gegriffen. Auch im Schulhof des Klosters geht das Singen, Klatschen und Trommeln weiter. Pfarrer Benignus Ogbunanwata, der seine Wurzen in Nigeria hat, sagt: "Diese Wallfahrt bedeutet mir viel, weil verschiedene Sprachen, Kulturen und Religionen vertreten sind. Schön ist auch, dass wir mit diesem Essen zusammen das Leben feiern können."

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