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Raum für Gebete

Ob Buddha, Allah, Gott, oder Jahwe -so unterschiedlich wie die Lehren sind die Orte, an denen der Glauben gelebt wird. Doch manchmal liegt die Vielfalt ziemlich versteckt


Ein Hauch von Indien

Ein grauer Betonklotz an der Ecke Berg-am-Laim-Straße/Kästnerstraße. Draußen: Einfamilienhäuser, Supermärkte, Bäckereien. Drinnen: Ein Hauch von Indien. Vom ersten Stock zieht der Duft von Räucherstäbchen durch den Hausflur. Die Tür steht einen Spalt offen, leise Musik ist zu hören. Chandor Kapoon geht geradewegs auf den Altar zu. Er läutet an der kleinen goldenen Glocke, geht auf die Knie und berührt mit der Stirn den Boden - so begrüßt er die Götter. Seit mehr als zehn Jahren gehört Kapoon der hinduistischen Glaubensgemeinschaft Hari Om in Trudering an: "Das Besondere an unserem Tempel ist, dass wir nicht nur einen Gott anbeten können."

Mit dem Ziel, alle hinduistischen Götter unter einem Dach zu vereinen, eröffnete 2006 der Verein Hari Om gemeinsam mit der Gesellschaft für Deutsch-Indische Zusammenarbeit den Tempel. Jeden Sonntag treffen sich mehr als 100 indische und afghanische Hindus. Freiwillige Helfer wie Kapoon gestalten die Zeremonien. Für das Gebet trägt Kapoon ein orangenes Kopftuch mit der Aufschrift "Om", ein Zeichen des Respekts. Ein Helfer befüllt Muscheln mit Wasser und zündet Kerzen an. "Er bereitet Aarti vor", sagt Kapoon. Ein Ritual, bei dem das Licht einer Kerze den Göttern dargeboten wird.

Kapoon nimmt im Schneidersitz auf roten Kissen Platz, vor ihm liegen eine Trommel und Rasseln. Auf einem Tischchen, geschmückt mit einem roten Paillettentuch, liegt das Gebetsbuch. Von der Decke hängen bunte Girlanden, der Boden ist mit schweren Teppichen ausgelegt. Im Hintergrund blinken farbenfrohe Lichterketten, die Gottheiten sind von Plastikblumen umstellt. Kapoon liest indische Gebete vor. Seine tiefe Stimme hallt durch die zwei weitläufigen Gebetsräume. Rote Vorhänge schirmen ihn von der Außenwelt ab. Für die nächsten drei Stunden ist Chandor Kapoon in Gedanken in Indien.


Text: Lisa Winter


Runterkommen Beten zwischen Sicherheitscheck und Abflughalle

Ein Mann hastet mit seinem Rollkoffer durch einen verglasten Gang, vorbei an Duty-Free-Läden. Es ist hektisch im Transit-Bereich des Terminals 2 am Münchner Flughafen. Mittendrin, versteckt in einem Seitengang, ein Ort der Ruhe: der Raum für Stille und Gebet. Auf 50 Quadratmetern ist hier ein Ort für interreligiöse Begegnung geschaffen worden.

Ein hell erleuchteter, begehbarer Kubus bildet einen Raum im Raum, umgeben von einem schmalen Gang, dessen schwarze Wände mit spirituellen Weisheiten aller fünf Weltreligionen beschrieben sind. "Die meisten Reisenden finden hier nur durch Zufall hin", sagt Stefan Fratzscher, evangelischer Flughafenseelsorger. Fratzscher betritt den Kubus und geht auf einen Baumstamm zu, der aus dem Boden bis hinauf in die Decke reicht. Die strahlenden Seitenwände erhellen den gesamten Raum, gelbe Fußbodenlampen tauchen alles in ein warmes Licht. Der Baum dient als zentrales Element und soll die unterschiedlichen Religionen miteinander verbinden. "Der massive Baumstamm und sein guter Stand stehen für die Basis, die aus dem Glauben kommt und Kraft gibt", erklärt Fratzscher. Darüber hinaus kann der Baum als Symbol der Schöpfung interpretiert werden - ein Element, das alle Religionen miteinander verbindet. Die Eintragungen im Gästebuch verraten, dass das Konzept aufgeht. "Danke Gott, für die dauernde Begleitung in allen Religionen der Welt. Wie auch immer dein Name ist", schreibt ein Besucher namens Salom. Wer auf seiner Reise Ruhe und Besinnung sucht, kann sie hier finden. Vom hektischen Treiben am Flughafen ist im Raum für Stille nichts zu spüren. 


Text: Lisa Winter, Hannah Würsching



Diese Texte entstanden in Kooperation mit der katholischen Journalistenschule ifp (Institut zur Förderung publizistischen Nachwuchses). Alle Autoren sind Stipendiaten des Jahrgangs 2018. Rétablir l'original