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Stilles Erbe

© Paula Winkler / Privatarchiv

1945 überlebt ein Mann als Einziger den Überfall auf den Hof seiner Familie. Zwölf Menschen sterben, auch seine Frau und seine Kinder. Wie konnte er den Tätern vergeben?

Wann ich das erste Mal von der Geschichte meines Großvaters hörte, weiß ich nicht. Ich erinnere mich aber an das kleine grüne Buch mit dem weißen Kreuz. Das Buch lag in einem schwarzen Stahlschrank, der in unserem Wohnzimmer stand und der heute in meiner Wohnung steht, einem Schrank, den man abschließen kann und der meist abgeschlossen war. Sein Inhalt schien mir geheimnisvoll. Hier mussten wichtige Dinge beherbergt sein, die nicht für meine Augen bestimmt waren. Manchmal standen die Türen des Schranks offen, und dann blitzte das kleine grüne Buch mit dem Kreuz hervor.


Meine Großeltern väterlicherseits waren für meine Schwester und mich Teil unserer Kindheit, wir nannten sie Oma und Opa und besuchten sie regelmäßig in Niedersachsen. Von den Eltern meiner Mutter wussten wir kaum etwas. Sie waren gestorben, bevor wir auf die Welt kamen, meine Großmutter 1972, mein Großvater 1979, sechs Jahre vor meiner Geburt. Der einzige Hinweis auf ihre Existenz war ein vergilbtes Schwarz-Weiß-Foto, das in eine Glashalbkugel eingelassen war. Sie stand auf einem kleinen Nachttisch neben dem Bett meiner Mutter. Auf dem Bild trägt meine Großmutter ein hochgeschlossenes Kleid und eine Perlenkette, mein Großvater einen Anzug mit Krawatte, ihre Gesichter strahlen Ernsthaftigkeit und Strenge aus. Sie sehen aus, wie ich mir als Kind Menschen von früher vorgestellt habe; Menschen, die nichts mit mir zu tun haben, aus einer anderen Welt, aus einer anderen Zeit. Ich wusste, dass meine Großmutter Krankenschwester gewesen war, mein Großvater Apotheker und dass sie gemeinsam ein Altenheim nahe Bremen geleitet hatten. Ihr Grab haben wir nie besucht.

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ZEITmagazin vom 27.06.2019
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