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Medienanalyse: Wer macht eigentlich die Schlagzeilen? - Kurt

Trump hat mal wieder etwas getweetet, die GroKo zofft sich und wie war das nochmal mit dem Abgasskandal? Wenn man die Zeitung aufschlägt oder den Fernseher anmacht, kann man manchmal das Gefühl bekommen, manche Themen immer wieder zu lesen oder zu sehen. Andere dagegen schaffen es selten auf die Titelseiten. Aber wer entscheidet eigentlich, was in die Nachrichten kommt? 

Vor wenigen Wochen ging der Hashtag #blueforsudan in den sozialen Medien viral, tausende Nutzer posteten blau hinterlegte Bilder mit dem Slogan auf Instagram, Twitter und Facebook, um auf die Opfer des gewaltsamen Konflikts im Sudan aufmerksam zu machen. Denn über den, so die Meinung vieler User, wüssten viele Menschen nicht Bescheid, weil die Medien kaum über ihn berichteten.

"The Sudanese people are completely isolated from the rest of the world."

This is why thousands of people are turning #BlueForSudan - to let the people of Sudan know they won't be forgotten. pic.twitter.com/4UXHB6iByj

- JOE (@JOE_co_uk) June 30, 2019

Tatsächlich gibt es Themen, über die im Vergleich zu anderen sehr viel berichtet wird. Im Jahr 2018 stehen da die Große Koalition und die Berichterstattung über Migration bei den großen TV-Nachrichten an erster Stelle.

Krisenberichterstattung unbefriedigend fürs Publikum

Marlene Nunnendorf arbeitet für die Initiative Nachrichtenaufklärung. Das ist e ine NGO von Journalisten, Medien- und Kommunikationswissenschaftlern, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, unbeachtete Themen in den Fokus zu rücken. Sie hat mehrere Thesen dafür, warum große Medienhäuser manche Themen weniger häufig aufnehmen als andere: „Gerade bei der Berichterstattung über Krisen fragen sich viele Redaktionen, ob ihre Rezipienten sich wirklich damit beschäftigen wollen. Denn Leser oder Zuschauer können wenig tun, um die Situation der Menschen in Krisengebieten zu verbessern, und das kann schnell unbefriedigend sein. Viele Redaktionen denken deshalb, dass solche Geschichten sich nicht verkaufen lassen."

Politische und gesellschaftliche Nähe entscheidend

Ein anderer Grund für die Dominanz bestimmter Themen sei auch, dass sie uns näher lägen. Als Beispiel dafür nennt Marlene Nunnendorf die Art der Berichterstattung über den Hurrikan Harvey in Texas und den zeitgleich stattfindenden Monsun in Südasien. Der kostete deutlich mehr Menschen das Leben und hatte weitreichendere Auswirkungen als Harvey. „Trotzdem haben wir in den Nachrichten mehr über Texas und die Outfits der Trumps bei ihren Krisenbesuchen gehört als über die Situation in Südasien", so Nunnendorf. „Die USA sind uns näher, es gibt Menschen, die da arbeiten, auch private Kontakte dahin haben. Unsere kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Verbindungen sind enger als das in Südasien der Fall ist."

Auch müsse man bedenken, dass es sehr viele Krisen und Konflikte gebe und die Medien schon aus wirtschaftlichen Gründen und begrenzter Sendezeit nicht über alles gleichzeitig berichten könnten. Dabei ist Marlene Nunnendorf der Ansicht, dass gerade die Berichterstattung über Konflikte und Kriege gesellschaftlich und politisch relevant ist: " Krisenregionen sind auf internationale Aufmerksamkeit angewiesen, weil sich nur so Druck auf die Verantwortlichen vor Ort aufbauen lässt."

Soziale Medien als ergänzende Öffentlichkeit

Doch die Vergangenheit hat gezeigt, dass es nicht mehr die Medienhäuser allein sind, die über die Auswahl der Themen entscheiden. Gerade die sozialen Medien können dazu beitragen, bis dahin unbeachtete Themen in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. So begann unter anderem MeToo, die Bewegung gegen sexuelle Übergriffe auf Frauen, als Twitter-Hashtag und wurde durch seine weite Verbreitung schließlich auch international in den Medien aufgegriffen. Und so hat die Kampagne #blueforsudan die Aufmerksamkeit tausender User auf den gewaltsamen Konflikt im Sudan gelenkt.

„Soziale Medien sind mit Sicherheit ein wichtiger Faktor um eine ergänzende Öffentlichkeit schaffen zu können", bestätigt Nunnendorf, gibt aber auch zu bedenken, dass sie klassische Medien nicht ersetzen können. „Sie liefern neben wichtigen Impulsen auch viele oberflächliche Nachrichten, die die Aufmerksamkeit der Nutzer ablenken können. Deshalb sind Qualitätsmedien immer noch unverzichtbar, um den Fokus aufrechtzuerhalten."

Fotos: Michael Gaida (1. Foto), Gerd Altmann (2. Foto), Pixabay
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