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Wieso sollten wir Plastik fasten?

Im Nordpazifik treibt seit Jahren eine riesige Mülldeponie, die heute so groß ist wie ganz Mitteleuropa. In jedem Quadratkilometer schwimmen hunderttausend Teile von Plastikmüll. Pro Jahr sterben ebenfalls hunderttausend Meerestiere wie Robben, Wale, Fische, Muscheln und Schildkröten. Und warum? Sie verwechseln das herumschwimmende Plastik mit ihrer Nahrung. Die Plastikpartikel ziehen zudem noch vermehrt Schadstoffe an und werden dann von den Tieren gefressen. In der Folge kommt es zu erhöhten Sterberaten und Tumorbildungen bei diesen Lebewesen. Nicht primär das Plastikteil selbst tötet die Tiere, sondern die vielen kleineren Mikroplastikpartikel. Über die Nahrungskette, zu der für uns Menschen auch Meerestiere gehören, gelangt das Mikroplastik früher oder später auch in unsere Nahrung. Die Auswirkungen der Mikroplastikpartikel in menschlichen Organsimen sind zwar noch nicht umfassend erforscht. Als sicher aber gilt bereits heute, dass so auch Giftstoffe, Weichmacher und Pflanzenschutzmittel in den Stoffwechselkreislauf von Meerestieren und Menschen gelangen. Auch die Erkenntnis, dass die festen Kunststoffpartikel physikalische Schäden des Magen- Darm-Traktes hervorrufen, gilt als nachgewiesen. Des Weiteren kann es zu Blockaden der Nahrungsaufnahme, zu Behinderungen der Verdauung sowie zu einem ständigen Sättigungsgefühl kommen. Diese Erscheinungen können sogar Wachstums- und Fortpflanzungsmöglichkeiten beeinträchtigen.

Alternativen, für das in der Produktion billige, beim Recycling aber sehr teure Plastik sind unabdingbar. Das Myzel – per Definition sind das die fadenförmigen Zellen

eines Pilzes – könnten ein Baustein aus diesem Dilemma sein. Ein Start-up Unternehmen aus San Francisco hat genau diese Pilzfäden als neuartigen „Werkstoff“ entdeckt, mit dem man Stoffe, Stühle oder sogar Backsteine herstellen könnte.

Philip Ross, der Mitgründer des Unternehmens, hat bereits einen sehr robusten Backstein wachsen lassen, der aus Pilzen gefertigt wurde, die bisher vor allem in der chinesischen Medizin Anwendung fanden. Die Unternehmer geben zu den Pilzen nur noch biologische Abfälle, Reste von Reis- oder Maisernten und etwas Sägemehl hinzu, dann scheint das „Rezept“ schon fertig zu sein. Zunächst wachsen die Pilzfäden um die Abfallreste herum, denn sie brauchen die enthaltenen Stärken und den Zucker zum Leben. Während ihres Wachstums sondern sie Enzyme ab, die die Kohlenstoffverbindungen leichter verdaulich machen. Sie wachsen kreuz und quer zu einem festen Gewebe zusammen und so entsteht innerhalb zwei Wochen ein großes Stück an Pilzleder. Wenn das Pilzstück dann die gewünschte Stärke hat, wird es im Ofen erstmals getrocknet und dadurch der Wachstumsprozess gestoppt. Anschließend kann man das Pilzleder in jede beliebige Form bringen, es nähen oder auch färben, ohne eine

besondere Technik dafür einsetzen zu müssen.

In ein paar Jahren will Philipp Ross diese gezüchteten Pilzgeflechte – als Kern- und möglicherweise Alleinprodukt seines Unternehmens – in noch deutlich größeren Mengen fertigen und verkaufen.

Auf dem Weg hin zu einem plastikfreie(re)n Leben wollen inzwischen auch einige Großkonzerne und auch die EU handeln. Vergangenes Jahr stellte die EU- Kommission ihre „Anti-Plastik-Strategie“ vor, nach der u.a. das gesamte Verpackungsmaterial auf dem EU- Markt wiederverwertbar sein soll. Die vorgesehene Richtlinie beinhaltet sogar ein Verbot von Strohhalmen, Wattestäbchen, Plastikeinweggeschirr und -besteck, PET-Flaschen und Luftballonhaltern bereits ab dem Jahr 2021. Das Europaparlament hat dem Vorschlag der EU- Kommission noch in 2018 bereits zugestimmt.

Zeit für wirksame und nachhaltige Veränderungen wird es auf jeden Fall, denn allein eine Plastikflasche braucht ganze

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1.000 Jahre – das sind 4o menschliche Generationen-,
um abgebaut zu werden. Eine Plastikfolie benötigt
für ihre eigene Zersetzung immerhin auch bereits 40 Jahre, also zwei menschliche Generationen. Modernen Biokunststoffen genügen dagegen schon 90 Tage, um zu verrotten. Das ist übrigens auch genau der Kunststoff, den die EU sich als Alternative wünscht.

Einen Umdenkprozess haben inzwischen selbst Discounter eingeleitet. Nach Lidl hat auch Aldi die Plastiktüten aus ihren Lebensmittel-Filialen verbannt und setzt jetzt auf Mehrwegtragetaschen. Allerdings sind diese aus stabilerem Kunststoff, weshalb die angekündigte „ambitionierte“ Verpackungsstrategie noch etwas holprig erscheint. Dennoch möchte der Discounter in seinen Aldi Süd und Nord Läden bis 2022 alle Eigenmarken-Verpackungen recyclingfähig machen und bis 2025 die Verpackungsmenge – wiederum bei den Eigenmarken – um bis zu 30 Prozent absenken.

Um diese Ziele zum Teil erreichbar zu machen, sollen auch die Obst- und Gemüse-Verpackungen stark reduziert werden. Der Aldi-Gesamtkonzern will in Zukunft dafür mehr unverpackte Ware sowie Mehrwegvarianten oder umweltfreundlichere Alternativen anbieten.

Auch die Supermarktkette Rewe erklärte im Juli 2018, Einweg-Plastikstrohhalme bereits komplett aus dem Sortiment verbannt zu haben. In Österreich ist der Verzicht auf Plastik ebenfalls längst angekommen: Viele Supermärkte verzichten hier bereits auf Plastiktüten und setzen auf Zellulose- oder Baumwollsäckchen; diese kauft der Kunde einmalig und kann sie dann in jeden Supermarkt seiner Wahl mitnehmen, um dort z.B. Obst, Gemüse oder Nüsse für sich abzupacken.

Die Erfolge der Großkonzerne zeigen sich rasch: so hat die Aldi Gruppe nach eigenen Angaben im Jahre 2017 bereits mehr als 120 Millionen Pappkartons eingespart. Andererseits sind viele Kunden verärgert über den Drogeriemarkt dm. Die Eigenmarke Balea enthält anscheinend viele Mikroplastikpartikel – es sollen 75 Pflege- und Hygieneprodukte davon betroffen sein. Die kleinen Plastikpartikel und der flüssige Kunststoff –Mikroplastik – werden von zahlreichen Produkten wie Bodylotion, Duschgel und Peelings verwendet. Das industriell herge-

stellte Plastik ist ökologisch nicht abbaubar und verschmutzt so unsere Umwelt. Die Peeling-Kugeln sowie das Duschgel oder Masken gelangen durch das Abwaschen in unsere Abwässer und so auch in umliegende Flüsse und Wasser-Reservoire. Die Plastikteilchen sind teilweise so klein, dass nicht einmal die Kläranlage sie herausfiltern kann. Dadurch ist letztlich auch der Weitertransport von Mikroplastikpartikel in unser Trinkwasser und die Meere nicht vermeidbar.