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"Du musst eine Rampensau sein"

Bild: Danny Jakesch

Am 8. Februar gibt es in Amberg erstmals Live-Wrestling zu sehen. Im Ring wird auch Lokalmatador Christian Adamczyk stehen. Er tritt sogar als Titelverteidiger an. Noch wichtiger aber: Er will seine Heimatstadt für Wrestling begeistern.


Yuri Gromow ist ein Taktiker, ein durchtriebener Bösewicht. Einer, der im Hintergrund die Fäden spinnt und im richtigen Moment zuschlägt. Er hat russische Wurzeln, die womöglich bis zur Zarenzeit zurückreichen. Sonderlich beliebt ist er nicht, schließlich ist er einer der "Bösen". Einer der ewigen Herausforderer, die Zwietracht säen und Ärger ernten. Aber Entwarnung: Es ist alles nur gespielt. So beschreibt der Amberger Wrestler Christian Adamczyk sein Alter Ego, sein fiktives Ich, in das er schlüpft, sobald er in den Ring steigt.

Adamczyk ist seit 2017 aktiver Wrestler und tritt für die regionale Liga New European Championship Wrestling, kurz NEW, an. Am Samstag, 8. Februar, startet sie mit dem ersten Wettkampf in die neue Saison - und gastiert im Musikomm Amberg. Ein Heimspiel also für Adamczyk. Es ist eine doppelte Premiere. Noch nie war Amberg Gastgeber einer Wrestling-Veranstaltung. Zudem fanden Veranstaltungen der NEW bislang immer in der eigenen Halle im mittelfränkischen Heßdorf statt. In Amberg folgt der erste Versuch, Wrestling auf fremdem Terrain anzubieten. Auf "eine akrobatische Show und Wahnsinns-Stimmung" könnten sich die Zuschauer freuen, sagt Pressesprecherin Diana Glöckner. "Wrestling ist Sport-Entertainment", es dürfe also niemand einen klassischen Wettkampf erwarten. Vielmehr stünden Unterhaltung und Spannung im Mittelpunkt der Darbietung.

Für Adamczyk kommt eine gehörige Portion Lokalpatriotismus dazu. "Ich will den Ambergern zeigen, was Wrestling bedeutet und sie dafür begeistern." Das sei nicht immer ganz leicht. Wrestling kämpft mit vielen Vorurteilen. Brutal, zügellos, fast schon dekadent sei es. "Ja, Wrestling ist überzogen und soll es auch sein", schließlich wolle das Publikum unterhalten werden. "Aber es geht niemals darum, jemanden zu verletzen", betont Glöckner. Erst nach intensivem Training der Sportler sei es möglich, eine solche Stunt-Show abzuliefern. Den Titel bekommt auch nicht derjenige, der tatsächlich am härtesten zuschlägt oder am brutalsten agiert, sondern wer die beste Show bietet und das Publikum auf seiner Seite hat. Knapp zehn eigenständige Wrestling-Ligen gibt es in Deutschland, alle sind auf eine bestimmte Region begrenzt. Die Zahl der aktiven deutschen Wrestler liegt bei etwa 300. Fünf davon stammen aus der Oberpfalz. Adamczyk ist einer davon, obwohl er eher ein Spätstarter war. Während viele schon als Teenager anfangen und sich ausbilden lassen, arbeitete er zunächst in der Medienbranche. Dort lernte er, souverän vor Kameras aufzutreten. "Als Wrestler musst du eine Rampensau sein und abliefern können, wenn alle zuschauen. Da hat mir meine Zeit beim Fernsehen geholfen."

Wrestling habe ihn zwar schon immer begeistert, aber erst nach seinen Jahren für TV-Sender im In- und Ausland hatte er genug Geld verdient, um als Wrestler zu starten. "Ich wollte das unbedingt", sagt er heute, "das und nichts anderes". 2015 begann er die Ausbildung an der Wrestling-Schule The Wright Stuff in Nürnberg. Bevor er 30 Jahre alt würde, wollte er unbedingt Wrestler sein. Tatsächlich: Kurz vor seinem 30. Geburtstag schloss er die Schule ab und darf sich seit 2017 offiziell Wrestler nennen.

Was muss ein Wrestler mitbringen, von der Rampensau-Attitüde einmal abgesehen? Viel Willenskraft und Fleiß. "Ich trainiere jeden Tag mehrere Stunden. Es kommt vor allem auf Ausdauer und Muskeln an", erklärt Adamczyk. Wer nicht fit ist, der hält im Ring keine zwei Minuten durch." Der ständige Wechsel aus Sprinten, Springen, Treten, Fallen und Aufstehen verlange der Muskulatur alles ab. "Man kann den Traum, Wrestler zu sein, leben", sagt Adamczyk. "Aber man muss bereit sein, hart dafür zu arbeiten." Außerdem brauche es eine ordentliche Polsterung, um Schläge einzustecken. "Es ist ein extremer Leistungssport", erzählt der Amberger. 1000 Kniebeugen am Stück? Für ihn: "Kein Problem!"

Jetzt sei es an der Zeit, sagt er, Wrestling in die nördliche Oberpfalz zu bringen. An eine bestimmt Altersgruppe richte sich die Veranstaltung nicht. "Wir wollen eine familienfreundliche Show bieten", stellt Adamczyk klar. Großes Fan-Potenzial sieht er in den Leuten, die mit den US-amerikanischen Wrestling-Stars der 80er- und 90-Jahre, wie Hulk Hogan oder dem Undertaker, aufgewachsen sind.

Den vielen Wrestling-unerfahrenen Ambergern rät er, unvoreingenommen ranzugehen. "Wrestling ist auch Performance-Kunst." Für Leute, die Wrestling kritisieren, weil alles nur gespielt ist, hat er kein Verständnis: "Wenn jemand einen Actionfilm anschaut, dann glaubt er doch auch nicht, dass die Schauspieler sich wirklich wehtun."

Wenn die NEW im Februar in Amberg aufschlägt, geht es für Adamczyk sogar um die Verteidigung eines Titels. Er ist aktueller NEW World Internet Champion, einer von drei Titeln, um die es im Musikomm gehen wird. Ein Anreiz, ja. Aber eigentlich geht um etwas anderes, nichts Greifbares: Im Vordergrund stehen Wrestling-typisch Spaß haben und eine gute Show liefern. Christian Adamczyk, im wahren Leben Fitnesstrainer, verwandelt sich dann in Yuri Gromow, den listigen Russen. "In dieser Rolle gehe ich völlig auf", sagt er und ergänzt: "Er ist meine Zweitidentität." Wrestler zu sein, in eine andere, fremde Rolle schlüpfen und diesen Traum leben zu dürfen, all das ist für Adamczyk "ein riesiges Privileg".

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