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Eine neue Heimat in der alten

"Aleppo Shopping Center" steht auf einem Schild am Abgang zur U-Bahn im Zentrum Jerewans: Hier gibt es eine Handvoll Geschäfte, Bäckereien und einen Frisör. In der Auslage bewerben arabische Schriftzeichen die feilgebotenen Spezialitäten, von Süßgebäck über Hummus bis hin zu exotischen Gewürzen. Betrieben werden die Geschäfte von armenischen Syriern, die aus dem vom Bürgerkrieg zerstörten Land geflohen waren und sich in Armenien ein neues Leben aufgebaut haben.


"Ich bin 2014 mit einigen Verwandten gekommen. Die Mieten und Lebensmittelpreise hier sind hoch, aber wir kommen über die Runden", sagt Dalida (53), die eine kleine Bäckerei in der U-Bahn-Unterführung betreibt. Im Nebengeschäft werden Gewürze aus Syrien, der Türkei, den Vereinigten Arabischen Emiraten und dem Iran verkauft. "Das Geschäft läuft gut", sagt die Besitzerin und man glaubt es ihr, kommt sie vor lauter Kundschaft doch kaum zum Erzählen. All ihre Verwandten und Freunde sind von Syrien nach Jerewan geflohen, erzählt sie. Einzig ihre beiden Kinder sind nach Schweden und Kanada gegangen, zumindest vorläufig.


Im Wesentlichen gibt es zwei Gruppen von syrischen Immigranten, berichtet Anna Dahlaryan, die für die staatliche österreichische Entwicklungshilfe Austrian Development Agency (ADA) arbeitet. "Die erste Gruppe, unter ihnen viele Wohlhabende mit Wohnungen in Jerewan, kam am Anfang des Kriegs, der ja 2011 begann. Sie gingen davon aus, nach ein paar Wochen wieder zurück nach Syrien gehen zu können, wenn das Schlimmste wieder vorbei ist. Die zweite, deutlich größere Gruppe kam in den Jahren 2014 und 2015 und hatte fast nichts." Für die ADA lag der Schwerpunkt zunächst auf humanitärer Hilfe, die die Menschen mit dem Nötigsten versorgte. Um den zugezogenen Syrern in einem weiteren Schritt beim Gründen kleiner Unternehmen zu helfen, vergab die ADA in Kooperation mit EU, UNHCR, Caritas und Rotem Kreuz günstige Kredite. So konnten die Geflohenen in ihren gelernten Berufen weiterarbeiten: Etwa als Verkäufer, Näher oder Handwerker.


"Todesmärsche" durch die Wüste

Der 22-jährige Aram, der 2013 aus der syrischen Großstadt Latakia am Mittelmeer nach Jerewan geflohen ist, betont die große Hilfsbereitschaft der Einheimischen - so hätten viele Taxifahrer kein Geld von ihm verlangt. "Ich musste ganz neu anfangen. Die ersten zwei, drei Monate waren schon schwer für mich, da ich niemanden kannte und das Leben hier schwerer war als zu Friedenszeiten in Syrien." Mit seinem Studium der Betriebswirtschaft kam sein Alltag aber bald in geordnete Bahnen und Aram fand rasch armenische Freunde. Über ein Austauschprogramm kam er mit der Caritas Österreich in Kontakt, für die er schließlich ehrenamtlich als Übersetzer Arabisch-Armenisch gearbeitet hat. Das hat sich ausgezahlt, denn vor kurzem konnte er einen bezahlten Vollzeitjob bei der Caritas in Jerewan beginnen.


Die Eingliederung in die Gesellschaft sei ihm leicht gefallen: "In Latakia habe ich seit dem Kindergarten Westarmenisch gelernt. Meine Familie hat armenisches Fernsehen geschaut und auf diese Weise auch ein bisschen Ostarmenisch gelernt." Die zwei verschiedenen Dialekte sind eine Folge der tragischen Geschichte der Region: 1915 ließ die herrschende Jungtürken-Bewegung 300 armenische Intellektuelle in Istanbul umbringen, weil sie sie der Kooperation mit dem verfeindeten Russland bezichtigten. Noch im selben Jahr führten die Jungtürken weitere Vertreibungen im Osmanischen Reich und dem angrenzenden Westarmenien durch. Es kam zu regelrechten "Todesmärschen" durch die Wüste nach Syrien, in denen bis zu 1,5 Millionen Armenier erschossen wurden oder verdursteten.


Das heutige Armenien ist auf weniger als die Hälfte der Fläche der ersten armenischen Republik (1918-1920) zusammengeschrumpft und zählt gerade einmal drei Millionen Einwohner. Schätzungen zufolge ist die weltweite armenische Diaspora mindestens doppelt, wenn nicht dreimal so groß - eine Spätfolge des 100 Jahre zurückliegenden Genozids. Nach wie vor streben Armenier nach der Anerkennung des Genozids, den die türkische Regierung bis heute leugnet.


Als Besucher stößt man tagtäglich auf dieses Thema: Nicht etwa, weil Groll und Nationalismus durchklingen würden, sondern weil die Nachwirkungen in vielen Bereichen des Lebens bis heute zu spüren sind. So ist Armeniens Grenze zur Türkei, die nur wenige Kilometer westlich von Jerewan verläuft, seit 25 Jahren geschlossen: Alle importierten Produkte aus dem Nachbarland müssen zuerst nach Georgien transportiert werden und gehen erst dann, verbotenerweise, weiter nach Armenien. Aufgrund der geographischen Lage Armeniens, einem Binnenland zwischen den Regionalmächten Türkei, Iran und Russland, ist der europäische Markt so kaum erreichbar.


Erleichterter Zuzug

"Für die syrischen Armenier war es naheliegend, aufgrund des Kriegs nach Armenien zu gehen. Es war eine späte Rückkehr, eine Art Nach-Hause-Kommen für die meisten", sagt Arsen Hakobyan, Anthropologe an der Yerevan State University und an der armenischen Akademie der Wissenschaften. Er hat zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten über Erinnerungskultur und Identität verfasst und im Zuge seiner Forschung auch mündliche Interviews mit geflohenen Syrern in Armenien durchgeführt.


Sowohl der Aufnahmegesellschaft als auch den Neuzugezogenen fiel die Integration recht leicht, teilten die syrischen Armenier ja die Sprache, den christlichen Glauben und die Herkunft, sagt Hakobyan: "Die allermeisten, mit denen ich gesprochen habe, fühlten sich immer als Armenier, obwohl sie ihr ganzes bisheriges Leben in Syrien verbrachten." Auch das offizielle Armenien erleichterte den Zuzug, nicht zuletzt weil das Land mit 300 Euro Durchschnittslohn nach wie vor mit der Abwanderung von Jungen zu kämpfen hat. So ermöglichte die armenische Regierung im Zuge des syrischen Bürgerkriegs, bei ausländischen Konsulaten einen armenischen Pass bzw. Doppelpass zu beantragen -ein armenischer Name oder Herkunftsnachweis der Familie genügte dafür. "Vor allem in Aleppo, wo mit rund 60.000 Personen die größte armenische Minderheit gelebt hat, aber auch in Damaskus und Beirut (Libanon; Anm.) wurde diese Möglichkeit oft genutzt", sagt Hakobyan. In Bussen über die Türkei und Georgien, aber auch via Flügen von Beirut aus sind die Geflohenen schließlich in die Hauptstadt Jerewan gekommen -und zum Großteil bis heute dort geblieben.


Viele von ihnen haben Hakobyan gegenüber erklärt, dass sie sich schon immer mehr armenisch als syrisch gefühlt hätten, nicht zuletzt über die Überlieferung der reichhaltigen Traditionen und christlichen Bräuche. "Zusammengeschweißt durch die Erinnerung an Vertreibung und Mord hat sich die armenische Identität bis heute gehalten, selbst 100 Jahre nach der Vertreibung aus der alten Heimat", sagt Hakobyan. Syrien war den Überlebenden des Genozids zur neuen Heimat geworden: Nicht nur waren die christlichen Armenier die einzige Gruppe mit Minderheitsrechten im muslimischen Syrien -so waren ihnen etwa christliche Schulen erlaubt -, auch wurden sie als "tüchtige Geschäftsleute und geschickte Handwerker" in höchstem Maße geschätzt.


Desolate Wohnungen, hohe Mieten

Durch den Krieg hat sich aber alles geändert und mindestens 10.000, vielleicht doppelt so viele syrische Armenier bauen sich nun eine Zukunft im Land ihrer Vorfahren auf. Mit Erfolg, wie man in der ganzen Stadt sieht: An syrischen Marktständen und an den vielen syrischen Restaurants, die in den letzten zwei, drei Jahren aus dem Boden geschossen sind und deren arabische Küche sich großer Beliebtheit erfreut. Längst kämpfen die Zugezogenen allerdings mit den Problemen, unter denen alle im Land leiden: Desolate Wohnungen, hohe Mieten, Arbeitslosigkeit. Anders als in Europa gab es in Armenien kaum Berührungsängste oder Vorbehalte mit den Geflohenen: Einereits, weil sie nicht als Fremde gesehen wurden, aber auch weil sich zumindest das offizielle Armenien, das unter der hohen Abwanderung von Jungen leidet, über Zugezogene freut.


Der Sturz der korrupten Regierung in einer friedlichen Revolution (siehe Interview rechts) im Vorjahr brachte auch endlich wieder Hoffnung und frischen Wind in das kleine Land am Kaukasus. Und so sieht auch Aram seine Zukunft positiv und will auf jeden Fall im Land bleiben. "Wir haben uns nie als Flüchtlinge gesehen und wurden auch nicht als solche behandelt", sagt er mit Bestimmtheit. Auch für ihn war die Flucht nach Armenien ein Heimkommen.


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