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Overtourism in Prag: Visionen für die Zeit nach Corona?

Dort, wo sich noch vor einem Jahr jeden Tag Zehntausende über die Moldau drängten, ist es in diesem Sommer sehr entspannt. Es sind vor allem Einheimische und tschechische Touristen, die über die malerische Karlsbrücke im Herzen von Prag schlendern. Ausländische Gäste bleiben wegen der Corona-Pandemie weitgehend fern.

Die Stadt hat sich mittlerweile angepasst: Hotels, Restaurants und Kneipen haben ihre Preise gesenkt. Auf ihren Aushängen und Werbetafeln ist plötzlich Tschechisch anstatt Englisch zu lesen. Selbst Wohnungen in bester Lage, die früher über Airbnb teuer an ausländische Touristen vermietet wurden, sind nun für die Prager wieder bezahlbar.

Dennoch fühle sich Prag gerade an wie ein verlassenes Disneyland, sagt Janek Rubeš. Über die Jahre habe sich das gesamte Stadtzentrum den Touristen angepasst. Nun brauche niemand mehr die unzähligen Souvenirläden und Geldwechselstuben, die die Läden des täglichen Bedarfs der Anwohner vollkommen verdrängt hätten.

Rubeš ist Journalist und betreibt den Youtube-Kanal "Honest Guide", auf dem er einem Millionenpublikum seine Heimatstadt auch abseits der typischen Sehenswürdigkeiten nahebringt. "Die Situation vor Corona war unerträglich", sagt Rubeš im Gespräch mit der DW. "Man hat sich fremd gefühlt, so als ob man nicht mehr zu dieser Stadt gehöre. Es war klar, dass etwas dagegen getan werden muss."

Was wird anders nach Corona?

Mehr als acht Millionen Touristen besuchten Prag 2019. Die meisten von ihnen tummeln sich auf nur einer Straße, dem sogenannten Königsweg, der von der Altstadt über die Karlsbrücke bis zur Prager Burg führt. Der Bezirk, durch den der rund zweieinhalb Kilometer lange Weg verläuft, hat gerade einmal 30.000 Einwohner. Auch wenn es aktuell nicht so scheinen mag: Wie Amsterdam, Venedig oder Dubrovnik hat auch Prag ein Problem mit "Overtourism".

Die Stadtregierung will nun handeln und Prag für die Zukunft wappnen. "Wir haben während der COVID-Pandemie daran gearbeitet, die Rahmenbedingungen für Tourismus in Prag zu verbessern", sagt Prags Oberbürgermeister Zdeněk Hřib im Gespräch mit der DW.

Die Stadt habe betrügerische Wechselstuben und andere Touristenfallen geschlossen, erklärt er. Sie seien eine "Schande für Prag" gewesen. Auch habe man Regulierungen für Cafés erlassen. Die sollen in Zukunft, sofern möglich, ihre Außenbewirtschaftung in die Nebengassen des Königswegs verlegen. So wolle man den Touristenstrom ein wenig verteilen, erklärt Hřib. Zusätzlich fördere man in Zukunft gezielt Veranstaltungen, die außerhalb des Stadtzentrums und in der Nebensaison stattfinden.

Gegen den ausufernden Party-Tourismus geht Prag schon länger vor. Im März 2019 berief die Stadt dafür sogar ein "Nachtbürgermeister". Der soll sicherstellen, dass die Anwohner rund um die Kneipen und Clubs auch nach Corona nachts in Ruhe schlafen können. Plakate in der ganzen Stadt weisen Touristen an, sich nachts auf den Straßen ruhig zu verhalten. Wer sich nicht daran hält, muss bis zu 400 Euro Strafe zahlen. Auch gegen Veranstaltungen wie Kneipentouren wird härter vorgegangen. Bars, die daran teilnehmen, müssen mit strengeren Auflagen und Kontrollen rechnen.

Alles nur Kosmetik?

Ähnliche Maßnahmen haben auch andere von "Overtourism" betroffene Städte erlassen. Doch schon vor der Corona-Krise zeichnete sich ab, dass die meisten eher kosmetische Korrekturen sind als radikale Reformen. Denn der Trend ist klar: Der weltweite Tourismus wird weiter wachsen, auch wenn die Corona-Pandemie der Branche vorübergehend großen Schaden zufügt.

Miroslav Rončák arbeitet seit mehr als 25 Jahren in der Tourismusbranche und forscht an der Universität Olomouc zu "Overtourism". "Die Maßnahmen der Stadtregierung sind interessant und könnten den Tourismus in Prag nachhaltiger machen", sagt er im Gespräch mit der DW. Allerdings müssten sie auch streng durchgesetzt werden.

Lange habe die Stadt nur auf das Geld geschaut, das die Touristen nach Prag bringen, ohne sich um die Konsequenzen zu kümmern. Das ändere sich zwar langsam, sagt Rončák. Eine klare Vision für einen nachhaltigeren Tourismus habe Prag allerdings im Gegensatz zu Städten wie Wien oder Kopenhagen noch nicht.

Schritt für Schritt gegen den Massentourismus

Für Prags Bürgermeister Zdeněk Hřib liegt der Schlüssel in der Regulierung von Wohnraum für Touristen. "Wir müssen das Airbnb-Problem zuerst angehen, sonst haben wir keinerlei Kontrolle darüber, wie viele Touristen nach Prag kommen", sagt Hřib.

Er hat dem tschechischen Parlament nun einen Gesetzentwurf vorgelegt, der ihm die Möglichkeit geben soll, die Vermietung über Plattformen wie Airbnb zu beschränken. Ganze Apartments sollen gar nicht mehr vermietet werden dürfen, sondern nur noch Zimmer in Wohnungen, in denen der Besitzer selbst lebt.

Demnach dürften knapp 80 Prozent der über 13.000 Airbnb-Apartments in Prag nicht mehr über das Internetportal angeboten werden. Das könnte tatsächlich dazu führen, dass sich die Kurzzeitvermietung an ausländische Touristen für Prager Wohnungseigentümer nicht mehr lohnt. Für viele von ihnen könnte es dann lukrativer sein, wieder an Einheimische zu vermieten.

Auch Tourismus-Forscher Miroslav Rončák hält eine Regulierung von Airbnb und ähnlichen Plattformen für wichtig. Die Überfüllung der Stadt sei alleine damit aber nicht zu lösen. Der einzige Ausweg sei eine gesamtheitliche Lösung, sagt er. "Alle Akteure müssen eine gemeinsame Strategie entwickeln", so Rončák. Daran müssten sich Hotel- und Restaurantbesitzer, die Stadtregierung, Stadtplaner und die Einwohner Prags gleichermaßen beteiligen. "Das Problem ist, dass die alle unterschiedliche Interessen haben", so Rončák.

Radikale Maßnahmen gegen den Massentourismus sind deshalb wohl auch in Zukunft nicht zu erwarten - weder in Prag noch in anderen Städten, die von "Overtourism" betroffen sind. Vielmehr sei es ein kontinuierlicher Prozess, sagt Miroslav Rončák: "Wenn alle Akteure an einem Strang ziehen, ist es möglich, langfristig eine Lösung zu finden, Schritt für Schritt."

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