Felix Schilk

Soziologe, Freier Journalist, Dresden

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Artikel

Fast Food für ein rebellisches Volk

Die Versuchung“, hatte Jürgen Elsässer das Editorial der ersten Ausgabe des Magazins „Compact“ im Dezember 2010 überschrieben. „Das könnte das Motto dieser Zeitschrift sein. Sie will ihre Leser in Versuchung führen und weiß, dass viele gerade in diesem Land darauf warten.“ Am Horizont sah er den baldigen Sturz des Systems und einen neuen Propheten. „Die Macht der Tugendwächter wankt. Mit Sarrazin haben wir die süßeste Versuchung für die alternde BRD ins Zentrum dieses Heftes gestellt. Was von den Hohepriestern der veröffentlichten Meinung verboten wird, macht offensichtlich viele scharf.“

Obwohl die Rede von vermeintlichen „Tugendwächtern“ und der Sprung auf den gerade Fahrt aufnehmenden Sarrazin-Zug bereits erahnen ließen, wohin die Reise gehen wird, positionierte sich „Compact“ damals noch als „Querfront-Debatten-Magazin“, träumte von einem Bündnis von „Lafontaine bis Gauweiler“ und versuchte durch eine Vielzahl von Themensetzungen an unterschiedliche politische Milieus Anschluss zu finden. Neben dem Rechtslibertären André F. Lichtschlag, den Verschwörungsideologen und Finanzapokalyptikern Oliver Janich und Walter K. Eichelburg und dem katholischen Lebensschützer Martin Lohmann fanden sich unter anderem Texte des renommierten Sozialhistorikers Hans-Ulrich Wehler und des public intellectual Roger Willemsen in der Erstausgabe.


Der Linke muss anfangen, mit dem Rechten zu diskutieren. (...) Die Tabus müssen fallen“, schrieb Elsässer weiter und wollte als Chefredakteur nicht verhehlen, dass sein Herz „immer noch links schlägt“. Neben ihm waren der Verleger Kai Homilius und der deutsche Islamkonvertit und Herausgeber der Islamischen Zeitung, Andreas „Abu Bakr“ Rieger, federführend beteiligt. Bei der Vorstellung der Nullnummer saß Dieter Stein, Chefredakteur der neurechten Wochenzeitung „Junge Freiheit“, auf dem Podium. Bereits in einer zwei Jahre zuvor erschienenen Ankündigung einer Buchreihe gleichen Namens im Kai-Homilius-Verlag waren die rechten Fahnenwörter allerdings noch deutlicher zu vernehmen: „Compact ist das Gegengift zur politischen Korrektheit, also zur Ideologie der Neuen Weltordnung, die in den Massenmedien und auch in der linken Presse zum unantastbaren Tabu geworden ist.“

Die Debatte ist ausgeblieben. Die Tabus sind aber tatsächlich gefallen. Standen anfangs noch die Achtundsechziger als „Avantgarde des Systems“ im Zentrum billiger Pädophilie-Vorwürfe und Israel und die USA als kriegslüsterne Dämonen am publizistischen Pranger, so sind es heute ganz im Sinne des „QAnon“-Wahns die „Kinderschändernetzwerke“ der Eliten, satanistische Hollywoodstars und die „Gelddynastien“ von „Rothschild, Rockefeller, Blackrock und Soros“. Antisemitismus soll das selbstverständlich nicht sein, denn die „Q-Anhänger unterstellen keinen jüdischen, sondern einen satanistischen Hintergrund. Es geht auch nicht um eine ‚jüdische Weltverschwörung‘, sondern um eine Clique, deren Klammer der Globalismus ist: Bill Gates, die Clintons, die Obamas, John Podesta, Merkel und Lady Gaga sind allesamt keine Juden.“ Antisemit*innen verstehen die Umwegkommunikation, die von Compact mit vollem Bewusstsein betrieben wird. In einer Ausgabe von Compact-Geschichte heißt es unschuldig: „Ein Wissenschaftler bewertet alle Sachverhalte, die er kennt, und nicht nur die, die seine Thesen stützen. Dem Leser ist die Bewertung selbst überlassen.“ Direkt daneben ist ein Bild des Vernichtungslagers Auschwitz abgedruckt.


Projekt Querfront

Ging man anfangs noch auf Tuchfühlung mit antiimperialistischen Linken – vor allem Sahra Wagenknecht – so ergreift „Compact“ heute offen Partei für die „Alternative für Deutschland“ (AfD), die „Identitäre Bewegung“ (IB) und andere extrem rechte Organisationen. Die AfD schaltet Anzeigen auf der Homepage und Stellenanzeigen im Heft.

Immer wieder hat „Compact“ versucht, sich zum Lautsprecher von Protestbewegungen im rechten Spektrum aufzuschwingen und durch diese Aktivitäten neue Leser*innen zu gewinnen. So sprach Elsässer 2014 bei den „Mahnwachen für den Frieden“ und trat in den Jahren darauf bei zahlreichen PEGIDA und Anti-Asyl-Demonstrationen auf. Am 1. Mai 2017 stand er im sächsischen Zwickau auf einer Bühne der AfD, umsäumt von Plakaten mit dem Slogan „Mut zur Wahrheit!“, den Partei und Magazin seit 2013 für sich nutzen. Aktuell protegiert „Compact“ die Proteste gegen die Corona-Schutzmaßnahmen und versucht unterschiedliche Milieus weltanschaulich zu vereinen, damit „die Regenbogenkinder mit den Schwarz-Weiß-Roten gemeinsam um den Freiheitsbaum [tanzen]“. Die Reden und Interviews aus dem Umfeld der „Querdenken“-Demonstrationen in Berlin wurden unter dem Titel „Tage der Freiheit“ bereits in der Reihe „Compact-Edition“ veröffentlicht und im Heft zum Schicksalsereignis stilisiert.


Das Netz

Im Zuge des Erfolges von PEGIDA haben sich Ton und Inhalte des Magazins radikalisiert; auch die öffentliche Wahrnehmbarkeit stieg. Dazu dürfte auch beigetragen haben, dass die PEGIDA aus ihren Spendentöpfen kostenlose Abos finanziert haben. Im Zeitraum von 2015 und 2016 stiegen die Verkaufszahlen laut Eigenangabe deutlich an und erreichten mit über 40.000 verkauften Exemplaren ihren damaligen Zenit. In den letzten Mediadaten von Mai 2017, die sich nicht unabhängig überprüfen lassen, wird eine Auflage von 75.000 Exemplaren und 375.000 Leser*innen angegeben. Einige davon haben ein derart hohes Sendungsbewusstsein, dass sie immer wieder Ausgaben in Wartezimmern oder anderen öffentlichen Orten zirkulieren lassen. Diese informellen Vertriebswege werden von „Compact“ aktiv beworben und sind Teil einer relativ plumpen Marketingstrategie, die die Leser*innen vor allem als willfährige Multiplikator*innen betrachtet: „Es empfiehlt sich, schnell zuzuschlagen und sich gleich mehrere Hefte zu besorgen, um im Freundes- und Familienkreis bekannt zu machen (…).“ Zusätzlich bietet die Compact-Magazin GmbH“ eine ganze Produktpalette von Büchern, diversen Sonderheften, Vortragsveranstaltungen, Kongressen, einen Youtube-Channel sowie einen Onlineshop.

Was als finanziell kaum rentables Printmagazin begonnen hat und durch Kai Homilius querfinanziert werden musste, hat sich heute zu einem umsatzstarken publizistischen Netzwerk entwickelt. Für die Gerüchte, dass „Compact“ mit finanzieller Unterstützung aus Russland aufgebaut wurde, hat eine aufwendige Recherche der Wochenzeitung „Die Zeit“ aber keine Belege gefunden. Dennoch bestehen enge Kontakte zu kremlnahen Thinktanks wie dem „Zentrum für Kontinentale Zusammenarbeit“ (ZKZ) in München und dem „Institut de la Démocratie et de la Cooperation“ (IDC) in Paris.


Scharniermedium

Aus einer verstärkten Kooperation mit Akteuren der „Neuen Rechten“ ist 2015 das Kampagnen- und Spendennetzwerk „Ein Prozent“ hervorgegangen, zu dessen Gründern Elsässer gehört. Auf einer gemeinsamen Diskussionsveranstaltung mit Götz Kubitschek betonte er die arbeitsteilige Strategie: „Die ‚Sezession‘ sorgt für die Tiefe, und wir sorgen für die Breite. Wir sind nicht nur Verleger oder Leute, die nur hinter dem Laptop sitzen und schöne Artikelchen schreiben, sondern wir sind auch ein Teil dieser Freiheitsbewegung.“

Mittlerweile ist der Verfassungsschutz auf „Compact“ aufmerksam geworden und hat das Magazin im März 2020 zu einem „Verdachtsfall“ erklärt. Seitdem kann das Magazin auch offiziell als „rechtsextrem“ bezeichnet werden. Ende August legen Facebook und Instagram nach und löschten die Accounts der Zeitschrift aufgrund von massiven Verstößen gegen die gemeinsamen Hassstandards. Kurz darauf war auch die Website des Magazins für einige Tage nicht mehr erreichbar, was Elsässer auf DDoS-Attacken aus „interessierten Kreisen“ zurückführte. Im Newsletter bat er seine Anhänger*innen deshalb um finanzielle Unterstützung und kündigte „sehr teure Gegenmaßnahmen“ an.

Der Hassunternehmer

Im Gegensatz zu anderen Medien der Neuen Rechten fällt auf, dass Compact wesentlich warenförmiger agiert und bestrebt ist, seine Inhalte als Produkt zu verkaufen. Jeder Beitrag auf der Website wird von einer penetranten Abowerbung gerahmt. Jede Ausgabe der letzten zehn Jahre wird ausschließlich gegen Bares ausgehändigt. Obwohl sich Elsässer als unbestechlicher Investigativjournalist geriert, folgt seine Themensetzung stets taktischen und konjunkturellen Erwägungen – ein geschäftstüchtiger Narzisst, der sein Handwerk beherrscht und am laufenden Band Feindbilder produziert.

Typisch ist ein andeutungsreicher und effekthaschender Stil, der das Magazin zu einer leicht konsumierbaren Kost macht. Der Einsatz von zielsicheren Metaphern, Buzzwords und ikonischen Illustrationen vermittelt Informationen und Zugehörigkeit vor allem auf einer affektiven Ebene und sorgt dafür, dass der Erregungspegel der Klienten nicht abflaut. Werbeanzeigen für einschlägige Bücher säumen den Weg in die rechte Parallelgesellschaft.

Dabei beweist Elsässer ein sicheres Gespür für die Ressentiments seiner Zielgruppen und bringt heterogene Submilieus schon durch Covertitel zusammen. Wie auf öffentlichen Veranstaltungen zu beobachten ist, dürfte die Leser*innenschaft überwiegend männlich sein, im mittleren Alter, eher ostdeutsch und mit einem auffällig hohen Anteil an Russlanddeutschen. Die Homepage des Magazins ist neben Deutsch auch in russischer Sprache verfügbar.

Andreas Rieger wurde das irgendwann zu viel. Aufgrund von „rassistischen und nationalistischen Positionen“ und der „radikal-subjektiven Haltung von Chefredakteur Jürgen Elsässer“ zog er sich im November 2014 aus dem gemeinsamen Projekt zurück. Auch innerhalb der „Neuen Rechten“ fremdeln einige mit der „grotesken Politshow“ des „schillernden Chamäleons“ Jürgen Elsässer, so Dieter Stein. Tatsächlich ist die Entwicklung von „Compact“ zur wichtigsten Publikumszeitschrift des rechten Spektrums nicht ohne den Geltungsdrang der Person Elsässer zu verstehen. Aus der lukrativen Radikalisierungsspirale, deren Versuchung er erlegen ist, gibt es keinen Weg heraus. Vielleicht bereut er in manchen Momenten diese Odyssee und denkt, wenn er mit zu viel Rotwein und seinem Spielzeugpanzer am Schreibtisch sitzt, an die Zeit zurück, als sein vereinfachendes Denken noch einer besseren Sache diente und – wie 1992 in seiner Studie zum Antisemitismus in Deutschland ­– zu solchen Forderungen führte: „Das Denken in den Kategorien von Volk und Nation ist zu denunzieren, seine politische Umsetzung zu sabotieren. Der Kosmopolitismus, der den Juden zum Vorwurf gemacht wurde, muss gegen die Antisemiten verteidigt und offensiv mit Utopie verknüpft werden.“


#derrechterand 187, S. 40-41