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Der doppelte Anton

Am Tag, als Anton auf Anton traf, ging er zu seiner Mutter und sagte, er kenne einen merkwürdigen jungen Mann. Es war ein Sonntagnachmittag, das letzte Wochenende der Sommerferien, und die Mutter saß an der Nähmaschine. Am Morgen hatte sie auf dem Fischmarkt Hering gekauft, denn ihr Sohn hatte Lust auf Fisch gehabt. Anton war erst mittags aufgestanden, er hatte aufgegessen. Anton sagte, der merkwürdige junge Mann glaube, in jedem Menschen lebe Gott. Der junge Mann habe viele Drogen ausprobiert. Die Mutter sagte: Könnte man auf die Idee nicht auch ohne Drogen kommen? Anton duschte, die Mutter flocht ihm einen Zopf. Gegen 18 Uhr schlüpfte er in verschlissene Turnschuhe.

Die Mutter, versunken in die Arbeit, sah ihn nicht, aber sie hörte:

Er gehe jetzt, rief er von der Tür.

Wohin?, fragte sie.

Nach Volksdorf.

Was er da mache?

Wisse er noch nicht.

Wann er wiederkomme?

Es werde etwas später.

Die Mutter nähte weiter, und ihr Anton machte sich auf den Weg. In den Hamburger Norden, nach Volksdorf, in einen Wald. Den merkwürdigen jungen Mann treffen, der ebenfalls Anton hieß. So wie er selbst.

In dieser Geschichte gibt es offene Fragen. Über den einen Anton weiß man viel, über den anderen wenig. Beide waren, auf ihre Weise, anders als die anderen. Aber das ist noch keine Erklärung für das, was geschah. Warum der eine Anton den anderen Anton tötete.

Man kann die Mutter heute fragen, wie sie die Tage erinnert, die auf jenen 23. August 2009 folgten. Sie erzählt dann von den Katzen, die durch die Straßen ihrer alten Heimat streunen. Es seien zu viele, und wenn sie Junge kriegten, würden ihnen die von den Menschen genommen. Man setze sie aus oder ertränke sie. Die Katzenmütter streiften dann umher, ohne Ruhe, schnupperten in allen Ecken, immer wieder, sie suchten ihre Kinder, hörten nicht auf. Sie sagt, in den Tagen danach sei sie durch die Wohnung geirrt, von einem Zimmer ins nächste. Manchmal hörten die Nachbarn sie schreien. Anton!, schrie sie. Wo bist du?

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erschienen in ZEIT Verbrechen Nr. 7, nominiert für den Deutschen Reporterpreis 2020, Kategorie Freie:r Reporter:in