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"Der Ausschnitt? Genehmigt"

Auf Sendung: Fernsehansagerin Claudia Doren. (Foto: Annemarie Aldag/NDR)

23.02.2021 Während wir heute über einen vermeintlich zunehmenden Meinungsjournalismus diskutieren, schien der schon vor fünfzig Jahren recht ausgeprägt - zumindest in der NDR-Sendung Sport im Norden. Die Folge vom 31. Mai 1965 stellt die Frage: "Vermännlicht der Sport die Frauen?" Die Moderatorin schaut zu Beginn auf einen Fernseher, der Kugelstoßerinnen beim Ausüben ihres Sports zeigt. "Diese Dame als Schönheitskönigin? Da kann einem ja angst und bange werden", kommentiert sie. Auch die Montur einer Hockey-Spielerin missfällt ihr deutlich: "Ich find's fürchterlich!", lautet ihr Urteil. Und selbst nachdem ein Sportarzt die befremdlich wirkende Leitfrage der rund 20-minütigen Sendung verneint hat, scheint sie noch nicht überzeugt: "Will er es sich etwa mit keiner verderben? Das wäre typisch Mann!"

Eine Fundgrube für audiovisuelle Archäologie ist das, was in der Mediathek der ARD unter ARD Retro zu finden ist. Seit dem 27. Oktober - dem Unesco-Welttag des Audiovisuellen Erbes - haben die Rundfunkanstalten zahlreiche TV-Beiträge, vor allem aus ihren Regionalsendungen von vor 1966, online gestellt. Warum gerade jenes Jahr? Dort änderte sich das Urheberrecht, weshalb von da an die Rechteklärung für die Archivinhalte komplizierter wurde. Nun führt ARD Retro eindrücklich vor Augen, dass die Dritten Programme stets mehr waren als Usedom-Reportagen, Schlager-Sausen und Kabarett in Mundart - auch wenn sie das, zugegebenermaßen, manchmal recht erfolgreich verbergen. Ihre Beiträge werden in der Rückschau zu historischen Dokumenten, die nun digital ausgestellt werden. Für diesen Artikel wurden mehrere Dutzend Beiträge aller ARD-Sender gesichtet, geleitet durch Zufall, Mediatheks-Algorithmus - und durch solche Beiträge, die auf den ersten Blick besonders kurios erschienen. Ein Museumsrundgang vom Sofa aus.

Altbekannte SPD-Probleme

Natürlich sagt auch in dieser Ausstellung die Vergangenheit etwas über die Gegenwart aus - und dass manche Themen wie die Geschlechterrollen die Gesellschaft schon seit Jahrzehnten beschäftigen, hatte man auch schon geahnt. In mehreren Beiträgen aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren werden Frauen bereits als gleichberechtigt beschrieben, sie eroberten ja sogar schon das Fußballfeld. Eine bemerkenswerte Dokumentation aus der SWR-Reihe Zeichen der Zeit ging der Frage nach, weshalb Frauen in Deutschland sich trotzdem "enttäuscht, entmutigt, unfroh" fühlten, wie eine Studie der Vereinten Nationen ergeben hatte. Die Doku hinterfragt gesellschaftliche Verhältnisse und Narrative, die uns auch heute noch - fast 60 Jahre später - allzu bekannt vorkommen.

Eine andere Folge dieser Reihe berichtet vom Bundestagswahlkampf 1965 zwischen Ludwig Erhard und Willy Brandt, und vielleicht stand schon diese unfreiwillig schiefe Szene für das - bis heute andauernde? - Missverständnis zwischen der SPD und den Wählern. Ein Straßenwahlkämpfer im Gespräch mit einer Dortmunderin: "Wir können versuchen, Sie zu informieren." Die Angesprochene: "Ja, was nützt mir das denn - ich bleib ja doch, was ich bin." Bei einigen Berichten wähnt man sich fast in einer Parodie-Sendung von Olli Dittrich, beispielsweise wenn eine ganze Zuschauerschar einem vermeintlichen Hellseher, der durch Gedankenkraft eine versteckte Person auffinden soll, in der Berliner Fußgängerzone hinterhermarschiert. Oder eine Frühversion der Dating-App Tinder präsentiert wird: Ein Hamburger Ehevermittlungsinstitut hat mittels "Elektronengehirn" und ausgefüllter Fragebögen zueinander passende Menschen verkuppelt.

Entschleunigend bis ermüdend

Sich durch die Video-Exponate zu klicken, wirkt nach einer Weile entschleunigend bis ermüdend, man ist diese Behäbigkeit in der Berichterstattung ja gar nicht mehr gewohnt. Teils vergeht mehr als eine halbe Minute, bis überhaupt mal jemand zu sprechen beginnt, und wenn es dann jemand tut, macht er Pausen zwischendrin, die irrwitzig lang wirken. In der Sendung Quartett mit Tee (Radio Bremen) führt etwa Moderator Hellmut von Ulmann zwanzig Minuten lang die Teesitten verschiedener Länder vor - zwar ohne Frage kenntnisreich und liebevoll, aber mindestens so bedächtig wie eine Teerunde.

Viel Zeit nahm man sich auch bei Interviews, die Befragten konnten hier aussprechen, nach Worten suchen und dabei noch rauchen, herrje, dieser ganze Rauch. Da sitzt der alte Fritz Lang - Augenklappe auf der einen Seite, Monokel auf der anderen - und monologisiert stockend von seinem Film Fury, den er 1936 im Exil in Hollywood gedreht hat.

Den wohl wunderbarsten Satz in den vielen gesichteten Beiträgen sagt - wer auch sonst? - Vicco von Bülow alias Loriot, der auf den milden Vorwurf des Interviewers, seine gezeichneten Figuren würden immer etwas dümmlich dreinblicken, erwidert: "Ich möchte nicht, dass sie aussehen, als ob sie dumm sind. Ich möchte, dass sie erstaunt wirken. Weil ich meine, dass das Wichtigste für die Menschen ist, dass sie sich noch wundern können."

Und mit diesen Worten nun zurück in die Gegenwart.

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