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„Innerlich war Ich grün und blau“

Wie eine Gewitterwolke legt sich der Alkohol über Familie, Freundeskreis und Berufsumfeld – wenn eine Person die Kontrolle verliert. Der Süchtige trinkt, seine Bezugsperson zählt die Gläser, fühlt sich schuldig, lügt, vertuscht und verzweifelt. Das Trinken bestimmt von nun an beider Leben. „Das ist Co-Abhängigkeit, eine Krankheit wie der Alkoholismus“, schildert eine Betroffene.

„Mein großer Schatz ist mein fröhliches Wesen. Ich kann nicht böse auf andere sein“, sagt Kerstin mit einem fast entschuldigenden Lächeln. Vor drei Jahren fand sie zu Al-Anon, der einzigen Selbsthilfeorganisation, die sich ausschließlich an Angehörige und Freunde von Alkoholikern wendet. Seitdem sieht sie klar, erkennt Muster und ist einen Großteil der tonnenschweren Last losgeworden, die auf ihrem Herzen lag. „Der Alkoholiker ist nicht der Böse, der Co-Abhängige nicht der Arme, wir sind beide von unseren Kindheitserfahrungen geprägt“, sieht Kerstin heute.
Sie selbst ist bei einer alkoholkranken Mutter aufgewachsen, war regelrecht abgestoßen von deren besitzergreifendem, aggressivem Verhalten und der Rolle, die sie nach außen hin gespielt hat. Knapp zwei Jahrzehnte verbrachte sie mit einem trinkenden Mann. „Mir war lange nicht klar, dass es nicht normal ist, jeden Tag zu trinken.“ Die unguten Gefühle hat sie jahrelang verdrängt. Bis sie krank wurde und es nicht mehr aushielt. Bei ihrem ersten Treffen mit Al-Anon erkannte sie, dass sich der Alkohol durch ihre gesamte Familiengeschichte zieht. „Das war zuerst ein Schock. Aber dann kam die Erleichterung, weil ich realisiert habe, dass ich mein ganzes Leben lang normal auf die Zustände reagiert habe“, schließt sie heute mit ihren Schuldgefühlen ab.

Alkoholismus ist eine Familienkrankheit. Beziehungen, Freundschaften, der Arbeitsplatz,
die Eltern-Kind-Beziehung, Liebesverhältnisse, Ehen – alles leidet unter dem Einfuss des Alkoholismus. Die engsten Beziehungen werden am meisten beeinträchtigt und die Engagierten leiden am stärksten. Da ist die Scham über öffentliche Auftritte, der Ärger über den schönen Schein, weil der Trinker permanent eine Rolle spielt. Und die Schuldgefühle, weil man die Situation nicht verändern kann.
„Der Rausch ist ein regelrechtes Sich-Vernichten. Und es tut weh, dabei zuzusehen“, sagt
Kerstin. Das Denken ist darauf ausgerichtet, was der Alkoholiker tut oder nicht tut, und wie man ihn dazu bringen kann, mit dem Trinken aufzuhören. Und dann macht man den Fehler, ihn zu decken. Man bringt alles in Ordnung, findet Entschuldigungen und erzählt kleine Lügen, um gestörte Beziehungen zu reparieren.
Kerstin kennt das wie das Alphabet. „Sie haben kein Verantwortungsgefühl. Nicht weil sie böse sind, sondern weil wir immer die Verantwortung übernommen haben. Dafür schämt man sich sehr. Und mit diesen Eigenschaften ist man der beste Partner für einen Alkoholkranken.“ Es liegt in der Natur der Krankheit, dass die Betroffenen nicht anerkennen können, krank zu sein. Co-Abhängige sind die geheimen Helfer der
Abhängigen im Alltag. Sie fühlen sich in dieser Rolle gebraucht und steigern darin ihr Selbstbewusstsein, für einen anderen Menschen da zu sein. Die Lösung aus der Co-Abhängigkeit ist oft genauso anstrengend wie aus der Abhängigkeit, Hilfe von außen kann entscheidend sein. „Man verliert den Respekt vor dem Partner, er ist wie zweigeteilt. Am Schluss bleibt nur mehr eine Rolle übrig, nichts ist mehr echt. Der Kranke verleugnet sein Trinken, wir verleugnen, dass es uns etwas ausmacht.

Auch wenn man keine körperliche Gewalt ertragen muss, innerlich war ich grün und blau“, erklärt Kerstin, die von ihrem Mann mittlerweile getrennt lebt. Sie sei in einer Sekte, wirft er ihr vor. „Man muss lernen, sich abzugrenzen“, sagt sie dazu. Man kann andere Menschen nicht verändern, hat keine Macht über sie. Man kann sich nur selber verändern. Kümmere dich um dich selbst.“ Trinken sei eine Krankheit, helfen könne der Arzt, sagt sie abschließend. Das Loslassen sei ihr am schwersten gefallen. Mit der Zeit werden sie immer häufiger, die guten 24 Stunden, wie man bei Al-Anon sagt.