Eric Hegmann

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Artikel

Was im Gehirn beim Streiten geschieht

Von Autor und Paartherapeut Eric Hegmann


Warum lassen einige Menschen einfach nicht ab von einem Thema? Warum blockieren andere jeden Versuch zur Konfliktlösung und mauern? Und was hat Streiten mit der Urangst zu tun, Verlassen zu werden? Ein wissenschaftlicher Blick auf das, was in unserem Gehirn geschieht, wenn wir uns mit unserem Partner fetzen.


Inhaltsübersicht Was passiert im Gehirn, wenn wir streiten?

Wie kann es sein, dass jemand bilderbuch-liebenswürdig zu seinem eigenen Kind ist, aber das des Nachbarn zusammenbrüllt? Wie geht es zusammen, dass dein geliebter Partner im Streit völlig die Fassung verliert und dich mit übelsten Schimpfworten abwertet? Haben Menschen mehrere Persönlichkeiten? Ist das bereits schizoid?


Wir alle können extrem nett sein, und wir können unglaublich fies werden. Von einer Sekunde auf die andere. Sogar Mörder können zunächst freundlich wirken. Soldaten können töten und ihre Familie lieben und umsorgen. Sehen wir uns die Grausamkeiten an, die Menschen verüben, stellen wir fest: da ist etwas, das wie ein Schalter wirkt, mit dem wir von Dr Jekyill zu Mr Hyde wechseln und umgekehrt.


Aber das ist kein Schalter, nicht im herkömmlichen Sinne. Doch tatsächlich wird da etwas in unserem Gehirn geschaltet, ab-geschaltet, genauer gesagt. Und die aktuell in ihrer Einfachheit schönste Erklärung stammt von dem Therapeuten und Neurologen Professor Daniel J. Siegel.


Daniel Siegel ist Professor der Psychiatrie am Zentrum für Kultur, Gehirn und Entwicklung und Leiter des Mindful Awareness Research Center der University of Carlifornia (UCLA). Er studierte Medizin an der Harvard Universität und der UCLA, wo er eine Studie über Bindungserfahrungen in Familien - und wie diese Emotionen, Verhalten und das autobiographische Gedächtnis beeinflussen - durchführte.


Rolle und Funktion von Emotionen beim Streit

Von ihm stammt die Aussage: Love is Awareness - Liebe ist Achtsamkeit, die in der Achtsamkeitsforschung und -therapie eine bedeutende Rolle spielt. Aber dazu später. Bevor wir zum Gehirn kommen, machen wir einen Ausflug zu unseren Emotionen. Neben einigen anderen finden wir zwei wichtige Aussagen heute zur Emotionsregulation in den Methoden der sogenannten dritten Welle der Verhaltenstherapie: „Du bist nicht deine Gefühle!" und „Alle Emotionen sind gut und sinnvoll - aber nicht alle Verhaltensweisen!"

Es klingt wie Haarspalterei, aber es ist ein gewaltiger Unterschied, ob ich sage: „Ich bin traurig" oder „Ich fühle Trauer". Die Therapeutin Susan David setzt bei ihrer Methode der emotionalen Agilität in mehreren Schritten darauf, Emotionen wahrzunehmen, anzuerkennen, ihre Ursachen zu erkunden - und dann erst die Verhaltensweise zu wählen, die mein Bedürfnis erfüllen können - und ziemlich sicher sind die andere, die Verhaltensweisen und sogar die Bedürfnisse, als ich zunächst gedacht habe. Warum? Unser Umgang mit Emotionen muss vor dem Hintergrund von Lebens-, also von Beziehungserfahrungen, betrachtet werden.


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Die größte Angst ist die vor dem Tod, vor dem Verlassen werden, vor einem einsamen Ende. Und jeder Streit mit der geliebten Person, sei er noch so klein, triggert diese Urangst. Klar, wir wissen, dass der Partner nicht seine Koffer packt wegen einer Kleinigkeit und plötzlich Schluß macht, aber es fühlt sich dennoch so an, weil unsere Emotion Angst getriggert wird, um uns zu warnen, dass hier etwas potentiell Bedrohliches vor sich geht und wir uns dringend - jetzt! - darum kümmern müssen. Dabei unterscheidet nur leider diese Alarmanlage nicht zwischen Einbrecher und Hase, sondern schrillt einfach los. Es ist unser Job, zu überprüfen, ob wir die Polizei rufen müssen oder Möhren in den Vorgarten legen sollten.


Wer in einer früheren Beziehung erlebt hat, dass der Partner wegen jeder Kleinigkeit an die Decke gegangen ist, wird Schutzstrategien entwickelt haben, um diese erschreckenden Situationen nicht erleben zu müssen. Vielleicht spricht er einfach gar keine Probleme an, vielleicht achtet er genauestens darauf, wie die Stimmung des anderen ist und ist übervorsichtig. Auf jeden Fall wird er auch beim nächsten Partner diese Schutzstrategien anwenden, denn unsere Emotions-Alarmanlage schlägt noch Jahrzehnte nach einer womöglich sogar traumatisch erlebten Situation an, wenn uns auch nur eine Kleinigkeit an diese erinnert. Wir machen dann eine Art Zeitreise in die Vergangenheit, vergessen, dass der neue Partner ganz anders ist als der Ex, aber dennoch fühlen - und reagieren - wir wie damals.


Das Handmodell des Gehirns von Dr. Dan Siegel

Unser Gehirn hat jüngere und ältere Anteile. Wie die zusammenspielen, erklärt Professor Siegel mit seinem Handmodell. Hier findest du sein Video dazu, es ist allerdings auf Englisch. Die deutsche Beschreibung findest du gleich darunter.


Sie dir deine Hand an, strecke die Finger und klappe den Daumen ein. Damit hast du ein sehr anschauliches Modell deines Gehirns. Dein Unterarm ist das Rückenmark. Dein Handballen ist der Hirnstamm, dein Daumen sind die Mandelkerne und der Hippokampus und deine vier Finger sind der präfrontale Kortex. Klappst du deine Finger nun über deinen Daumen zusammen und bildest eine Faust, dann umschließt du sozusagen mit der Großhirnrinde den Rest, das bedeutet, der präfrontale Kortex kann seine Steuerfunktion aufrecht erhalten. Du wägst ab, du vergleichst, du denkst weiter. Verliert jedoch bei geöffneter Hand der Kortex unter Stress, Angst und Wut seine Steuerfunktion, dann sorgen die Emotionen unkontrolliert zu einer dieser Verhaltensweisen: Angriff, Starre, Flucht oder - und das ist eher ein Mechanismus als gesteuertes Verhalten, deshalb ist es nur zur Vollständigkeit dabei - Ohnmacht. Mehr ist nicht drin. Mehr können wir nicht.

Und wenn wir feststellen, durch das Gefühl von Angst beispielsweise, dass wir uns verteidigen müssen, dann wird die Steuerfunktion gekappt und unser Gegenüber ist nicht mehr länger eine reale Person mit Emotionen und Gedanken, mit Wünschen und Hoffnungen, mit Ängsten und Lebenserfahrungen, sondern nur noch ein Ding, nicht mehr jemand, sondern etwas. Wir entmenschlichen, wenn wir angreifen, weil der Bereich des Gehirns, der für das Vermenschlichen zuständig sein könnte, nicht aktiv ist. Erst wenn wir den anderen wieder annehmen mit all seinen Empfindungen, also eben wahrnehmen als ebenso wie wir einzigartige Person, dann und nur dann können wir Liebe spüren. Kurz: im Streit wird unser Partner entmenschlicht und reduziert auf den Angreifer, gegen den wir uns mit allem wehren müssen, was uns zur Verfügung steht.


Können wir uns im Streit also nicht beherrschen?

Können wir also nichts machen gegen die verbalen Attacken, womöglich auch körperliche Angriffe? Müssen wir alles entschuldigen, weil „das Gehirn kann ja nicht anders!" Oh nein!

Die Kunst ist, die Aufmerksamkeit wegzulenken von dem, was dich unter Druck setzt, dich wütend oder dir Angst macht. Denn dann kann die Großhirnrinde wieder mitmischen, dann ist die Faust, also dein Gehirn, geschlossen und kann rund laufen. Ist die Faust offen, dann ist tatsächlich nichts zu wollen. Deshalb sollte jeder trainieren, die Faust zu schließen. Dafür gibt es zahlreiche Methoden und letztlich geht es in allen Methoden der Emotionsregulation genau darum, deshalb an dieser Stelle die einfachste Möglichkeit: Atmen. Durchatmen. Mindestens fünf Mal.


Professor Gottman schlägt an dieser Stelle vor sich zu fragen: Wer von euch kann in dieser Situation zuerst sagen: „ Wollen wir uns erst einen Tee machen und dann weiter streiten?" Und wem das gelingt, der kann dann auch sagen: „Klar, lass uns streiten, aber bitte so, dass ich spüre, dass du mich liebst."


Damit wird nämlich aus dem „Ding", das angegriffen hat und gegen das es sich zu verteidigen gilt, wieder die einzigartige Person, mit der wir unser Leben verbringen wollen, ein Mensch mit Emotionen, mit Bedürfnissen und Ängsten - genauso wie wir selbst.

Material: Emotionen haben ihren Ursprung im Zentralen (zerebralen) Nervensystem:

Das Limbische System bereitet den Körper auf schnelle Reaktionen hinsichtlich potentieller Bedrohungen vor. Die Amygdala, ein Teil des sogenannten Limbischen Systems, reagiert direkt auf neue und potenziell bedrohliche Reize; dies führt zu psychischen und körperlichen Veränderungen in Form einer Stressreaktion. Im Hippocampus fließen Informationen verschiedener sensorischer Systeme zusammen, die verarbeitet und von dort zum Cortex gesandt werden. Dort findet auch die Steuerung des Gedächtnisses statt. Im präfrontalen Cortex (Hirnrinde) wird die Situation analysiert und bewertet; es kann eine Modulation der Stressreaktion durch Analyse und Neubewertung der Situation erfolgen - oder, je nach Bewertung die Ärger- oder Angstreaktion und damit ein „fight or flight" - Impuls fortgesetzt werden. Das Problem: der Cortex muss sich in das Geschehen einschalten und aufgrund vorhandener Erinnerungen und logischer Verknüpfungen zu einer Lösung für die existenziell-problematische Situation kommen.

Quellen: Daniel J. Siegel: Awareness (dt. „Gewahr sein", arbor Verlag); Susan David: Emotionally Agility (dt. Emotionale Beweglichkeit, Unimedica Verlag); John Gottman: The Relationship Cure

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