Eric Hegmann

Chefredakteur, Paarberater, Hamburg

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Artikel

Wie uns manipulative Beziehungen zerstören

Sich durchsetzen wollen und können, ist unerlässlich, um in einer Beziehung nicht verloren zu gehen. Denn wer unter einem niedrigen Selbstwert leidet, wird leicht manipuliert und ausgenutzt

In vielen Partnerschaften und auch in Familienkonstellationen gibt es immer wieder Machtspielchen. Wir wünschen uns zwar Partner auf Augenhöhe, manchmal aber möchten wir uns auch einmal führen lassen, keine Verantwortung übernehmen und den Herzensmenschen „einfach machen lassen". Kein Problem, solange der Partner dies nicht ausnutzt. Geschieht dies mit Vorsatz, ist klar, das ist schändlich. Aber manchmal gleiten Paare ganz langsam und unbemerkt in eine zerstörerische Paar-Dynamik.


Wer nicht akzeptiert, dass die Bedürfnisse des Gegenübers genauso berechtigt sind wie die eigenen, wird immer versuchen, die eigenen Wünsche durchzusetzen. Am Ende ist es eine Frage der Empathie: Kann ich mich in den Anderen hineinversetzen? Kann ich nachempfinden, warum sie oder er was tut oder möchte? Manipulative Menschen haben häufig eine narzisstische Störung. Und Menschen mit narzisstischen Anteilen haben ein Problem mit Empathie. Wenn sie ihre Wünsche durchsetzen, dann zählt nicht für sie, dass sie damit die Bedürfnisse anderer einschränken. Der klassische Narzisst weiß nicht, dass er ein Narzisst ist, das macht ihn so problematisch und viele Therapeuten sagen sogar, pathologischer Narzissmus ist nicht therapierbar. Denn die modernen Ansätze funktionieren über einen empathischen Zugang. Der ist aber nicht gegeben. Das bezieht sich auf extreme Ausprägungen. Den meisten Menschen kann man ja klar machen, wenn sie Grenzen überschreiten, dass dies nicht okay ist. Die machen das nicht immer mit Vorsatz, fahrlässig trifft es wohl besser. Aber macht es das auch besser für die Betroffenen?


Manipulative Menschen kennen keine inneren Grenzen, alles ist entweder schwarz oder weiß. Sie brauchen keinen Partner auf Augenhöhe, sie suchen einen Wirt, denn sie benötigen und dessen Energie als Bestätigung. Sie idealisieren häufig zunächst ihren Partner und reagieren in der Folge extrem, manchmal sogar aggressiv, wenn ihre Erwartungen enttäuscht werden. So füttern sie bei ihrem Partner immer wieder Angst, Schuldgefühle und Verpflichtungen.


Manipulation kann subtil sein. Das fängt bei dem Klassiker an: „Ich bin nicht böse, aber so enttäuscht.“ Und geht bis zum Gaslighting. Da wird der Partner bewusst in Fallen gelockt, um die eigenen Wünsche durchzusetzen. Ihm werden Aufgaben übertragen, an denen er gewiss scheitern wird, um ihm im nächsten Schritt das Versagen vorzuwerfen. Oder in Gesprächen werden Dinge behauptet, die nie gesagt wurden, um den Partner zu verunsichern und zu zermürben. Wenn Sie an einen solchen Partner geraten sind, gibt es nur einen Tipp: Laufen Sie!

In eine manipulative Beziehung geraten Sie, wenn Sie sich gerade in einer Phase befinden, in der Sie an sich selbst zweifeln oder wenn Sie grundsätzlich eher ein geringes Selbstwertgefühl haben. Beim Bindungsverhalten geht es immer um Selbstwert. Was häufig zunächst nicht erkannt wird: auch ein Narzisst hat ein geringes Selbstwertgefühl, er benötigt die Aufmerksamkeit, um sich gut zu fühlen. Die Medaille geringer Selbstwert hat nämlich zwei Seiten: Der Partner, der nicht aufgibt, sich seine Liebe verdienen zu wollen und der Partner, der für Bestätigung alles tun würde. Nach dem Bindungsmodell ziehen sich solche ängstlichen und vermeidenden Bindungstypen an, weil sie sich ergänzen in ihren Bedürfnissen – um bei extremen Ausprägungen jedoch an dieser Dynamik zu scheitern.

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Besonders anfällig dafür, Opfer einer emotionalen Abhängigkeit zu werden, sind Menschen, die zuvor sehr verletzt wurden und geschädigt aus einer gescheiterten Beziehung kommen. Denn sie suchen aus ihrer Position der Schwäche einen starken Partner, der ihnen Stütze gibt. Sie geraten dann jedoch sehr oft an einen nur scheinbar starken Partner, der sie zunächst auf Händen trägt und alles für sie machen möchte – der aber aus Verlustangst manipulativ und aggressiv reagiert, sobald der ehemals so bedürftige Partner wieder Stärke und eigene Wünsche zeigt.

Welche Anstrengungen, seinen Willen durchzusetzen, sind eigentlich in Beziehungen normal und welche ungefährlich? Normal ist nahezu alles, denn es gibt nun einmal alle Ausprägungen von Persönlichkeiten. Gefährlich wird es, wenn man manipuliert wird und das nicht bemerkt. Oder wenn man in eine emotionale Abhängigkeit gerät. Wenn der Verursacher eines Konfliktes die Tatsachen so verbiegt, dass man plötzlich selbst Schuld trägt – und das glaubt. In der Paarberatung erlebe ich immer wieder Fälle, in denen beispielsweise ein Fremdgeher seinen Betrug so argumentiert, dass der Betrogene sich selbst für den Auslöser hält. Das zerstört auf Dauer das Selbstwertgefühl und das ist sehr gefährlich, denn irgendwann hat der Betroffene dann nichts mehr entgegenzusetzen. Das Schlimmste: ohne Gegenspieler wird der manipulative Partner nun einen neuen Partner suchen und das Opfer zerstört und allein zurücklassen.

Um aus einer solchen Art von Beziehung zu entkommen, benötigen die meisten Menschen Hilfe von außen. Zunächst werden Freunde Fragen stellen, weil ihnen das Ungleichgewicht aufgefallen ist. Doch das wird oft abgetan, weil sich die Manipulation noch als Unterstützung verkleidet. Vielleicht werden Familienmitglieder fragen: „Warum lässt du das mit dir machen?“ Doch die Betroffenen reagieren darauf fast immer mit einer Romantisierung ihrer Beziehung: „Das ist Liebe, für die muss man auch Opfer bringen.“ Das Lösen aus einer manipulativen Beziehung dauert oft Jahre von der Erkenntnis der missbräuchlichen Dynamik bis zur Befreiung. Schneller geht es mit Unterstützung. Weil solche Fälle in unserer von Egoismus stark geprägten Gesellschaft – zumindest gefühlt – zunehmen, haben sich zahlreiche Experten wie auch ich auf die Arbeit mit den Opfern manipulativer Beziehungen spezialisiert. Der Schwerpunkt der Arbeit mit ihnen liegt auf der Stärkung des Selbstwertgefühls und der Betrachtung des Bindungsverhaltens.

Mit dem lösen aus einer manipulativen Beziehung alleine ist es jedoch nicht getan. Um nicht in einen Kreislauf von Abhängigkeiten zu geraten, rate ich Betroffenen dringend, vor einer neuen Beziehung die alte mit professioneller Hilfe zu verarbeiten, um das Selbstvertrauen wieder zu stärken und neuen Selbstwert zu finden. Tun sie das nicht, ist nahezu absehbar, dass sich ihre Erlebnisse wiederholen werden.


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