Eric Hegmann

Chefredakteur, Paarberater, Hamburg

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Was hat mein Ärger über dich mit mir zu tun?

Warum wir uns über andere und unsere Partner wirklich aufregen: Hinter jedem Ärger steckt eine Verletzung oder eine Unsicherheit. Eine Übung für weniger Stress in der Liebe und im Alltag

Manchmal möchte ich platzen. Da möchte ich die Beziehung nehmen und auf den Balkon ausquartieren, ihr das Bett in der Badewanne bereiten und die kalte Dusche anschalten. Diese Gefühle erlebe ich selten, ich würde nicht mit jemandem zusammenleben, der mir permanent auf die Nerven ginge. Nur eben manchmal, da ärgere ich mich wirklich. So sehr, dass ich einmal um den Block muss.

Sich zu ärgern gehört zum Leben dazu. Frust kann der Anlass sein, weil man nicht bekommen hat, was man wollte. Vielleicht auch einfach nicht schnell genug, wie man wollte. Vielleicht war es nur fast, was man wollte. Ob zuhause, im Büro oder im Alltag: es ist scheinbar unvermeidbar, dass ab und an der Blutdruck steigt und das Herz rast.

Aber ist das wirklich so? Sich ärgern, heißt es. Das deutet an, dass nicht jemand anders mich ärgert, sondern eben ICH mich. Oder anderes gefragt: Was hat mein Ärger eigentlich mit mir zu tun?


Ich bin nicht der ordentlichste Mensch, wirklich nicht, aber ich habe zumindest ein Konzept von Ordnung. Meine bessere Hälfte hat dies ebenso. Es ist allerdings ein ganz anderes Konzept. Eines, das mehr Zeit hat und das Morgen auch einen Tag sein lässt. Ich werfe mal Küche in die Runde. Spülmaschine. Müll. Waschmaschine. Trockner. Mein Konzept beinhaltet den Gedanken: „Mach es jetzt, irgendwann musst du es machen und dann musst du darüber nicht mehr nachdenken." Zwanghaft, nennt meine bessere Hälfte das. „Warum jetzt? Warum Stress? Wie kann man sich Stress machen wegen einer Sache, die sich immer wiederholen wird: heute, morgen, übermorgen wird es schmutziges Geschirr und miefende Kleidung geben. Entspann dich doch!" Zugegeben, wirklich falsch ist diese Haltung nicht. Doch weil die Küche nach jedem Kochgang schmutzig ist, heißt das doch nicht, dass man sie einfach schmutzig lässt! Die Antwort darauf lautet dann: „Ich mache es ja, nur eben nicht jetzt!" Und ich bekomme Schweißflecken auf der Stirn - und mache selbst sauber. Fühle mich dabei ungerecht behandelt, ausgenutzt und ärgere mich. Umgekehrt habe ich ein Gedächtnis wie ein Sieb, wenn es um Praktisches geht. Der Toaster ist kaputt? Ich kaufe einen neuen, verspreche ich. Nur denke ich dann nie dran. Ich erinnere mich, wenn ich Toast machen möchte. Aber wirklich nur dann. Oder das gebrochene Ladekabel. Müsste ich ein neues kaufen. Solange nehme ich das, das ich gerade finde. Auch wenn es nicht meines ist und dann meine bessere Hälfte rote Flecken bekommt, weil sie ihres nicht benutzen kann und ich „schon wieder!" keinen Ersatz besorgt habe.


Eine kurze Analyse der Szenen einer Ehe ergibt: Unabhängig vom Anlass fühlen sich die beiden Protagonisten gegenseitig nicht ernst genommen in ihren Bedürfnissen. Und das von der Person, die man liebt. Das schmerzt. So sehr, dass man sich bedroht fühlt, sonst würde der Kreislauf nicht solche Reaktionen erzeugen. Wir sind evolutionär so geprägt, dass wir grundlos keine Energie aufwenden. Den Körper in Angriffs- oder Fluchtbereitschaft zu versetzen, benötigt Energie. Das Gefühl der Bedrohung muss also sehr real sein.

Nur: Wer um alles in der Welt behauptet denn, ich würde nicht geliebt? Davon hat kein Mensch gesprochen. Es ging nur um einen überquellenden Mülleimer und Chaos in der Küche. Das, worüber ich mir Sorgen mache, ist: „Hilfe, ich werde nicht geliebt, ich und meine Wünsche sind unwichtig, morgen werde ich verlassen!"


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