Eric Hegmann

Chefredakteur, Paarberater, Hamburg

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Zufriedenheit in der Liebe geht Sie beide an

Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Das muss nicht immer ein Aufruf zum Egoismus sein. Denn wenn jeder zufrieden mit sich ist, geht es der Beziehung gut.

Manchmal bin ich unleidlich. Sie kennen das sicher. Das Aufstehen fiel schwer, das Frühstück schmeckt nicht so wie sonst, der Kaffee riecht irgendwie weniger frisch. Und dann liegen da schon wieder zwei Paar Schuhe mitten im Flur, über die ich beinahe gesegelt wäre. In solchen Momenten ist gerecht höchstens mein Zorn. Der ist dabei gar nicht wirklich zielgerichtet. Wenn, dann eher auf das große Ganze als auf eine Person. Dennoch ist Abstand halten die beste Option. Ich sende dann die wortlose Mitteilung: Trotz Heiratsurkunde ist mein Status heute Single. Bitte nicht stören. Höchstens füttern.


Ich weiß, dass andere Paare anders mit schlechter Laune umgehen. Ich könnte ja auch versuchen, mich mehr zusammenzunehmen und weniger gehen zu lassen. Stimmt. Das würde mich aber nicht glücklicher machen. Und in der Folge sicher nicht liebenswürdiger.

Nur, wer zufrieden mit sich sein kann, kann auch eine Beziehung führen, die zufrieden macht

Manchmal sind die Umstände eben so, wie sie sind. Dann war die Nacht zu kurz, der Terminkalender zu voll und die Stimmung spätherbstlich. Das ist dann mein Problem und ich versuche, es nicht zum Problem für andere werden zu lassen. Denn diese Verantwortung möchte ich durchaus übernehmen: Meinen Weg finden, mit dem Miesepeter in mir zurecht zu kommen. Ich benötige niemanden, der mich aufmuntert. Das ist allein mein Job.


Ich könnte in die Parkanlage gehen, versuchen, mich an den Kleinigkeiten zu erfreuen. Eichhörnchen füttern, Krähen ärgern oder die Schönheit der Blumen am Wegesrand bewundern. Klaviermusik auf die Ohren. Sanftes Pling Pling versöhnt mich nämlich mit der Welt, mit Stress und mit mir. Denn darum geht es doch: Nur wer zufrieden mit sich sein kann, kann auch eine Beziehung führen, die zufrieden macht. Möge jeder zunächst einmal bei sich selbst anfangen, bevor er die Verantwortung anderen überträgt. Die haben an ihrer Verantwortung nämlich genug zu tragen.


Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht. Das klingt auf den ersten Blick vielleicht egoistisch, aber eigentlich ist es genau gegenteilig gemeint. Für mich hat das mehr mit Rücksicht nehmen zu tun. Meine Umwelt ist vielleicht nicht unschuldig an meiner Stimmung, doch letztlich bin ich es, der sich ärgert. Dieses Gefühl kann ich beeinflussen und steuern. Dazu brauche ich keinen Tee an den Schreibtisch gebracht bekommen, keine Schulter zum Anlehnen oder ein Ohr zum Ausheulen. Vielleicht später. Erst einmal muss ich meine Betriebstemperatur auf Pegelstand bringen. Danach gerne wieder. Sehr gerne sogar.

Und dann eine Runde Kuscheln?

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