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„Schreiben heilt die Seele"

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Gevelsbergerin Simone Heintze veröffentlicht mit Julia Fiedler zweites Buch über ihre Krebserkrankung. Wie sie anderen mit ihrem Schicksal hilft.

Der Krebs ist besiegt. Und dann? „Dann fällt man erstmal in ein großes Loch", sagt Simone Heintze. Wie geht es jetzt weiter? Kommt die Krankheit wieder? Was ist überhaupt noch gesund an mir? All diese Fragen kreisten ihr nach dem erfolgreichen Kampf gegen den Brustkrebs im Kopf herum, doch das wollte keiner mehr hören. „Freu' dich doch einfach, dass du wieder gesund bist", sagten viele in dieser Zeit. Doch so einfach war es nicht. Und genauso geht es vielen anderen Krebspatienten.

Besondere Gespräche

Um ihnen zu helfen, ins Gespräch kommen und zu zeigen „Ich habe auch so gefühlt", ist Simone mit ihrem Buch „Aufgeben? Niemals" momentan auf Lesetour. In dem Buch verarbeitet sie ihre Erlebnisse seit der Diagnose. Schon mit 13 und 16 Jahren erkrankte sie an Krebs. (Wir berichteten) Wieder gemeinsam mit ihrer Freundin, der Journalistin Julia Fiedler, hat sie nun ihr zweites Buch „Festhalten, Loslassen." veröffentlicht.

„Viele wollten wissen, wie es weiter geht", sagt die Mutter von drei Kindern. Und so lässt sie die Leser wieder teilhaben an ganz privaten Momenten. Wie dem Tag, an dem sie ihren Eltern die Krankheit beichtet.

Auch über die Mastektomie, die Amputation der Brüste, und die anschließende Behandlung mit Medikamenten schreibt sie ganz offen. „Die Tabletten haben ja teilweise genauso viele Nebenwirkungen, wie Vorteile", sagt Simone Heintze. Und nicht nur die Medikamente sollte sie noch lange begleiten, auch die Angst, dass der Krebst wiederkommt, war lange Zeit ein ständiger Begleiter. „Wer Angst hat, versucht sich festzuhalten. Festhalten ist immer leichter als loslassen", steht auf der Rückseite des neuen Buches. „Aber manchmal musst du loslassen, damit es weitergehen kann." Und so fährt sie zu Kliniken, liest aus ihrem Buch vor und spricht anschließend mit den Gästen, meistens sind es Patienten. „Diese Gespräche sind etwas ganz besonderes", sagt sie.

Viele Menschen haben in dieser Situation niemanden, mit dem sie sprechen können. Einen Termin bei einem Psychoonkologen zu bekommen, dauert im Schnitt vier bis fünf Monate. „Dann ist man geheilt oder tot", sagt Julia Fiedler. Einen Fachmann kann Simone Heintze zwar nicht ersetzten, aber das Gespräch mit jemanden anbieten, der Ähnliches durchstehen musste, die Gefühle und Ängste gut verstehen kann, das kann schon eine große Stütze sein. „Ich bin sehr froh, dass ich helfen kann, das ist ein Geschenk", sagt Simone Heintze. Ihr selbst hat das Schreiben der beiden Bücher sehr dabei geholfen, mit dieser schweren Zeit umzugehen. „Schreiben heilt die Seele," sagt sie und veranstaltet darum Schreibwerkstätten mit Patienten im Herner Marienhospital.

„Zum ersten Mal habe ich das in Gelsenkirchen gemacht und die Resonanz war einfach großartig." Es geht dabei nicht darum, einen Roman zu schreiben. „Ein Brief an sich selbst formulieren, das reicht schon und kann unheimlich viel bewirken", bestätigt Julia Fiedler. Durch das Schreiben gelingt es oft, Emotionen zuzulassen und zu weinen. Das passiere schon mal bei so einer Veranstaltung, erinnert sich Simone Hintze, „und das bringt sehr viel."

Der Glaube hilft

Doch nicht nur das Schreiben, vor allem der Glaube an Gott habe ihr unglaublich geholfen. Natürlich ist sie auch ins Zweifeln gekommen. „Warum ich? Warum hat Gott mir drei Kinder geschenkt, nur um mich dann doch sterben zu lassen? Das ergibt doch alles keinen Sinn", fragte sich Simone Heintze öfters. Letztlich, so sagt sie, hat dann doch meistens alles einen Sinn. Ein Patient, der auch an Krebs erkrankt ist, fragte sie ganz direkt: „Wie können Sie noch glauben?"

Das kann man auch nicht verstehen, sagt Simone Heintze. Der Glaube, das Vertrauen in Gott, ist einfach da und hat ihr immer wieder Kraft gegeben. Jetzt hat sie den Krebs besiegt, kann mit ihren Büchern und der Lese-Tour anderen Menschen helfen. „Das ist doch ein ziemliches Wunder. Und vielleicht war das der Sinn hinter allem."

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