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Und wer hat die Kinder gefragt?

FOCUS Magazin | Nr. 51 (2016)

WISSEN UND GESUNDHEIT: Und wer hat die Kinder gefragt?


Das Netz diskutiert über Sharents: Eltern, die auf Instagram und in Blogs Fotos ihrer Kinder teilen. Eine Anleitung zum verantwortungsvollen Posten


Die Entscheidung, über das Leben ihres Kindes zu bloggen, traf Patrizia Philp schon während der Schwangerschaft. Kurz nach Emilians Geburt postete sie die ersten Fotos auf Instagram. Auch auf ihrem Blog „Maison Pazi" kann jeder die Entwicklung ihres Sohnes verfolgen und erfahren, wie lange er gestillt wurde oder welche Farben sein erster Fahrradhelm hat.


Philp gehört zu den sogenannten Sharents. Das sind Eltern, die das Leben ihrer Kinder im Internet öffentlich machen. Das Kunstwort setzt sich zusammen aus dem englischen „to share" (teilen) und „parents" (Eltern). Es geht auf einen Journalisten der Tageszeitung „The Wall Street Journal" zurück. Das Phänomen entfacht hitzige Diskussionen. Sollten Eltern überhaupt Bilder von ihren Kindern online stellen? Zumal diese oft zu jung sind, um sich selbst dazu zu äußern.


Nun widmen sich auch Forscher dem Internet-Trend. Die Amerikanerin Stacey Steinberg etwa ist nach eigenen Angaben die erste Rechtswissenschaftlerin, die sich intensiv damit beschäftigt. Im April erscheint ihre Studie zu Privatsphäre-Rechten von Kindern, mit FOCUS sprach sie über ihre Arbeit. „Das Problem mit den Sharents: Sie schränken die Unabhängigkeit ihres Nachwuchses ein", sagt die Jura-Professorin. „Sobald Eltern Bilder hochladen, beeinflussen sie den digitalen Fußabdruck ihrer Kinder. Die können dann nicht mehr selbst über ihn bestimmen."


Bloggerin Philp glaubt nicht, dass ihr Sohn ihr die vielen Posts eines Tages übel nehmen wird: „Wir erziehen ihn auch in die Richtung, dass er es schön findet. Und es ist ja nichts dabei, wofür er sich schämen muss, also kein peinliches Bild."


Peinlich oder nicht - der Kriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger hingegen warnt generell davor, Fotos ins Netz zu stellen: „Kinderbilder haben meiner Meinung nach gar nichts im Internet verloren. Man hätte früher ja auch nicht wildfremden Leuten ein Foto seiner Kinder in die Hand gedrückt." Er rät dazu, den Nachwuchs, wenn überhaupt, absolut unkenntlich zu fotografieren, zum Beispiel von hinten.


Offenbar ist die Versuchung doch so groß, dass viele die Risiken ausblenden, auch Bloggerin Philp: „Insgeheim weiß ich schon, dass ich nicht so vorbildlich handle, wie viele das vielleicht empfehlen würden. Aber man ist so wahnsinnig stolz und möchte sein Glück so gern teilen."


Das Teilen hat Folgen. Bereits 2010 waren nach einer Studie 92 Prozent aller Kinder in den USA unter zwei Jahren im Netz in irgendeiner Form präsent. Rüdiger, der sich auf Cybercrime und Interaktionsrisiken sozialer Medien spezialisiert hat, erklärt: „Selbstbestätigung wird immer mehr aus dem Internet gewonnen. Kinder wachsen mit der Einstellung auf, dass es normal ist, Bilder hochzustellen. Sie sehen, wie ihre Eltern mit ihren Fotos umgehen, und ahmen sie nach." Dabei entstehe digitaler Narzissmus. Laut Rüdiger leben vor allem YouTuber den Kindern das ständige Sichselbst-Präsentieren vor. Aber auch Stars, Eltern und andere Vorbilder prägen das spätere digitale Auftreten der Kinder.


Wie die Jugendzeitschrift „Bravo" bei einer Umfrage in diesem Jahr herausgefunden hat, nutzen fast die Hälfte der zwölfjährigen Mädchen soziale Netzwerke wie Instagram und Facebook, um Selfies zu posten. Ab 13 Jahren stellen 67 Prozent der Mädchen und 49 Prozent der Jungen Selbstporträts ins Netz.


„Kinder lernen, dass sie Anerkennung erhalten, wenn Bilder von ihnen online gepostet werden", erklärt Rüdiger. „Dadurch kann auch die Hemmschwelle, Nacktbilder zu verschicken, sinken." Nacktfotos oder Bilder in erotischen Positionen versendet jeder zehnte Jugendliche im Alter von 14 Jahren. Mindestens 23 Prozent der Mädchen bereuen ihre Entscheidung, sie werden wegen der Bilder gemobbt. Aber auch harmlose Kinderfotos können im Internet leicht missbraucht werden. „Für Sexualtäter sind vor allem Fotos interessant, die beim Sport oder Spielen entstehen", sagt der Experte.


„Neulich habe ich Emilian für Snapchat gefilmt, als er in der Badewanne saß", erzählt Philp. „Man sah nur seinen Kopf von hinten." Ihre Mutter habe sie daraufhin ermahnt: Man wisse nie, wer sich die Bilder ansehe. Und Betrachter könnten auf falsche Gedanken kommen. „Als ich anfing, Bilder von Emilian zu posten, hatte ich gar nicht so viel Angst vor Missbrauch", sagt die Bloggerin. Sie dachte, es genüge, keine Bilder in Badehose oder auf dem Wickeltisch zu posten. Mittlerweile sieht sie es differenzierter: „Jetzt habe ich ihn schon gezeigt, nun brauche ich damit auch nicht aufzuhören. Aber ich weiß nicht, ob ich heute noch mal entscheiden würde, Fotos, auf denen er zu erkennen ist, in mein Blog zu stellen." Denn das Internet vergisst nicht.


Die Juristin Steinberg möchte nicht, dass sich das Internet zu einem kinderfreien Raum entwickelt. „Ich habe auch kein Problem damit, wenn das Gesicht eines Kindes im Internet zu sehen ist, wenn man vorher die potenziellen Risiken abwägt", betont sie. Bei ihren Nachforschungen sei ihr aufgefallen, dass die meisten Eltern in Europa die Privatsphäre ihrer Kinder stärker schützen als Eltern in den USA.


Steinberg hat Verhaltensregeln für jene aufgestellt, die im Netz über ihr Kind berichten wollen: „Eltern sollten sich mit den Privatsphäre-Einstellungen des jeweiligen sozialen Netzwerks vertraut machen. Außerdem sollten sie ihre Kinder niemals nackt oder in Unterwäsche abgelichtet online stellen." Vor allem empfiehlt die Rechtsexpertin, Kinder um Erlaubnis zu fragen, bevor man ein Foto postet - sobald sie alt genug sind, um die Situation zu begreifen.


Besonders vorsichtig sollten Eltern sein, wenn sie über Verhaltensauffälligkeiten oder Erziehungsprobleme des Nachwuchses online diskutieren wollen. Womöglich werde das Kind wegen dieser Beiträge später in der Schule gehänselt. „Die meisten Eltern wollen nur das Beste für ihre Kinder", sagt Steinberg. Daran sollten sie auch denken, bevor sie etwas posten.

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