Timo Al-Farooq

Freelance journalist/Writer/Independent researcher, Berlin

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Ein Jahr Özil-Rücktritt: Karma ist eine B****, Deutschland

Fußball-Weltmeister Mesut Özil 2014 © jikatu @ flickr.com (CC 2.0), bearbeitet von MiGAZIN

Genau heute vor einem Jahr, am 22. Juli 2018, hat Mesut Özil über Twitter seinen Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft erklärt. Begründung: Rassismus. Schon zuvor, während der FIFA Fußball-WM der Männer in Russland, hatte Deutschland die sportliche Quittung für sein rassistisches, türkenfeindliches und islamophobes Mobbing gegen Mesut Özil und Ilkay Gündogan (der heute noch für den DFB spielt) bekommen. Hintergrund der Aufregung war ein Selfie der beiden mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan.


Südkorea hatte im letzten Gruppenspiel die deutsche Mannschaft mit 2:0 geschlagen, dazwischen ein erlösender finaler Rettungsschuss gegen Schweden und zuvor eine überraschende 0:1 Pleite gegen Mexico im ersten Gruppenspiel. Der Schmach einer verfrühten Heimreise war für den amtierendem Weltmeister perfekt.


Schadenfreude ist ein urdeutsches Gefühl, für das es im Englischen keine adäquate Entsprechung gibt, weshalb sie im angelsächsischen Sprachraum unübersetzt weiterverwendet wird. Und Schadenfreude war genau das, was ich nichtweißer gebürtiger Deutscher mit elterlicher Migrationsbiographie, der Zeit seines Lebens hier - wie unzählige andere - wegen meiner Hautfarbe wie Bürger zweiter Klasse behandelt worden bin, in jenem Moment an diesem glorreichen Sommertag gefühlt habe.


Ich kann mich gut daran erinnern, wie ich nach dem Schlusspfiff auf meinen Kreuzberger Balkon hinaustrat und passionierte, erlösende und halbverrückte Fick-Dich-Deutschlands in den gentrifizierten Wrangelkiez hinausschrie, meine Stimme schon heiser von dem 90-minütigen einseitigen Schreiduell mit meinem Fernseher, welches den Krimi übertrug, dessen unerträgliche Spannung zum großen Teil auch davon lebte, dass Deutschland womöglich aus dem Turnier fliegen könnte.


Der überaus willkommene Casus Belli damals, der einer weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft den Vorwand lieferte, in den Medien und sozialen Netzwerken auf die beiden Sympathikuse Özil und Gündoğan loszugehen, die stets stolz darauf gewesen sind, das DFB-Dress zu tragen: ein Selfie mit einem in der deutschen Politik unbeliebten Präsidenten des Geburtslandes ihrer Eltern.


Diese Non-Nachricht wurde von der weißen deutschen Mehrheitsgesellschaft als ein Akt der Aggression und des Landesverrats gewertet und machte über Nacht aus zwei in England gefeierten Weltstars, vogelfreie Staatsfeinde Nummer Eins in ihrem eigenen Heimatland Deutschland - Deutschland über alles, wie die verbotene ersten Strophe der deutschen Nationalhymne lautet, die zwar niemand singen darf, aber deren Inhalt nicht wenige absegnend unterschreiben würden, egal wie un(ter)bewusst.


Was als Erdoğangate in der Presse die Runde machte, hätte ehrlicherweise Weiße-Deutschegate heißen müssen: denn der wahre Skandal lag nicht in der Tat Özils und Gündoğans, sondern in der Reaktion auf diese Tat durch die deutsche Mehrheitsgesellschaft, die - ob politisch links, rechts, oder mittig, sich schnell darin einig waren, dass es ok ist, diese beiden gestandenen jungen Männer mit rassistischen und islamfeindlichen Beleidigungen und Meinungen zu überhäufen.


Von der Doppelmoral, ständig Erdoğan oder WM-Gastgeber Putin für ihre autoritären Umtriebe zu kritisieren, bei erprobten Faschisten wie Donald Trump, Ungarns Victor Orban oder Indiens Narendra Modi jedoch bemerkenswerterweise das sonst so übereifrige Großmaul zu halten, davon kein einziges Wort...


Zum Weiterlesen gehts hier lang: http://www.migazin.de/2019/07/22/ein-jahr-oezil-ruecktritt-karma/




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