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Wie es Ultras weiter gelingt, mit Pyrotechnik zu provozieren

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Ver­mumm­te im Block des Ham­bur­ger SV im Stadt­der­by beim FC St. Pau­li am ver­gan­ge­nen Sonn­tag: »Ein Wo­chen­en­de zum Schä­men«

Der größte Zündstoff
Fankultur Alle Bemühungen, Pyrotechnik aus den Stadien zu verbannen, sind gescheitert. Sollte sich der Fußball damit abfinden?

Die Anhänger des FC St. Pauli, die im Stadion am Millerntor auf der Gegengerade ihren Platz haben, zeichnen sich durch hohe Leidensfähigkeit aus. Dort stehen und sitzen viele Veteranen, die nur wenige Erfolge erlebt, aber schon so manch schlechtes Fußballspiel ge-sehen haben. Am vergangenen Sonntag beim Hamburger Derby zwischen dem FC St. Pauli und dem Hamburger SV (0:4) war ihre Geduld am Ende. Nicht der Grottenkick ihres Vereins hatte die Zuschauer aus der Fassung gebracht, sondern andere, eigene Fans. Wütend zeigten sie Stinkefinger in Richtung Südkurve und brüllten »Haut ab, haut ab«.

Vermummte hatten sich zuvor über das gesamte Spiel hinweg einen Pyrokampf geliefert. Schwarz-blauer Rauch kam aus der HSV-Ecke, rot wehten die Leuchtfeuer aus dem St.-Pauli-Block. Viermal unterbrach der Schiedsrichter das Spiel. Als er mit dem Ende drohte und das Zündeln dennoch nicht aufhörte, drehten viele Zuschauer durch: Wütend pfiffen sie die Leute in ihren eigenen Reihen aus. Einen Tag zuvor war das deutsche Fußballvolk noch aufgebrachter. In Chemnitz hatten Rechtsradikale eine Stadionkurve in rot-weißen Dampf gehüllt. Die Choreografie war Teil einer Gedenkfeier für einen an Krebs verstorbenen Neonazi, der Anhänger des Vereins war. Offenbar hatte niemand seine Gesinnungsgenossen daran gehindert, das Feuerwerk ins Stadion zu bringen.

Leuchtfeuer im Stadion sind Provokation. Sie kommen von rechts oder links, sie richten sich gegen den Gegner, den Deut-schen Fußball-Bund, die Elite des eigenen Vereins. Für die Ultras, besonders fanatische Stadiongänger, ist das Abbrennen von Bengalos, Leuchtkugeln oder Rauchtöpfen das sichtbarste Mittel, um Aufmerksamkeit für sich und ihren Protest zu erlangen.

Seit Jahren ist der Einsatz der Pyrotech-nik der größte Zündstoff im Fußball, weil er trotz aller Maßnahmen wie Durchsu-chungen oder Stadionverbote als zentrales Ausdrucksmittel der Fankultur geblieben ist. Und so widersprüchlich es klingen mag: Vorfälle wie in Hamburg und Chemnitz nutzen die Hardliner, die noch strengere Kontrollen und noch höhere Strafen gegen Pyroprovokateure fordern. Und sie nutzen den Gemäßigten, weil sie ihnen Beweise dafür liefern, dass das Abbrennen ohnehin nicht zu verhindern, ein gewisses Maß an Leuchtfeuer also okay sei. Wer hat also Recht...
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