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Vom Fastenbrechen unter Corona-Bedingungen

Die Feierlichkeiten zum Ende des Ramadan müssen in diesem Jahr den Beschränkungen der Corona-Krise angepasst werden - gemeinsames Fastenbrechen ist damit eigentlich nicht möglich. Die älteste Moschee Deutschlands hat es trotzdem versucht. Von Steven Meyer

Sonntagmorgen, 8:15 Uhr, Berlin-Wilmersdorf: Schon vom Wohnviertel vor der Moschee sind arabische Gebete zu hören, es klingt wie Gesang. Knapp 50 Musliminnen und Muslime knien, mit Abstand zueinander, auf dem Boden der Lahore-Ahmadiyya-Moschee auf bunten Teppichen - fast alle tragen Atemschutzmasken. Die Frauen sind im hinteren Teil der Moschee, mit einer Trennwand abgeschirmt von den Männern. Der Imam geht zur Kanzel und setzt zum gemeinsamen Gebet an, alle stehen auf. "Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Zuckerfest", sagt er am Ende seiner Predigt.


Normalerweise finden sich in der Moschee zum Fest des Fastenbrechens viele Familien zum gemeinsamen Essen zusammen - gefeiert wird traditionell drei Tage lang. Doch einer der wichtigsten Feiertage des Islam muss sich in diesem Jahr den Bedingungen der Corona-Krise beugen. Gemeinsames Beten und Essen werden durch Mindestabstand und Maskenpflicht ersetzt. Viele Berliner Moscheen haben ihre offiziellen Veranstaltungen deshalb vorsorglich abgesagt. Die Wilmersdorfer Moschee hält an den Feierlichkeiten fest.

"In den letzten Jahren kamen immer bis zu 200 Gläubige zum Zuckerfest", sagt der Imam Amir Aziz. "Es kamen Menschen aus arabischen Ländern, der Türkei, Bangladesch und Pakistan." In der Moschee seien alle willkommen, sagt er.


In diesem Jahr muss alles kleiner stattfinden. Wegen der Corona-Maßnahmen finden zwei Gebete hintereinander statt - statt eines einzigen. Jeweils 50 Gäste sind zugelassen. Ein Mann, der dem Imam assistiert, sorgt für einen reibungslosen Ablauf und ermahnt so manchen immer mal wieder, eine Maske zu tragen. "Wir streamen das Gebet für die Familien zu Hause auch live im Internet", sagt der Imam. Das habe er auch während des Ramadan gemacht, als die Moschee noch geschlossen war.


Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Michael Müller (SPD), appelierte schon vor Beginn des Fastenmonats an Musliminnen und Muslime nur im engsten Kreis der Familie zu feiern. Doch nicht nur das: Der Berliner Senat begrenzt die Personenanzahl für religiöse Zusammenkünfte auf 50 [berlin.de], und auch nur dann, wenn die Räumlichkeiten eine entsprechend hohe Anzahl an Besucherinnen und Besuchern unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln zulassen. Körperkontakt ist strikt zu vermeiden, Gegenstände dürfen nicht herumgereicht werden. In der Moschee muss zudem eine Anwesenheitsliste mit Vor- und Nachnamen, Adresse und Telefonnummer aller Besucherinnen und Besucher erstellt werden. Die Strafen bei Verstößen reichen von 25 bis zu 500 Euro.


Amir Aziz ist seit 2015 Imam der ältesten Moschee Deutschlands. Er zog des Berufes wegen von Pakistan nach Berlin. Die Angst der Gläubigen spüre er während der Corona-Krise, auch nachdem Glaubenseinrichtungen wieder öffnen durften. "Anfangs haben sich die Menschen nicht getraut zu kommen", sagt er. Mittlerweile habe es sich gebessert. Von Woche zu Woche seien wieder mehr Menschen zum Gebet gekommen, vielleicht auch, weil die Moschee auf die strengen Corona-Maßnahmen reagierte: Der Sicherheitsabstand wurde in der Moschee markiert, Atemschutzmasken und Desinfektionsspray liegen aus und alle Gläubigen sind dazu angehalten, ihren eigenen Gebetsteppich mitzubringen.


"Wir müssen uns versprechen, die Idee des Fastens zu verinnerlichen und uns gegen das Böse zu richten", sagt Amir Aziz. Er hält seine Predigt zuerst auf Arabisch, dann auf Deutsch und anschließend auf Englisch. Immer wieder verlassen Menschen während des Gebets die Moschee, neue kommen hinzu. Viele stecken beim Verlassen Geld in eine Spendenbox am Eingang.


Die Gebete vor Menschen mit Mundschutz vorzutragen ist für ihn noch ungewohnt, sagt der Imam: "Die Krankheit ist damit immer sichtbar." Nach dem ersten Gebet warten bereits die nächsten Gläubigen auf die zweite Runde. Im Frauenbereich der Moschee wird es nun etwas eng, eine Frau breitet ihren Gebetsteppich deshalb kurzerhand bei den Männern aus. Ein kleines Mädchen schaut immer wieder aus der Frauenecke hervor.


Am Ende der Predigt erinnert Amir Aziz die Gläubigen daran, den Mindestabstand auch beim anschließenden Essen im Garten zu wahren und dieses Jahr auf das Händeschütteln zu verzichten. Neben der Moschee werden Reis mit Hackfleisch und Erbsen, Baklava, Kuchen und Tee auf einem Tisch serviert. Wegen der Ansteckungsgefahr sollen sich die Feiernden nicht einfach selbst bedienen, ein Mann serviert das Essen deshalb auf Plastikteller. Alle unterhalten sich in unterschiedlichen Sprachen, die Stühle stehen anfangs noch im Mindestabstand voneinander entfernt - so manche Regel ist aber trotz aller Bemühungen nicht immer umzusetzen.


Der Imam Amir Aziz ist froh darüber, dass die Corona-Maßnahmen ein gemeinsames Fest ermöglichten. "Wir haben zu Gott gebetet, dass wir die Moschee öffnen dürfen."

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