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Ungleichheit - Wär ich nicht arm, wärst du nicht reich

Keines der großen Industrieländer ist sozial so gespalten wie die USA. Während das Einkommen der ärmeren Hälfte der Haushalte in den vergangenen Jahrzehnten kaum gestiegen ist, ist das der Top-Verdiener explodiert. Präsident Donald Trump liefert den Amerikanern dafür Schuldige: Die Chinesen klauen die Industriejobs, die Deutschen ruinieren die Autoindustrie, und die mexikanischen Einwanderer drücken die Löhne in den USA. Neue Zahlen zeigen nun: Kräftig mitgeholfen bei der sozialen Spaltung hat die US-Regierung selbst - mit ihrer Steuerpolitik. Die Reichen zahlen mittlerweile weniger an den Staat als die Armen.

Nicht nur in Europa, auch in den USA bekommen die Beschäftigten relativ immer weniger vom produzierten Reichtum ab. Allein seit 1998 hat die Produktivität pro Arbeitnehmer in den USA um über 50 Prozent zugenommen. Der Lohn stieg jedoch nur um 20 Prozent. Die Differenz geht an die Unternehmen - und die gehören zum größten Teil den Reichen. Laut Schätzungen besitzen die wohlhabendsten zehn Prozent der amerikanischen Haushalte 80 bis 90 Prozent aller Aktien im Land. Sie kassieren die Dividenden, sie profitieren von steigenden Gewinnen und Aktienkursen.

Die Ungleichheit der Einkommen misst der Gini-Koeffizient nach Steuern und nach Umverteilung durch staatliche Transfers. In den USA liegt er laut französischer Bank Natixis bei 0,39, in Deutschland dagegen nur bei etwa 0,30. Krass ist auch die Ungleichheit bei den Vermögen: In den USA gehören dem reichsten ein Prozent etwa 40 Prozent des gesamten Vermögens, in Deutschland sind es etwa 30 Prozent. Beides sind Spitzenwerte unter den Industrieländern.

Je reicher man ist, desto stärker steigt das Einkommen

Die Reichen profitieren zum einen davon, dass die Kapitaleinkommen seit Jahrzehnten stärker steigen als die Arbeitseinkommen. Zum anderen kassieren sie auch die höchsten Gehälter. Was das unter dem Strich für die USA bedeutet, hat der französische Ökonom Gabriel Zucman ausgerechnet. Die Zahlen sind eindeutig: Je reicher ein Amerikaner ist, umso stärker hat sein Einkommen zugenommen.

Seit 1970 stieg in der ärmeren Hälfte der Bevölkerung das durchschnittliche Jahreseinkommen - nach Steuern und staatlichen Transfers - von 19.000 auf 27.000 Dollar, also um rund 40 Prozent. Dagegen hat sich das Einkommen der reichsten zehn Prozent mehr als verdoppelt. Das Einkommen des reichsten ein Prozent legte um über 800.000 zu, verdreifachte sich also. Das reichste 0,1 Prozent konnte sein Einkommen im Durchschnitt auf über fünf Millionen Dollar verfünffachen und das reichste 0,01 Prozent sogar fast versiebenfachen.

Zucman betont, dass es sich hier um Einkommen nach staatlicher Umverteilung handelt. Die wachsenden Differenzen spiegeln also zum einen die zunehmenden Unterschiede in den Einkommen wider, zum anderen die Tatsache, dass die Reichen effektiv immer weniger Steuern zahlen müssen. Seit den fünfziger und sechziger Jahren sinkt die reale Steuerlast der Wohlhabenden, das Steuersystem wird immer weniger progressiv, was bedeutet: Die Reichen zahlen tendenziell die gleichen Raten wie die Armen. Denn sie profitieren ebenso von sinkenden Steuersätzen wie von einer Vielzahl von Schlupflöchern und Gestaltungsmöglichkeiten.

Ergebnis: 2018 war das erste Jahr, in dem die 400 wohlhabendsten amerikanischen Haushalte von allen Einkommensgruppen die geringste Steuerlast hatten. Lag ihre Belastung 1950 noch bei maximal 70 Prozent, waren 1980 nur 47 Prozent und vergangenes Jahr nur 23 Prozent - auch dank Trumps Steuerreform. Für die breite Masse der Amerikaner dagegen ist die Belastung seit 1950 gestiegen. „Das US-Steuersystem ist nur sehr ungenügend in der Lage, die Superreichen zu besteuern, insbesondere jene, deren Einkommen vor allem aus Kapitaleinkünften kommen", urteilt David Gamage, Ökonom an der Universität Indiana.

Eingebetteter Medieninhalt „Ich zahle weniger Steuern als meine Sekretärin"

Das führt auch bei den Top-Verdienern zu Irritationen. „Ich zahle weniger Steuern als meine Sekretärin", wunderte sich bereits vor einigen Jahren der Großinvestor Warren Buffett, mit einem Vermögen von 87 Milliarden Dollar viertreichster Mensch der Welt. Und der reichste Mensch der Welt, Microsoft-Mitbegründer Bill Gates, sagte im vergangenen September, er wäre „nicht gegen eine Vermögensteuer". Welche Wirkung eine dreiprozentige Steuer auf Vermögen oberhalb von einer Milliarde Dollar hätte, hat Zucman durchgerechnet: Wäre sie seit 1982 erhoben worden, so hätte Amazon-Chef Jeff Bezos vergangenes Jahres nicht 160 Milliarden Dollar besessen, sondern „nur" 87 Milliarden. Gates wäre 60 Milliarden ärmer, Buffett fast 40 Milliarden und Mark Zuckerberg hätte statt 61 nur 44 Milliarden Dollar.

Zucmans Zahlen beinhalten politischen Sprengstoff, auch für die Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr. Denn republikanische Politiker beharren darauf, dass die Wohlhabenden ihren Wohlstand verdient hätten und das Steuersystem nicht ungerechter geworden sei. Dagegen haben Politiker der demokratischen Opposition - von Bernie Sanders über Elizabeth Warren und Joe Biden - Pläne vorgelegt, die das System wieder progressiver machen, den Reichtum also etwas stärker oben abschöpfen. Zudem will Warren Vermögen oberhalb von 50 Millionen Dollar mit zwei Prozent besteuern, bei Sanders ist es ein Prozent ab 32 Millionen. Die Steuersätze steigen jedoch mit dem Vermögen. Oberhalb von zehn Milliarden werden bei Sanders schon acht Prozent fällig, bei Warren drei Prozent. Warrens Plan würde laut ihrem Berater Zucman dem US-Fiskus 250 Milliarden Dollar zusätzlich einspielen - jedes Jahr. Das entspricht 1,2 Prozent der US-Wirtschaftsleistung.

Doch ist die Debatte nicht auf die USA beschränkt, schließlich geht die soziale Schere in allen Industrieländern auseinander. In Deutschland hat die SPD nun die Wiedererhebung der Vermögensteuer gefordert, weil Christina Schröder eben gerade nicht recht hat. Der Ökonom Tom Krebs sieht in der Besteuerung hoher Einkommen eine Möglichkeit, Gelder für Investitionen in den Klimaschutz zu generieren. Auch in Frankreich „dürften kommende Regierungen angesichts einer wachsenden Ungleichheit und künftig steigender Energiepreise versucht sein, die Reichen stärker zu besteuern", so Patrick Artus von der Bank Natixis. In Europa gibt es laut Zucman allerdings ein Problem: den Steuerwettbewerb zwischen den EU-Mitgliedstaaten. Solange man durch eine Verlegung des Wohnsitzes in nahegelegene Nachbarstaaten eine Vermögensteuer umgehen könne, sei ihre Einführung zum Scheitern verurteilt. Ganz anders in den USA: Dort sehen die Pläne von Sanders und Warren für Steuerflüchtlinge eine „Exit Tax" von 40 Prozent des Vermögens vor.

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