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Blutzucker messen ohne Stechen

Scannen statt stechen - ein Leben mit Diabetes und ohne Nadeln ist möglich, glaubt der Berliner Gründer Thorsten Lubinski. Mit Diamontech will er das Messen von Blutzucker schmerzfrei machen.


Angst vor Nadeln? Pech gehabt! Wollen Diabetes-Patienten ihren Blutzuckerspiegel messen, müssen sie zustechen. Lanzette, Blutstropfen, Teststreifen - für rund 420 Millionen Menschen ist das Alltag, eine Alternative gibt es nicht. Noch nicht? Möglicherweise, denn das Berliner Startup Diamontech arbeitet an einer Lösung des Problems.


Die Vision des Teams um CEO Thorsten Lubinski: nicht-invasive Blutzuckermessung - ohne Nadel, ohne Blut, ohne Teststreifen. So soll es funktionieren: Die Diabetikerin legt ihren Finger auf einen Sensor. Ein Laser schickt einen Lichtstrahl in die Haut. Dort wandelt Glukose das Licht in Wärme um. Anhand der Temperaturveränderung kann ein Wärmesensor den Blutzuckerspiegel messen.


Aktuell ist der Blutzuckermesser von Diamontech namens „D-Base" noch so groß wie ein Schuhkarton. Bis Ende 2020 soll er auf die Größe eines Smartphones geschrumpft sein. Ein Team von 12 Menschen arbeitet laut CEO Lubinski daran, dass die Technologie 2023 dann in ein Armband passt.


Die Konkurrenz für Diamontech ist stark: „Wir bewegen uns in einem Markt, der von fünf großen Unternehmen dominiert wird", sagt Lubinski. „Es ist nicht einfach sich dort als Startup durchzusetzen." Zwar gibt es keinen Konkurrenten, der komplett auf das Stechen verzichtet. Viele Unternehmen haben den Eingriff aber auf ein Minimum reduziert, zum Beispiel der Anbieter Abbott.


Dessen „Freestyle Libre System" wird an der Rückseite des Oberarms angebracht. Ein fünf Millimeter langer Fühler sticht in die Haut und misst dort kontinuierlich die Zuckerwerte. Nach Angaben von Abbott empfinden die meisten Menschen beim Anbringen des Messgeräts keine Schmerzen. Sensor und Lesegerät kosten zusammen rund 120 Euro. Der Sensor sollte laut Hersteller alle 14 Tage ausgetauscht werden.


Den Preis für das Diamontech-Produkt liege noch nicht fest, sagt Thorsten Lubinski. „Er orientiert sich aber an den bereits bestehenden Lösungen und wird attraktiv sein." Auch an einer Erstattung durch die Krankenkassen arbeite das junge Unternehmen. „Aus Erfahrung wird das einige Zeit dauern. Aber natürlich können Kunden der Krankenkassen persönlich Einzelfall-Regelungen aushandeln. Für Selbstzahler wird das Gerät vom ersten Tag an erhältlich sein."


Lubinski gründete Diamontech gemeinsam mit Werner Mäntele. Die beiden lernten sich vor knapp fünf Jahren kennen. Mäntele, Professor für Biophysik an der Goethe-Uni in Frankfurt, präsentierte Lubinski ein Forschungsprojekt zur Bestimmung von Glucose-Molekülen in der Haut. Der Betriebswirtschaftler Lubinski war begeistert: „Schnell war klar, dass daraus ein Produkt entwickelt werden muss." Ein Jahr später ging das gemeinsame Unternehmen an den Start.


Der Markt für Diabetes-Produkte ist groß: Rund 422 Millionen Diabetiker

Bislang hat das Startup eine klinische Studie mit 100 Teilnehmern durchgeführt, die beweisen soll, dass die Technik funktioniert. „Die grundlegende Technologie wurde in jahrzehntelanger Forschung von Professor Mäntele entwickelt und in mehreren wissenschaftlichen Artikeln publiziert", berichtet Co-Gründer Lubinski.


Der Markt für Diabetes-Produkte ist groß. Die Weltgesundheitsorganisation WHO zählte 2014 rund 422 Millionen Diabetiker. 2012 verursachte die Krankheit rund 1,5 Millionen Todesfälle. Bei weiteren 2,2 Millionen Fällen spielte Diabetes zumindest eine untergeordnete Rolle. Die Deutsche Diabeteshilfe schätzt, dass in Deutschland mehr als sechs Millionen Menschen an Diabetes leiden. Davon wissen jeder Fünfte nicht, dass er die Krankheit habe.


Diabetes ist ein Sammelbegriff: Die chronische Krankheit tritt auf, wenn die Bauchspeicheldrüse nicht genug Insulin produziert oder der Körper das Insulin, das er produziert, nicht effektiv verarbeiten kann. Das Hormon Insulin reguliert den Blutzucker. Diabetes erhöht das Schlaganfallrisiko, kann Augen und Nieren beschädigen.


Inzwischen genießt Diamontech Anerkennung in der Startup-Szene: Vor knapp zwei Jahren wurde das junge Unternehmen „als bestes deutsches High-Tech-Startup" mit dem Startmeup-Preis ausgezeichnet. Auch Investoren honorierten die Idee: 12 Millionen Euro hat Diamontech nach eigenen Angaben bislang eingesammelt. Seit Sommer 2019 ist das Messgerät von Diamontech als Medizinprodukt auf dem europäischen Markt zugelassen.

Blutzucker-Messer für Diabetiker: Partnerschaft mit Apotheken geplant

Mit dem Deutschen Apothekerverband arbeitet Diamontech an einer „strategischen Partnerschaft". Was das genau bedeutet, kann Lubinski noch nicht sagen: „Es ist aber klar, dass wir im ersten Schritt den Apotheken die Möglichkeit geben möchten, mit der Durchführung von Praxistests der bereits CE-zertifizierten ‚D-Base' unsere Technologie zu erleben."


Vier Jahre sind seit der Gründung vergangen. Was war das emotionalste Erlebnis bisher für Thorsten Lubinski? „Eltern, die schon vor der Markteinführung unser Gerät kaufen wollten, damit sie ihre Kinder nicht mehr stechen müssen", berichtet der Gründer. Ein wenig müssen die Eltern von Diabetes-Patienten sich allerdings noch gedulden: Gegen Ende des Jahres 2020 will Diamontech das erste Gerät offiziell auf den europäischen Markt bringen.


25.000 Kunden und 35 Millionen Euro Umsatz - das sind die ambitionierten Ziele des jungen Unternehmens bis Ende 2020. Anschließend sollen die USA, China, Lateinamerika und Japan folgen. „In fünf Jahren wird Diamontech synonym für schmerzlose Blutzuckermessung stehen", ist sich Lubinski sicher.

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