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Echte Chancen statt politisches Blabla

Jeder sollte eine Chance haben. Theoretisch. Natalya Nepomnyashcha will dafür sorgen, dass dies tatsächlich so ist. Deswegen hat sie Netzwerk Chancen gegründet. Das soziale Startup begleitet junge Menschen bei ihrem Aufstieg.


Eine alternde Gesellschaft, fehlende Fachkräfte, Populismus, Rechtsruck. Deutschland steht vor vielen Problemen. Natalya Nepomnyashcha glaubt, eine Antwort gefunden zu haben. Ihre Lösung: Chancengleichheit.


„Wir müssen Kinder und junge Menschen aus prekären Verhältnissen individuell fördern, ihnen helfen, ihre Potenziale zu entfalten", sagt die Berlinerin. Deswegen hat sie Netzwerk Chancen gegründet - ein soziales Startup, das sich deutschlandweit für Chancengleichheit einsetzt. Dem oft gehörten Gerede von der Chancengleichheit setzt sie konkrete Unterstützung entgegen.


Die Idee: Wer das Gefühl hat, eine Chance zu haben, geht seltener radikalen Menschenfängern ins Netz. Wer weiß, dass sich Leistung lohnt, arbeitet hart für seine oder ihre Ziele. „Wir müssen verhindern, dass Kinder die Schule ohne Abschluss verlassen und ihnen helfen, Fach- und Führungskräfte zu werden", sagt Nepomnyashcha.


Zur Zeit fördert das gemeinnützige Netzwerk rund 400 junge Menschen zwischen 18 und 39 Jahren. In Workshops arbeiten sie gemeinsam an Lebensläufen, Rhetorik oder IT-Kenntnissen, treffen auf Veranstaltungen Arbeitgeber oder Persönlichkeiten, die den Aufstieg bereits geschafft haben. So traf eine Gruppe von Aufsteigern die ehemalige SPD-Vorsitzende Andrea Nahles, eine andere Gruppe besuchte die Konzernzentrale des Versandhändlers Zalando.


Auch Natalya Nepomnyashcha ist eine Aufsteigerin: Nach ihrer Geburt in Kiew wuchs Nepomnyashcha in einem sozialen Brennpunkt in Bayern auf. Sie kommt, wie sie selbst sagt, aus einem Hartz-4-Haushalt. Ein Abitur hat sie nicht, nur über den Umweg nach Großbritannien erwirbt sie einen Master-Abschluss. „Ich habe selbst erlebt, wie viele Hürden Kinder und junge Erwachsene aus benachteiligten Familien begegnen, und wollte deswegen unbedingt etwas ändern."


Also gründete die 30-Jährige das Netzwerk im Juni 2016. Die Organisation soll aber mehr als nur junge Aufsteiger auf ihrem Weg begleiten. Nepomnyashcha will die Politik und Zivilgesellschaft verändern, „damit die Zukunft junger Menschen nicht länger von ihrer Herkunft abhängt".


Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) bemängelt eine „soziale Spaltung" im Bildungssystem. „Bereits in der frühkindlichen Bildung wird die Ungleichheit zwischen Kindern aus unterschiedlichen sozialen Lebenslagen angebahnt", lautete das Fazit einer DGB-Studie aus dem vergangenen Jahr. Diese Entwicklung setze sich in der Grundschule fort und verstärke sich in den weiterführenden Schulen.


Einen Grund für die Ungleichheit haben Forscher des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung ermittelt: Lehrer bewerten sozial ungleich. Das geschehe anscheinend unbewusst, heißt es in einem Diskussionspapier aus dem Jahr 2017. „Weil sie denken, dass Schüler aus höheren Schichten begabter sind, sich mehr anstrengen und mehr Unterstützung von zu Hause erfahren."


Von der Politik fordert Nepomnyashcha die Abschaffung des mehrgliedrigen Schulsystems. Stattdessen sollte die individuelle Förderung jedes einzelnen Schülers ausgebaut werden - von den ersten Monaten bis ins Erwachsenenalter.


Netzwerk Chancen berät Politiker und Unternehmen, aber auch soziale Organisationen in der Kinder- und Jugendbildung wie die Stiftung Bildung. Das Versprechen für die Partner: Kontakt zu jungem, talentierten Nachwuchs und nicht zuletzt auch ein besserer Ruf. Das Projekt selbst finanziert sich durch Spenden, Förderung, Sponsoring und ehrenamtliche Mitarbeit.


Für die kommenden fünf Jahre hat Gründerin Nepomnyashcha große Ziele: „Wir möchten mehrere Tausend junge soziale Aufsteiger fördern, um ihnen eine gute Karriere und die Entfaltung ihrer Talente zu ermöglichen - unabhängig von ihrer sozialen Herkunft." Außerdem soll das Thema „Soziale Herkunft als Diversity-Faktor" in Unternehmen, dem gesellschaftlichen Diskus und der Politik besser sichtbar sein. Schon im nächsten Jahr will Netzwerk Chancen 800 Aufsteiger betreuen - doppelt so viele wie zur Zeit.


Hauptberuflich arbeitet Nepomnyashcha als Beraterin bei einer Berliner PR-Agentur, der Kampf für Chancengleichheit läuft also nach Feierabend. Die Energie dafür zieht die 30-Jährige auch aus den vielen emotionale Momenten mit den Aufsteigern: „Ihre Geschichten zu hören, davon, wie sie trotz aller Widerstände ihren Weg gehen und nicht aufgeben, ist sehr bewegend."

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