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Er kann, sie kann, Chris kann

(Financial Times Deutschland) 

Produktpiraten aus Asien überschwemmen die Weltmärkte mit Billigimitaten. Ihr König ist der Thailänder Chris Pongpitaya: Er fälscht Sportwagen der Luxusklasse. Ein Werkstattbesuch


Die Sportwagensammlung in Chris Pongpitayas Werkstatt kann sich sehen lassen. Neben einem Lamborghini Countach steht ein Porsche 911 Carrera aus den 80er-Jahren, dahinter drei Aston Martin DBS, ein Ferrari F50 und der James-Dean-Porsche 550 Spyder: Das Gelände im Norden von Bangkok müsste eigentlich von einer Privatarmee gesichert werden. Stattdessen ist das hellblaue Schiebetor nur angelehnt. Denn richtig viel zu holen gibt es hier für Autodiebe nicht. Von vielen der Autos steht erst die Kohlefaserkarosserie, und echt ist kein einziges von ihnen. Denn Chris Pongpitaya macht das, was so mancher asiatische Unternehmer macht: Er fälscht Markenartikel. In seinem Fall sind es nur eben keine Taschen von Louis Vuitton oder Rolex-Uhren, sondern Sportwagen der Luxusklasse.

15 Mitarbeiter hat der dünne Mitt-40er mit dem 70er-Jahre-Oberlippenbart, zusammen mit ihnen verwandelt er alte Opel Calibras in Aston Martins oder Lamborghinis. Der Kunde hat die Wahl, ob er einen echten Sportwagenmotor haben will oder sich mit der niedrigeren PS-Stärke des Originalmotors zufriedengibt. „Meistens wollen die Kunden die billigeren kleineren Motoren“, sagt Pongpitaya. Der Calibra im Kostüm eines Aston Martin DBS kostet dann umgerechnet gerade einmal an die 14000 Euro. Für das Original muss man in Thailand wegen der hohen Importzölle rund 500 000 Euro zahlen.Zumeist sind es einheimische Kunden, für die Pongpitaya arbeitet, er bekommt aber auch Bestellungen aus aller Welt. Seit Beginn der Finanzkrise nehmen etwa die Anfragen aus den Golfstaaten zu.

Gelernt hat er sein Handwerk in Deutschland. „Das warin gewisser Hinsicht das Land meiner Träume“, sagt er. „Ichwar schon immer ein Autonarr, und Deutschland ist ja eine Auto-Nation.“ 1979 kaufte er sich ein Ticket in die Türkei, vondort trampte er weiter in die Bundesrepublik. Lange Zeit arbeitete er bei einem Porsche-Zulieferer, drei Jahre auch für den Autotuner Brabus. Als kurz nach der Wende dann Neonazis Jagd auf Emigranten machten und auch in Westdeutschland immer mehr Skinheads auftauchten, wurde es ihm zu heikel. „Ich hatte keine Lust mehr, in Deutschland zu sein. Ich hatte Angst.“ Zurück in Thailand eröffnete er Ende der 90er-Jahre seine erste Werkstatt. Das Land war inmitten einer massiven Wirtschaftskrise, und die Nachfrage nach billigen Ersatzteilen für Luxusautos war enorm. Pongpitaya stattete also Ferraris aus und andere teure Sportwagen, bis eines Tages ein Kunde auf ihn zukam: Ob er ihm nicht einen kompletten Porsche 911 bauen könne? Pongpitaya willigte ein. Es war der Beginn seiner Karriere als Konrad Kujau der Automobilwelt.

Seine Firma heißt, in Anlehnung an früher, „Schönes“. „Der Name sollte deutsch klingen“, sagt er. „Denn Deutschland steht für Qualität!“ Dabei könnte sich seine Werkstatt kaum stärker von den Hightech-Labors westlicher Sportwagenhersteller unterscheiden. Sie besteht im Wesentlichen aus einem großen, von etwa einem Dutzend Pfeilern getragenen Wellblechdach, an drei Seiten sind provisorische Mauern hochgezogen. Hunderte Karosserieteile stapeln sich in einer staubigen Ecke in wildem Chaos. Beißende Klebstoffdämpfe und der Geruch von verschmortem Plastik hängen schwer in der schwül-heißen Luft. Ramponiert aussehende Straßenhunde streunen durch die Werkstatt.

Ein Mann in den 40ern, der Pongpitaya gerade einen Besuch abgestattet hat, verabschiedet sich auffallend schnell und geht. „Der ist Unternehmer und hat über 4000 Angestellte“, sagt Pongpitaya und grinst stolz. „Trotzdem bestellt der seine Sportwagen bei mir!“ Es ist verständlich, dass der Kunde nicht gesehen werden will: In Thailand sind Statussymbole extrem wichtig. Wer als jemand gelten will, braucht einen auffälligen Lebensstil; viele Thais leben deshalb über ihren Verhältnissen. Auf der anderen Seite aber verliert der sein Gesicht, der damit auffliegt. Und für Thais gibt es wenig Schlimmeres. Eine Gruppe Besucher kommt allerdings ganz offen zu ihm, die Studenten diverser Bangkoker Designschulen: Die wollen vom Meister lernen.

Tatsächlich hat Pongpitaya viele der Autos, die er fälscht, noch nie in echt gesehen. In einem Büro neben der Werkstatthalle stehen in einer Glasvitrine rund zwei Dutzend Modellautos. Die dienen ihm als Vorlage, weitere Informationen holt er sich aus dem Internet. Aus einer Ecke kramt er eine Styroporschachtel hervor und öffnet sie behutsam. In ihr ist ein etwa 30 Zentimeter großes Modell eines Bugatti Veyron, des 1001 Pferdestärken starken und 407 Stundenkilometer schnellen Supersportwagens aus dem Haus VW. „Dieses Modell hat 300 Dollar gekostet“, sagt er. „Das wird unser nächstes Projekt!“

Sein Gewerbe sei legal, sagt Pongpitaya. Schließlich stelle er nur „Kit Cars“ her, ausgewiesene Nachbauten echter Sportwagen. Die trügen ja auch alle nicht das Logo des Originalherstellers, sondern sein eigenes. Das Wappen auf einem Fake-Porsche sieht dann allerdings genauso aus wie das auf einem Stuttgarter Original, und dass er mit seiner Ansicht auf ziemlich einsamer Flur steht, scheint Pongpitaya durchaus bewusst zu sein. „Anwälte von Firmen wie Ferrari erkennt man sofort“, sagt er mit ernstem Gesichtsausdruck. Deswegen treffe er sich mit potenziellen Käufern auch immer in Hotels. Fiele jemand auf, etwa indem er zu viele Fragen stellt, lasse er sich nicht auf ein Geschäft ein. Sicher ist sicher.

Für die Zukunft aber hat er Pläne, bei denen er weniger Angst vor Konzernanwälten haben muss. Er setzt sich eine Brille auf und blättert in einem Aktenordner, in dem Bilder und technische Daten von Sportwagen der Spitzenklasse abgeheftet sind. Einen eigenen Sportwagen will er entwickeln und in Eigenregie bauen, der Ordner ist seine Inspirationsquelle. Um seinen Traum zu verwirklichen, muss er nur das Beste von jedem Modell nehmen und die Einzelteile zusammenfügen. Eigentlich ganz einfach. Jedenfalls für einen wie Chris Pongpitaya.