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Boris Johnson: Wer ist dieser Mann?

(ZEIT Online) 

Der unberechenbare Boris Johnson hat viele Posten und noch mehr Skandale durch, jetzt ist er britischer Außenminister. Und irrlichtert weiter.

Dass Boris Johnsons erster offizieller Besuch in der Türkei diese Woche bizarre Züge tragen würde, war absehbar. Schließlich hatte er nur wenige Wochen vor seiner Ernennung zum britischen Außenminister im Juli einen Wettbewerb gewonnen, bei dem es darum ging, das beleidigendste Gedicht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan zu verfassen. In seinem siegreichen Beitrag bezeichnete Johnson Erdoğan als "Wichser", der Sex mit Ziegen habe.

Doch schon vorher hatte Johnson den Unmut der türkischen Regierung auf sich gezogen. Im Vorfeld des Brexit-Referendums im Juni behauptete die von Johnson angeführte Vote-Leave-Kampagne, dass nach einem angeblich unmittelbar bevorstehenden EU-Beitritt der Türkei Tausende Türken nach Großbritannien kommen würden.

Der große Krach blieb bei Johnsons Besuch in Ankara trotzdem aus. Auf eine ungewöhnliche Pressekonferenz, bei der Johnson die Türken dafür lobte, seine "gut funktionierende Waschmaschine" gebaut zu haben, folgte ein offenbar positives Treffen mit Erdoğan, bei dem sich Johnson für einen EU-Beitritt der Türkei aussprach. "Ich glaube, dass Partnerschaft absolut entscheidend ist für unsere Zukunft und für die Zukunft der EU", sagte der frühere Erdoğan-Kritiker.

Wendehals beim Thema Brexit

Wer ist dieser Mann? Dieser ständig zerstreut wirkende Typ mit seiner blonden Wuschelfrisur, der immer schlecht sitzende Anzüge trägt? Der sich gerne als Witzfigur gibt, aber zugleich maßgeblich daran beteiligt war, das größte Zerwürfnis in Westeuropa seit dem Ende des Kalten Krieges in Gang zu setzen.

In Großbritannien sorgt derzeit ein neues Buch für Aufsehen, das Johnson als impulsiven und instabilen Egozentriker beschreibt. In Unleashing Demons: The Inside Story Of Brexit beschreibt Craig Oliver, Kommunikationschef des früheren Premiers David Cameron, was sich im Vorfeld des EU-Referendums hinter den Kulissen abgespielt hat.

Bevor Johnson im Februar bekannt gab, dass er sich der Leave-Kampagne anschließen werde, habe er innerhalb von 24 Stunden drei Mal seine Meinung geändert, schreibt Oliver. Die letzte, entscheidende Kehrtwende sei erst neun Minuten vor Johnsons Auftritt vor den Kameras erfolgt: Johnson schickte seinem ehemaligen Schulfreund Cameron eine Nachricht, in der er ihn wissen ließ, dass er sich für einen Brexit einsetzen werde. Camerons Mitarbeiter vermuteten laut Oliver sofort, dass Johnson kein echter "Outer" sei und nur auf das Amt des Premierministers spekulierte. In seiner Nachricht an Cameron habe Johnson geschrieben, dass er gar nicht damit rechne, beim Referendum zu gewinnen, schreibt Oliver.

Am Morgen des 24. Juni, dem Tag nach dem Referendum, sah Johnson tatsächlich so aus, als habe ihn die Nachricht vom Leave-Votum seiner Landsleute kalt erwischt. Vor seinem Haus in London begrüßte ihn eine aufgebrachte Menschenmenge, die ihn ausbuhte. Als Johnson kurz danach vor die Kameras trat, war sein schlechtes Gewissen nicht zu übersehen: Er schaute die meiste Zeit nach unten, ganz so, als könne er die Blicke der anwesenden Journalisten und Fotografen nicht ertragen. Die Frage, wie es nach dem Referendum weitergehen soll, blieb er schuldig. Das sorgte bei vielen Briten für Entsetzen: Der führende Leave-Aktivist hatte offensichtlich keinen Plan für den Brexit, für den er monatelang geworben hatte.

Will Johnson auch May entmachten?

Aus Johnsons Ambitionen auf das Amt des Premiers wurde allerdings nach seinem Verrat an Cameron nichts. Den Posten bekam Innenministerin Theresa May und ernannte Johnson zum Außenminister. Falls es ihre Absicht war, den unberechenbaren Politiker damit zur Räson zu bringen, dürfte sie ihre Entscheidung mittlerweile bereuen.

Auch als Außenminister lässt Johnson nämlich keine Gelegenheit aus, um sich erneut als führender Brexit-Vorkämpfer zu profilieren. Kürzlich veröffentlichte er ein Video, in dem er der Aktionsgruppe Change Britain seine Unterstützung aussprach. Diese versucht, Druck auf die Regierung auszuüben, damit sie sich bei den Verhandlungen mit der EU auf keine großen Zugeständnisse einlässt. Kurz darauf teilte Johnson mit, die Brexit-Verhandlungen würden Anfang des kommenden Jahres beginnen und wahrscheinlich keine zwei Jahre dauern. Großbritannien werde sich den Zugang zum europäischen Binnenmarkt sichern und trotzdem die Zuwanderung begrenzen. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble bot ihm daraufhin Nachhilfestunden in EU-Recht an.

Johnsons Vorstoß war allerdings nicht nur inhaltlich fragwürdig, sondern vor allem ein direkter Angriff auf Mays Autorität. Denn die Premierministerin hat mehrfach wissen lassen, dass alleine sie die Richtung und den Zeitrahmen für die Brexit-Verhandlungen vorgeben wird. Versucht Johnson gerade erneut, das Thema Brexit zu instrumentalisieren, um daraus politisches Kapital zu schlagen? Will er nach Cameron nun auch May entmachten?

EU-skeptischer Brüssel-Korrespondent

Bei aller Unterstützung für den Brexit: Eigentlich hat Johnson enge Verbindungen nach Brüssel. In den siebziger Jahren hat er dort zwei Jahre seiner Kindheit verbracht. Sein Vater Stanley Johnson war ein führender Bürokrat in der Europäischen Kommission. 1989 kehrte Johnson als Korrespondent für den konservativen Daily Telegraph in die Stadt zurück. Dort machte er sich binnen kürzester Zeit wegen seiner extrem europaskeptischen Artikel einen Namen. Martin Fletcher, der einige Jahre später für die Londoner Times aus Brüssel berichtete, schreibt, Johnson habe die EU "unermüdlich attackiert, ins Lächerliche gezogen und schlecht gemacht". Johnson habe in seinen Geschichten oft maßlos übertrieben und damit in der öffentlichen Wahrnehmung in Großbritannien "eine Karikatur der Europäischen Union" geschaffen, gegen die er später als Leave-Aktivist zu Felde gezogen sei.

Schon vor seiner Brüssel-Zeit hatte es Johnson mit der Wahrheit nicht so genau genommen. Seinen ersten journalistischen Job bei der Times verlor er 1988, nachdem er in einer Geschichte über eine archäologische Ausgrabung ausgerechnet seinem eigenen Patenonkel, dem Historiker Colin Lucas, ein frei erfundenes Zitat zugeschrieben hatte. Lucas beschwerte sich, Johnson verlor seinen Job und wechselte zum Telegraph.

1995 tauchte dann ein Mitschnitt eines Telefongesprächs auf, das Johnson fünf Jahre zuvor mit seinem Schulfreund Darius Guppy geführt hatte. Guppy, der mit Johnson das Elite-Internat Eton und später die Universität Oxford besucht hat, bittet Johnson um die Adresse eines Journalisten, der ihn mit einem Artikel beleidigt habe. Er werde einen Schläger auf den Journalisten loslassen, der ihn aber nur leicht verletzen solle. Johnson ist während des Telefonats offenbar nur darum bemüht, dass er mit der Tat nicht in Verbindung gebracht werden kann. Der Übergriff fand nie statt, und Johnson beteuert bis heute, dass er die Adresse nicht weitergegeben habe. Guppy wurde drei Jahre später wegen Betruges zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt.

Gelangweilter Abgeordneter

2001 zog Johnson erstmals für die konservative Partei als Abgeordneter ins Unterhaus ein. Zu dem Zeitpunkt war er bereits eine Fernsehberühmtheit. Doch der neue Job langweilte ihn. Johnson tauchte nur zu jeder zweiten Abstimmung auf. Bei seinen Reden im Parlament wirkte er desinteressiert und erntete oft Schweigen. 

"Die meisten Menschen gehen nicht einfach nur aus Eitelkeit in die Politik, aber vielleicht hat er das gemacht", sagt der Journalist Quentin Letts in Sonia Purnells vernichtender Johnson-Biografie Just Boris. Neben seinem Job als Abgeordneter arbeitete Johnson weiter als Chefredakteur für das konservative Magazin The Spectator und schrieb weiter für mehrere Zeitungen. Er veröffentlichte mehrere Bücher, darunter seinen ersten Roman Seventy-Two Virgins, dessen Hauptdarsteller ein konservativer Abgeordneter im Unterhaus ist. Seine drögen Auftritte vor dem Parlament schadeten seiner politischen Karriere nicht: 2003 stieg Johnson erst zum Vizeparteichef der Torys auf, 2004 wurde er zusätzlich Schattenminister für Kunst.

Im November 2004 berichteten britische Boulevardmedien, dass Johnson eine Affäre mit der Journalistin Petronella Wyatt habe. Johnson wies den Vorwurf zurück. Als sich die Berichte als richtig herausstellten und Johnson sich weigerte, seiner Lüge wegen zurückzutreten, enthob ihn Parteichef Michael Howard beider Ämter.

Wyatt schrieb später über Johnson, dass er nur wenige Freunde habe. "Wie viele Einzelgänger hat er ein Bedürfnis, gemocht zu werden." Seine hochgesteckten Ambitionen seien eine direkte Folge davon. "Es gibt ein Element in Boris, das Premierminister werden möchte, da ihm die Liebe seiner Familie und seiner Tory-Wähler nicht genug ist. Er möchte, dass ihn die ganze Welt liebt."

Bürgermeister von London

2008 wurde Johnson Bürgermeister von London. Der Start im neuen Amt verlief nicht problemlos: Johnson tauchte zu Terminen oft zu spät auf und ließ die erforderliche Etikette vermissen. Als er bei der Schlussfeier der Olympischen Spiele in Peking im aufgeknöpften Schlabberjackett auftauchte, löste er einen diplomatischen Eklat aus. Während seiner ersten Monate als Bürgermeister entließ er mehrere Stellvertreter und Angestellte. Doch das Klima im Rathaus verbesserte sich. Viele seiner damaligen Angestellten erinnern sich an die Zeit gerne zurück.

Johnson gewann alleine schon deswegen die Sympathie vieler Londoner, weil er zur Arbeit radelte und die "europäischen" Gelenkbusse abschaffte, da diese von vielen als Gefahr für Fahrradfahrer angesehen wurden. Zudem führte er die Boris Bikes ein: Hässliche, aber praktische Dreigang-Mietfahrräder, die man sich an mehr als 10.000 Stationen stadtweit mieten kann. Die Idee dazu stammte zwar noch von seinem Vorgänger Ken Livingstone. Doch wie bei anderen Erfolgen – etwa den Olympischen Spielen von London 2012 – scheute sich Johnson nicht, die Lorbeeren für Verdienste mitzunehmen, die andere in die Wege geleitet haben. 

Misserfolge überging er dagegen einfach. Als der Labour-Politiker Sadiq Khan im Mai dieses Jahres den Posten des Bürgermeisters von Johnson übernahm, entdeckte er im Rathaus einen Bericht über Londons miserable Luftqualität, von der vor allem Menschen in ärmeren Stadtteilen betroffen sind. Er stammte aus dem Jahr 2013. Johnson hatte ihn in der Schublade verschwinden lassen.

"250.000 Pfund? Kleingeld"

Doch auch als Bürgermeister der britischen Hauptstadt war Johnson offenbar schnell gelangweilt. Detailfragen interessierten ihn nicht, er kümmerte sich um das Grobe. Für die Feinheiten mussten seine Mitarbeiter sorgen. Johnson trat weiter regelmäßig in Fernsehshows auf und schrieb weiter seine wöchentlichen Kolumnen für den Daily Telegraph, mit denen er 2005 begonnen hat – und für die er 250.000 Pfund im Jahr bekommt. Als er bei einem Interview mit der BBC darauf angesprochen wurde, bezeichnete Johnson die Summe als "Kleingeld". Der nächste Skandal: Es war 2009 und Großbritannien steckte in einer tiefen Rezession.

Schon vor dem Ende seiner zweiten Amtszeit als Bürgermeister sorgte Johnson dafür, dass er für die konservative Partei bei den Parlamentswahlen 2015 in einem sicheren Tory-Wahlkreis als Kandidat aufgestellt wurde. Er gewann und zog erneut als Abgeordneter ins Unterhaus ein. Sofort kam in den Medien die Frage auf: Plant Johnson, Cameron den Job als Tory-Chef und Premierminister streitig zu machen? Seine offenbar taktische Entscheidung, sich im Vorfeld des EU-Referendums dem Leave-Lager anzuschließen, spricht stark für diese Theorie.

Ist am Ende alles unecht?

Johnson-Biografin Sonia Purnell kommt in ihrer Einschätzung letztlich zu einem nicht besonders schmeichelhaften Urteil. In Just Boris beschreibt sie Johnsons gesamtes öffentliches Image als Ergebnis einer wohlkalkulierten Selbstinszenierung. Die abgewetzten Anzüge, die zerzausten Haare, seine clownhaften Auftritte: alles unecht. Selbst Boris sei eigentlich nur sein zweiter Vorname. Seine Freunde riefen ihn bei seinem ersten Vornamen, Alexander.

Johnson sei ein "manischer Selbstdarsteller", der seine Ansichten häufiger wechsle als seine Kleidung und dessen Verhalten noch schwieriger vorherzusagen als zu lesen sei, schreibt Purnell. Trotz seiner elitären Herkunft und seiner rechtskonservativen Ansichten habe er es jedoch geschafft, sich das Image des "Anti-Politikers" zu verleihen.

Hinter dieser Fassade steckt demnach ein getriebener Machtmensch, der schon länger Premierminister werden will. Als Purnell 1992 Boris Johnsons zukünftige Frau Marina auf einer Party in Brüssel gefragt habe, was sie von Johnson halte, habe Marina entgegnet: "Er ist einer der rücksichtslosesten und ehrgeizigsten Menschen, die ich je getroffen habe."