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Tunesien: Dann wenigstens ehrenhaft ertrinken

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Zeit Online - 2. Januar 2018

Youssef knetet seine Finger, zögert ein bisschen, bevor er antwortet. Natürlich habe er schon daran gedacht, wegzugehen. "Ich habe ja nicht viel zu verlieren", meint er. Ein Satz, der so oder ähnlich von vielen jungen Tunesiern fällt, wenn es ums Auswandern geht. Oft bedeutet das: mit dem Boot übers Mittelmeer in der Hoffnung, nach Lampedusa zu gelangen oder zumindest in europäischen Gewässern aufgegriffen zu werden, um dann in Italien oder Frankreich Arbeit zu finden.

Der 24-Jährige ist gelernter Elektrotechniker. In dem Beruf gearbeitet hat er nie. Letzten Sommer hat er auf Djerba, seiner Heimatinsel im Süden Tunesiens, als Kellner im Café ausgeholfen. "Ich konnte ein bisschen was zur Seite legen, um meine Familie zu unterstützen", erzählt er. Doch in der Nebensaison, als weniger Touristen kamen, war er seinen Job wieder los. Zwei seiner jüngeren Geschwister gehen noch zur Schule, die ältere Schwester ist Hausfrau und gerade Mutter geworden. Das Geld reicht gerade so, um über die Runden zu kommen. "Ich kann kein Haus bauen, nicht heiraten, keine Familie gründen." Auch das Geld für eine illegale Überfahrt müsste er sich mühsam zusammensparen. Außerdem, habe er gehört, dass die Europäer den Tunesiern nicht mehr trauen, nach den Anschlägen von Nizza und Berlin." Er könne das ja verstehen", sagt er, "aber die Attentäter sind doch erst im Ausland radikalisiert worden", schiebt er nach.

Sieben Jahre nach dem politischen Umbruch, der vor allem von jungen Leuten getragen wurde und mit großen Hoffnungen verbunden war, ist die Enttäuschung in Tunesien größer denn je. "Früher war es hier immerhin sicher und wir hatten unsere Ruhe", sagt Youssef schulterzuckend. Er steckte gerade in den Abiturvorbereitungen, als Ende 2010 die Aufstände gegen das Regime von Präsident Zine el Abidine Ben Ali losgingen. Politik war nie sein Ding, aber er hatte sich trotzdem anstecken lassen von der Aufbruchsstimmung im Land. "Dabei hat sich seitdem nichts geändert."

Männlich und zwischen 20 und 30 Jahre alt

Immer mehr junge Menschen kehren Tunesien den Rücken. So viele wie dieses Jahr waren es seit der Revolution nicht mehr. Die italienischen Behörden haben fast 8.000 Tunesier in diesem Jahr aufgegriffen. Die tunesische Marine und die Küstenwache haben außerdem mehr als dreihundert Boote gestoppt, mit denen Migranten nach Europa fahren wollten. Es waren fast ausschließlich Tunesier und nicht wie vermutet Migranten aus Subsahara-Afrika, die aus Libyen nach Tunesien geflohen waren, um von dort abzulegen. Die Bootsinsassen waren fast ausnahmslos männlich, zwei Drittel von ihnen zwischen zwanzig und dreißig Jahre alt, das belegen die Zahlen des Tunesischen Forums für wirtschaftliche und soziale Rechte (FTDES), das die Angaben der Behörden ausgewertet hat.

Valentin Bonnefoy, der beim FTDES für Migrationsfragen zuständig ist, sagt, die jungen Männer seien sich zwar der Risiken bewusst, aber sie denken, dass sie es trotzdem versuchen müssten. "Wenn sie schon in ihrem Heimatland keine Chance haben, dann wollen sie wenigstens ehrenhaft auf dem Meer sterben." Handyvideos von erfolgreichen Überfahrten, Heimkehrer mit dicken Autos oder Musikvideos wie Clandestino der tunesischen Rapper Master Sina und Balti, die das Leben der Illegalen in Europa glorifizieren, täten ihr Übriges, sagt Bonnefoy.

Dass die Überfahrten mit kleinen Holz- oder Schlauchbooten oft tödlich enden, wurde der tunesischen Öffentlichkeit schmerzlich ins Bewusstsein gerufen, als Anfang Oktober ein Boot mit Migranten von der tunesischen Marine gerammt wurde und sank. Offiziell hieß es, sie wollte das Boot stoppen. Mehr als vierzig Personen wurden tot geborgen, andere werden noch immer vermisst.

"Mein Bruder wollte auch weg. Nachdem das passiert ist, konnten wir ihn umstimmen", erzählt Anissa. In ihrer Stimme klingt Erleichterung. Die Mittdreißigerin aus Tataouine, einer Kleinstadt am Rande der tunesischen Wüste, arbeitet als Vertretungslehrerin. Auch ihr Bruder hat studiert. Vor drei Jahren hat er seinen Abschluss gemacht, seitdem ist er arbeitslos. Kein Einzelfall, sagt Bonnefoy, je nach Region finden oft 40 Prozent der Hochschulabgänger keine Arbeit. Parallel zur gestiegenen Zahl der Auswanderer hat das FTDES 2017 einen landesweiten Anstieg an Protestbewegungen verzeichnet. "Die Forderungen sind oft grundlegend: Arbeit, Infrastruktur, eine ordentliche Wasserversorgung." Die Antwort der Regierung darauf sei jedoch allzu oft eine rein sicherheitspolitische.

Auch in der Region von Tataouine war es im Frühjahr zu Auseinandersetzungen zwischen jungen Menschen und der Regierung gekommen. Zeitweise mehr als tausend Personen hatten in Kamour an einer Ölförderanlage ein Protestcamp aufgeschlagen und die Fördergeschwindigkeit der Pipeline gedrosselt. Sie forderten mehr Arbeitsplätze in der strukturschwachen Region und eine Abgabe aus den Einnahmen aus den Bodenschätzen für öffentliche Projekte im Bezirk Tataouine.

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