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Arabischer Frühling: Das neue Tunesien gehört den Alten

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Zeit Online - 17.12.2016

"Das war doch dumm. Ich habe ihnen einfach die Tür aufgemacht." Sofien Belhaj schüttelt lächelnd den Kopf, wenn er an seine Festnahme am 6. Januar 2011 zurückdenkt. Eigentlich hatte er sich schon auf diesen Moment vorbereitet und geplant, wie er flüchten könne, sollten eines Tages die Sicherheitskräfte von Ben Ali vor der Tür stehen. "Sie kamen um fünf Uhr morgens. Eine innere Stimme sagte mir in dem Moment, ich sollte mich stellen." Belhaj öffnet die Tür. Die Polizei beschlagnahmt seinen Rechner und nimmt den damals 28-Jährigen mit ins Innenministerium. Unter dem Pseudonym Hamadi Kaloutcha hatte Belhaj auf Facebook zensierte Artikel und Wikileaks-Dokumente geteilt, um sie einer möglichst breiten Öffentlichkeit in Tunesien zugänglich zu machen, wo das Internet strengstens überwacht wurde. "Dass ich erfolgreich war, habe ich erst durch meine Verhaftung erfahren."

Vier Tage saß er damals in dem grauen Betonklotz an der Avenue Bourguiba mitten in der Innenstadt von Tunis fest. Die Polizei wollte von ihm erfahren, wer die Cyberdissidenten sind, die im Internet Stimmung gegen die Regierung machen. Sie blieben erfolglos und ließen den jungen Mann, der neben dem tunesischen auch einen belgischen Pass hat, wieder frei.

Wenige Tage später, am 14. Januar, demonstrierte Belhaj vor dem Ministerium zusammen mit Zehntausenden gegen das Regime des damaligen Machthabers Zine El Abidine Ben Ali. Der flieht nach Saudi-Arabien und in Tunesien beginnt, was später als arabischer Frühling bezeichnet werden wird. "Dass wir heute hier sitzen können und in aller Öffentlichkeit ein Interview führen, nur wenige Meter vom Ministerium entfernt, das ist revolutionär", sagt er. "Arbeit, Freiheit, Würde" lautete der Slogan der Proteste in Tunesien damals. Während die Meinungsfreiheit eine der unumstrittenen Errungenschaften des politischen Umbruchs ist, geht es in anderen Bereichen bis heute nur langsam voran.

"Wir waren völlig euphorisiert"

Der Gebäudekomplex, wo Belhaj einsaß, ist auch heute noch streng bewacht, die Straßen rundherum sind abgeriegelt. Doch Angst haben die tunesischen Sicherheitskräfte inzwischen vor allem vor Terroranschlägen. Die Zeiten der regelmäßigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten sind Geschichte. Heute gehen die Bewohner der Hauptstadt auf ihrer Hauptstraße vor allem wieder spazieren, Kaffee trinken und einkaufen - wenn sie es sich denn leisten können, denn die hohe Arbeitslosigkeit und Inflation setzen der Bevölkerung auch sechs Jahre nach dem Regimewechsel noch zu.

Ihre Eltern haben ihr damals verbieten wollen, auf die große Demonstration am 14. Januar zu gehen, erzählt Zeineb Turki. Sie gehört zum Vorstand der liberalen Partei Afek Tounes. "Aber wir waren völlig euphorisiert und sind natürlich trotzdem gegangen." Vor der Selbstverbrennung des Gemüsehändlers Mohamed Bouazizi, die im Dezember 2010 den Aufstand in Tunesien ausgelöst hatte, interessierte sich die Medizinerin kaum für Politik. Sie machte gerade ihr praktisches Jahr im Krankenhaus. "Und dann wurden auf einmal Menschen mit Schussverletzungen eingeliefert. Das hatten wir noch nie erlebt." Als immer mehr Zivilisten bei Protesten verletzt oder erschossen wurden, gewannen die Demonstranten schnell an Zulauf und die Aufstände gegen das korrupte System Ben Alis erreichten die Großstädte.

In West-Kram, einem ärmlichen Vorort der Hauptstadt, ging damals auch Walid Kassraoui auf die Straße. "Gegen sechs Uhr abends, noch vor Beginn der Ausgangssperre, haben sie im ganzen Viertel den Strom abgestellt." Der junge Mann im schwarzen Trainingsanzug zeigt um sich, geht ein paar Schritte die staubige Straße zwischen Einfamilienhäusern entlang. Man muss genau hinschauen, um zu sehen, dass er ein bisschen humpelt. Irgendwo hier, in einer der Seitenstraße, hatte er sich damals mit seinen Nachbarn vor der Polizei versteckt. "Es war stockduster, wir haben nichts gesehen. Auf einmal sind Schüsse gefallen." Er habe gar nicht gemerkt, dass er getroffen wurde, und wollte weglaufen. "Aber da war kein Bein mehr."

"Ich dachte, ich hätte Halluzinationen"

Ein Splittergeschoss zerfetzte Kassraoui den rechten Unterschenkel. Es war der 13. Januar. Vier Tage später wachte Walid im Militärkrankenhaus von Tunis aus dem Koma auf, der Unterschenkel war ihm amputiert worden. Von der letzten Rede des Präsidenten und dessen Flucht nach Saudi-Arabien weiß er nichts. Als ihm die behandelnden Ärzte davon berichten, glaubt er an einen Scherz. "Ich dachte, ich hätte durch die vielen Medikamente Halluzinationen bekommen. Richtig verstanden, was passiert ist, habe ich erst einen Monat später."

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