Sandra Weiss

Latin America Correspondent Multimedia

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Kinderhandel im Fussball

AA Die kurze Hose reicht bis zum Knöchel, und das T-Shirt schlabbert viel zu weit um die kurzen Ärmchen. Dennoch ist es beachtlich, welche Pirouetten Claudio Nancufil mit einem Ball auf dem Rasen hinlegt - gegen meist deutlich grössere Gegner. Viereinhalb Minuten dauert das Video, das sein Agent im November 2013 auf Youtube hochlud. Für seine acht Jahre ist der Mapuche-Indigena aus Bariloche in Argentinien eigentlich viel zu klein, aber dafür gibt es ja prominente Vorbilder, und aus Nancufil wurde flugs der Mapuche-Messi. Der Trick zog: Das Video brachte es innerhalb kürzester Zeit auf 100 000 Besucher. Darunter war auch Lolo Otero, ein spanischer Fussball-Agent, der sich die Rechte an dem Knaben sicherte. Nun ist Nancufil mit seiner Mutter und seinem Grossvater in Madrid und spielt bei Real und Atlético vor. Für den Achtjährigen beginnt ein harter Trainingsalltag, und für alternative Berufswünsche wie Astronaut oder Feuerwehrmann wird kein Raum mehr sein. Wenn einer der Vereine ihn für seine Jugendmannschaft verpflichtet, hat Otero innerhalb weniger Wochen seinen Einsatz multipliziert.

Das ist das Geschäft hinter dem Traum vom Fussballstar. Ein professionelles Video, ein guter Haarschnitt, ein paar Lobeshymnen in der Presse - schnell lässt sich aus einem begabten Hobbykicker ein angehender Star basteln. Und daran verdienen. So zumindest hat das der chilenische Journalist Juan Pablo Meneses recherchiert. "Lionel Messi ist das Vorbild. Seinetwegen ist das Geschäft mit den Fussballkindern so explodiert", sagt Meneses. Pelé war 16, als er in der brasilianischen Nationalelf debütierte, Maradona 22, als Barcelona ihn kaufte. Bryce Brites kann weder lesen noch schreiben und wurde unlängst vom belgischen Klub Racing Genk als neue Hoffnung vorgestellt - das Kind ist 20 Monate alt.

"Die Seifenoper der Männer"

Die meisten dieser Messis in spe scheitern. "Aber Fussball ist so etwas wie die Seifenoper der Männer: Nur das glückliche Ende zählt", sagt Meneses. Der Chilene hat seine Recherchen in einem Buch veröffentlicht: "Niños futbolistas" ("Fussballkinder", Blackiebooks, 2013). Das Buch hat einigen Staub aufgewirbelt. Eine deutsche Übersetzung gibt es allerdings noch nicht.

Meneses ist kein Sportjournalist. In seinem ersten Buch kaufte er ein Kalb und erzählte dessen Geschichte bis zum Steak. Vom Rind zum Kind - ein gewagter Schritt? Der joviale Autor lacht: "Beim ersten Buch drohten meine Freunde, mich zu lynchen, wenn ich das Kalb aufesse. Beim zweiten wollten alle mit einsteigen ins Geschäft." Doch er gibt auch zu bedenken: "Würden wir einen Achtjährigen zum Pfirsichpflücken nach Europa holen, wäre das Kinderarbeit. Im Fussball hingegen wird das gefeiert. Wie von Zauberhand verwandelt der Fussball alles in Unterhaltung." Auch das Geschäft mit Kinderträumen, an dem vor allem die Erwachsenen verdienen.

Meneses erzählt deshalb auch die Geschichte der Verlierer. Wie die von Aimar Centeno. Er gewann 2002 in Buenos Aires die erste Fussball-Casting-Show, gesponsert von Real Madrid. In seinem Heimatdorf wurde der 16-jährige Arbeitersohn gefeiert wie ein Star. Er wollte seine Familie aus ihren wirtschaftlichen Nöten befreien. Centeno zog sich beim Vorspielen in Madrid vor laufenden Kameras einen Muskelfaserriss zu. Heute verkauft der junge Mann Erfrischungsgetränke in seinem Dorf. Andere Kinder, deren Lebensweg Meneses verfolgte, endeten als Gärtner, Bettler oder Prostituierte. Diese Kinder, die an einem Lebenstraum scheiterten, sollten besser geschützt werden, sagt Meneses.

"Sie sind billige Massenware", sagt er, "das Geschäft mit ihnen ist eine Lotterie, und die Nieten werden einfach weggeworfen." Die Route des modernen Sklavenhandels ist immer die gleiche: aus den Armenvierteln der Dritten Welt in die Klubs Europas. Lateinamerika ist die begehrteste Talentschmiede, und Strategien gibt es viele: Casting-Shows, Agenten, Fussballschulen oder Turniere. Der FC Barcelona, der kürzlich für verbotene Transfers von Jugendlichen hart bestraft wurde, ist laut Meneses die perfekteste Rekrutiermaschine. Man kann es als Zynismus werten, dass ausgerechnet Barcelona Partner des Uno-Kinderhilfswerks Unicef ist und jährlich 1,5 Millionen Euro für dessen Projekte spendet.

Zwielichtige Agenten

Gesetze gibt es, doch sie greifen nicht, und auch die Fifa, die Verträge mit Minderjährigen verboten hat, spielt laut Meneses eine zwielichtige Rolle. Die Fifa wisse, dass Klubs Kinder anlocken, indem sie den Eltern lukrative Arbeitsverträge in Europa anbieten. Und ihre Agenten sind Teil des Geschäfts. "Schnell kaufen, schnell verkaufen und werde bloss nicht sentimental", rät einer dem Autor bei einem opulenten Essen und klagt über die Konkurrenz: "Mir wurde einer mit einer Nintendo-Konsole abspenstig gemacht und ein anderer mit einem Auto."

Für seine Recherchen schlüpfte Meneses selbst in die Rolle des Spieleragenten. Monatelang suchte er nach Talenten und beherzigte dabei Tipps, die ihm Trainer wie Guillermo Coppola gaben, der Entdecker von Maradona: "Schnell muss er sein. Und achte darauf, dass er forsch auf Mädchen zugeht, denn das ist das Holz, aus dem die Gewinner sind." In Chile findet Meneses seinen Hoffnungsträger. Milo ist elf, stammt aus einem Armenviertel von Valparaíso und spielt um sein Leben, als der Autor den Grossvater anspricht. "Ich erwartete eine Ohrfeige, als ich nach dem Preis für seinen Enkel fragte", erzählt Meneses. Doch der Alte sagt: "250 Dollar."

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