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Wann ist Dortmund endlich bombenfrei?

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Jedes Jahr holt der Kampfmittelbeseitigungsdienst in Dortmund zahlreiche Blindgänger aus der Erde. 2017 waren es 29 Bomben über 15 Kilogramm. So geht das seit dem Zweiten Weltkrieg. Experten sagen, dass noch kein Ende in Sicht ist. 

Dortmund hat der Bombenregen im Zweiten Weltkrieg besonders hart getroffen. Laut Hans Bekemeier von der Bezirksregierung Arnsberg, der für den Kampfmittelbeseitigungsdienst Westfalen-Lippe zuständig ist, ist Dortmund die am schwersten bombardierte Stadt im Ruhrgebiet. Wie viele Bomben genau auf Dortmund gefallen sind, weiß keiner. Aber die Zahlen für Nordrhein-Westfalen geben eine Vorstellung von dem Ausmaß. Über NRW wurden im Zweiten Weltkrieg rund 650.000 Tonnen Bomben abgeworfen.


Tonnenweise Blindgänger unter der Erde 

Die meisten Bomben sind explodiert. Jedoch gehen offizielle Schätzungen von drei bis 15 Prozent Blindgängern aus. Das sind rund 20.000 bis 100.000 Tonnen. Die nicht detonierten Bomben sind potenziell gefährlich und jede einzelne muss bei ihrer Entdeckung vom Kampfmittelbeseitigungsdienst der Bezirksregierung entschärft und aus dem Boden geholt werden. In Dortmund waren es 2017 29 Bomben über 15 Kilogramm.


Laut Bekemeier hat die Zahl der jährlichen Bombenfunde in den vergangenen Jahren nicht merklich zu- oder abgenommen. Die Bombenfunde werden seit 1966 dokumentiert. Man weiß, dass seitdem 5.000 bis 6.000 Tonnen Blindgänger in NRW geborgen wurden - also nur ein Bruchteil aller Blindgänger in der Erde.


Mehrere Jahrzehnte Arbeit liegen bevor 

Es bleibt also noch viel zu tun. Bekemeier nennt die Bombensuche eine Geschichte mit Open End. Das Ministerium geht in offiziellen Schätzungen von mehreren Jahrzehnten Arbeit aus.


Aber wie finden die Bombenentschärfer die Blindgänger? Der Kampfmittelbeseitigungsdienst hat 130.000 Luftbilder der Alliierten von Großbritannien gepachtet. 10.000 bis 12.000 der Luftbilder zeigen die Fläche von Dortmund. Mit ihnen kann der Dienst den Kriegsverlauf nachvollziehen. Auch Blindgänger sind darauf erkennbar - als kleine schwarze Einschlaglöcher.


Der Kampfmittelbeseitigungsdienst weiß demnach, wo in Dortmund noch Blindgänger liegen könnten. Er zieht aber nicht einfach los, sucht nach den Bomben und holt sie aus der Erde.


Bombe und Bagger bedeuten Gefahr 

Die größte Gefahr geht von Blindgängern laut Bekemeier dann aus, wenn sie in Bewegung gesetzt werden. Solange sie ruhig unter der Erde liegen, ist alles gut. Wenn Bagger anrücken, könnte es gefährlich werden. Wer also in NRW ein Haus oder eine Straße bauen möchte, kommt an einem Antrag auf Luftbildauswertung beim Kampfmittelbeseitigungsdienst nicht vorbei. Dieser sieht sich dann die Luftbilder für das entsprechende Gebiet an. Für ein Grundstück im Innenstadtbereich von Dortmund können das bis zu 350 Luftbilder sein. Im übrigen Dortmund sind es im Durchschnitt 200.


Anhand der Aufnahmen entscheidet der Dienst, ob auf dem Grundstück möglicherweise ein Blindgänger liegen könnte oder nicht. Pro Antrag etwa 200 Bilder durchzuschauen, das dauert. Warum sucht die Bezirksregierung also nicht erst auf den Bildern alle Fliegerbomben in Dortmund und gräbt sie dann nach und nach aus?


Die Antwort von Bekemeier ist einfach: "So sieht es das Verfahren nicht vor." Das hat mehrere Gründe. Unter anderem ist der Dienst schon mit der Prüfung der Anträge überlastet. Durch den Bauboom steigen die Flächen, die überprüft werden müssen. Für zusätzliche Flächen-Auswertungen hat der Dienst keine Zeit.


Ein Beispiel von Bekemeier veranschaulicht, wie zeitaufwendig es wäre, ganze Gebiete zu untersuchen. "Wenn wir ein Areal wie die Westfalenhütte komplett absuchen würden, würde das fünf Jahre dauern", sagt er.


Deswegen sucht der Dienst große Gebiete wie den Rombergpark nicht ab. Hier ist den Bombenentschärfern bekannt, dass sich dort noch zahlreiche Blindgänger und Granaten unter der Erde verbergen. Ein Warnschild, dass Besucher die Wege nicht verlassen sollen, muss reichen. "Die konkrete Gefahr für die Öffentlichkeit ist woanders höher", sagt Bekemeier. "Da müssen wir Prioritäten setzen."


Zwei Bomben an einem Tag bedeuten Chaos 

Nicht nur der Kampfmittelbeseitigungsdienst, sondern auch die Firmen, die beim Aufspüren der Bomben helfen, sind laut Bekemeier vollkommen ausgelastet. In bestimmten Fällen würde es sogar zum Chaos kommen - zum Beispiel wenn man in Dortmund durch Zufall an einem Tag zwei Bomben finden würde, die noch einen Zünder haben und somit potenziell gefährlich sind.


Manchmal findet der Kampfmittelbeseitigungsdienst Bomben außerdem an unvermuteten Stellen, tiefer in der Erde als erwartet oder die vermuteten Bomben sind gar nicht da. Zwischen der Aufnahme der Luftbilder und heute hat sich einiges geändert.

"Ein großes Problem für uns ist das Bodenmanagement", erklärt Karl-Friedrich Schröder, technischer Einsatzleiter vom Kampfmittelbeseitigungsdienst. Wenn Böden an einer Stelle absinken, werden woanders große Mengen Erde abgetragen und dorthin verfrachtet. Dann wandern manchmal auch Blindgänger unentdeckt mit. "Das passiert gar nicht so selten, dass eine Bombe in der Baggerschaufel mitfährt", sagt Schröder.


Andere Bomben werden unter meterhohen Erdschichten - beispielsweise bei Aufschüttungen - vergraben, wodurch sie später schwerer mit den Detektoren aufzuspüren sind. Manchmal findet der Kampfmittelbeseitigungsdienst auch gar keine Bombe mehr an der Stelle, an der laut den Luftbildern eine liegen müsste. Dann ist sie vermutlich vor 1965 entfernt worden. Bis dahin wurden die Entschärfungen nicht dokumentiert.


Schlimmer als die Nadel im Heuhaufen 

Die Suche nach einem Blindgänger im Erdreich ähnelt der Suche nach der sprichwörtlichen Nadel im Heuhaufen. Nur dass der Kampfmittelbeseitigungsdienst nicht weiß, nach wie vielen Blindgängern er suchen soll. Also schreiben die Bauherren vermutlich noch einige Jahrzehnte Anträge auf Luftbildauswertung.

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