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Kracher der Woche: Influencer ist keine Grippe!

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Ja, was ist oder sind eigentlich Influencer? Diese Frage kam mehrfach in den Facebook-Kommentaren zu unserem Artikel über die Social-Media-Influencer-Messe Stylorama auf. Mal abgesehen davon, dass wir das erklärungsbedürftige Fremdwort im Text erläutert haben: Ich würde behaupten, jeder 13-jährige Jugendliche kennt das Wort. Dann sollten wir uns nicht davor verschließen!

Für viele Erwachsene scheinen die Influencer wirklich bösartige Viren zu sein, die die Jugend von heute befallen, sie in ihren Bann ziehen und sie stundenlang vor ihre Smartphones fesseln. Die schlimmste Nachricht kam am Montag (11. September): Die Viren sind ausgebrochen aus der Onlinewelt und starten im November eine Invasion in die Dortmunder Westfalenhallen. Rette sich, wer kann! Die Krankenwagen kommen in Haufen! (nach der Prognose des Facebook-Nutzers Lucas Daniel Fries)

Kurt Cobain versus Sophia Thiel

Noch hat mich das Virus nicht befallen. Ich gehöre gerade so nicht mehr zur Zielgruppe von Lisa & Lena und Co. Ich schalte noch den Fernseher an, statt auf Youtube zu surfen. Aber immerhin kenne ich Youtube, Snapchat und Instagram, die Herrschaftsgebiete der Influencer. Und ungefähr von der Hälfte der Stylorama-Stars habe ich zumindest schon einmal gehört.

Aber ich erwarte nicht einmal, dass alle Erwachsenen die Influencer kennen. Wenn sie nicht interessiert, wer die Vorbilder der jungen Generation sind, ist das ihre Sache. Doch sie sollen nicht gleich bei jedem und allem, was nach Social Media klingt, schreien: Schlimm, Verderb der Jugend, Verfall der Sitten!

Bei Verderb der Jugend und Sittenverfall fallen mir eher Jimi Hendrix, Sid Vicious und Kurt Cobain ein. Sie brachten der Jugend bei, wie sexy ein möglichst heruntergekommenes Outfit und Drogenkonsum sind. Oder Twiggy, die Mädchen in den 60er Jahren in den Magerwahn trieb.

Die heutigen Influencer zeigen der Jugend, wie sie sich gesund ernähren und einen sportlichen Körper bekommen. Keine Spur von Magerwahn und Drogen. Stattdessen gibt Sophia Thiel Tipps zum gesunden Zunehmen und mehr Motivation. Wer den Hintergrund von Sophia Thiel kennt, nimmt ihre Videos vielleicht anders wahr. Sie war als Jugendliche übergewichtig und wurde gemobbt. Dann wurde sie mit viel Ehrgeiz zur Bodybuilderin und zum Social-Media-Star.

Die guten neuen Influencer

Gesundheit und Motivation? Alles sinnloses Gelaber? Oder wie es Facebook-Nutzerin Dagmar Kuhn in ihrem Kommentar schreibt: "(...) da leisten diese Teenies so mal gar nichts als vor der Kamera rumzureden und faxen zu machen und die Jugend fährt darauf ab." Ich kenne aus meiner Kindheit auch zwei Menschen, die vor der Kamera gequatscht und Scherze gemacht haben: Shary und Ralph von Wissen macht Ah! Die beiden waren für mich früher auch so eine Art Vorbilder, weil sie so unterhaltsam waren. Aber das öffentlich-rechtliche Fernsehen versteht wohl seit Jahren nicht, dass Herumreden und Scherze machen keine anständigen Dinge sind, die man der Jugend vorführen sollte.

Aber Zeitschriften waren doch etwas Tolles! So richtig schön vollgepackt mit Fotos, Sprechblasen und knalliger Schrift. Das waren noch Zeiten, als die Mädchen jede Woche mindestens zwei Euro für ein neues Blatt ausgegeben haben, in dem doch wieder das Gleiche stand wie in den Exemplaren davor. Und heute? Da setzen sich die Mädchen vor ihr Smartphone und schauen kostenlose Youtube-Videos von TheBeauty2go. Und dann wollen sie auch noch gesunde Snacks in die Schule mitnehmen, die TheBeauty2go ihnen im Video vorstellt. Oder aufräumen, weil sie gerade die Tipps dafür bekommen haben. Geht gar nicht!

Sind die Viren doch nicht bösartig?

Und vor allem: Was ist mit den wirklich wichtigen Themen? Zum Beispiel Ausbildung, worauf Facebook-Nutzerin Kuhn ebenfalls hinweist: "Es sollte lieber Videos geben, in den Azubis tips geben,wie sie eine Ausbildung bekommen haben, was man alles dafür machen muss und das es sich lohnt." Die gibt es auch! Mrs Bella zum Beispiel blickt in einem Video auf ihre Ausbildung zurück.

Natürlich finden sich auf der Seite von Mrs Bella und TheBeauty2go auch weniger lebenswichtige Stücke wie Make-up-Tutorials. Ich bin die Letzte, die damit irgendetwas anfangen kann. Aber für viele Mädchen ist das ein wichtiges Thema ihres Alltags. Sie wollen die Tipps. Und Idole, an denen sie sich orientieren können. Das können magersüchtige und drogenabhängige Superstars sein. Oder die ehemals Übergewichtige, die heute Fitness-Tipps gibt.

Was man da besser findet, soll jedem selbst überlassen sein. Aber zumindest sollten wir uns darüber Gedanken machen: Wir können die Vorbilder der Jugend ablehnen. Damit werden wir uns jedoch weder den Influencern noch der jungen Generation annähern. Wir können aber auch auf die Influencer zugehen und sie fragen, ob sie sich mit Martin Schulz oder Angela Merkel über Politik unterhalten möchten. Das kann funktionieren. Und wer weiß, was noch? Vielleicht sind die Viren doch nicht bösartig?

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