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Feature

Gesichter einer zerrissenen Stadt

Hebron ist nicht unbedingt ein schöner Ort, es ist ein verstörender. Und doch hat die größte Stadt des Westjordanlands ihre Reize: eine besondere Wärme und Gastfreundschaft. Ein junger Mann will das der Welt nun zeigen.


Ghassan Jabari sitzt gerade im Auto, ein paar Stunden von Hebron entfernt, als sein Handy klingelt. Es ist Freitag und Anrufe am Freitag, das weiß er, haben oft einen bitteren Beigeschmack. Ein Blick aufs Display – seine Tante. Ein paar Augenblicke später hat er Gewissheit: Sein Cousin, Mahmoud Zain, 24, lebt nicht mehr. Getötet von israelischen Soldaten, bei einer der wöchentlichen Demonstrationen. Eine Kugel in den Hals, eine ins Herz. Jabari nimmt es fast stoisch hin. Er ist in der Hebroner Altstadt aufgewachsen, tote junge Männer aus seinem Viertel sind etwas fast Alltägliches. „Für mich sind das Freiheitskämpfer“, sagt er nur. „Sicher, sie werfen mit Steinen, aber die Soldaten schießen mit scharfer Munition zurück. Sie hätten meinem Cousin auch ins Bein schießen können, aber sie haben auf sein Herz gezielt.“


Leben in einer zweigeteilten Stadt


Hebron, 200.000 Einwohner, 30 Kilometer südlich von Jerusalem, ist eine der ältesten durchgehend bewohnten Städte der Welt – und eine der explosivsten. Auch mehr als 50 Jahre nach dem Sechstagekrieg zwischen Israel und den arabischen Staaten Ägypten, Jordanien und Syrien ist Hebron einer der Brennpunkte des Nahostkonflikts: Die Stadt gilt als Hochburg palästinensischer Widerstandskämpfer, die sich auch heute noch mit allen Mitteln gegen die „Besatzer“ wehren. Gleichzeitig haben hier einige der radikalsten jüdischen Ultranationalisten ein Zuhause gefunden, die das Recht auf „ihr“ gelobtes Land um jeden Preis geltend machen wollen. Auf engstem Raum leben sie nebeneinander: Hebron ist seit einem Abkommen, dem Hebron Protokoll von 1997, in zwei Teile geteilt. Der größere (Zone H1) befindet sich unter palästinensischer Kontrolle, der kleinere, östliche Teil (Zone H2) mit dem alten Stadtzentrum unter israelischer.

Etwa 850 jüdische Siedler leben dort, bewacht von 650 israelischen Soldaten. Für die 30.000 Palästinenser, die im israelisch kontrollierten Osten geblieben ist, gilt israelisches Militärrecht, für die Siedler israelisches Zivil- und Strafrecht – sie gehören offiziell zur unmittelbar östlich angrenzenden Siedlung Kirjat Arba, wo an die 7500 Israelis leben. Für die Palästinenser in diesem Teil der Stadt werden immer wieder Ausgangssperren verhängt, regelmäßig gibt es Kontrollen durch Armeepatrouillen. Die Ost- und die Westzone trennen Checkpoints, genauso wie Areale innerhalb des Ostteils – vor allem morgens, wenn sich die Arbeiter und Kinder auf den Weg in die Betriebe und in die Schulen machen, sind die Warteschlangen hier lang. 

Provokationen und gewalttätige Auseinandersetzungen gehören zum Alltag: Steinwürfe und Messerattacken an den innerstädtischen Checkpoints, Schmierereien an Moscheen, Unrat, der über arabischen Händlern ausgegossen wird – verängstigte, oft kaum 20-jährige Wehrpflichtige sollen die Situation unter Kontrolle halten. Dazu kommen Menschenrechtsverletzungen durch die israelische Besatzungsmacht, die von den zahlreichen NGOs in der Stadt dokumentiert werden. Kein Wunder, dass sich die Gewaltspirale ständig dreht, mal etwas langsamer, mal etwas schneller.


Herberge mit Botschaft


Wahrheiten gibt es viele in Hebron. Nur eine teilen wohl alle: Eine Lösung ist nicht in Sicht, denn niemand hier will „sein Land“ aufgeben. Auch Jabari kämpft für seine Heimat, für Palästina, aber er hat einen anderen Weg gefunden als die jungen Männer, mit denen er groß geworden ist – einen gewaltlosen. Er ist einer der wenigen, die es hinaus geschafft haben. Zwei Jahre hat der 24-Jährige in Europa studiert, in Dänemark und Schweden, Sport, doch etwas hat ihn zurückgezogen, ein Traum, von dem er nicht mehr losgekommen ist: Er wollte das Leben zurück nach Hebron bringen, nicht noch mehr Tod. Seit mehr als zwei Jahren tut er das nun. Jabari hat eine der oberen Etagen eines nahezu verwaisten Shoppingzentrums direkt an der Zonengrenze, am Eingang zur Altstadt ausgebaut, zum H2 Hostel Hebron. Drei Zimmer, 24 Schlafplätze – einfach, aber sauber. Wenn es die Finanzen zulassen, sollen es mehr werden.

Welcome“ steht an der Eingangstür. „Welcome“, ein Wort, das einen als Tourist begleitet, wohin man im Westjordanland auch kommt. Es ist auch diese Gastfreundschaft, die Jabari wieder für mehr Menschen aus aller Welt erfahrbar machen will. Wer das Hostel betritt, wird ins Beduinenwohnzimmer eingeladen, auch Gäste, die nicht eingemietet sind. Bald hält man eine dampfende Tasse in der Hand, in der Minzblätter schwimmen, und hört Jabari zu. Er erzählt, welch pulsierende, lebendige Stadt Hebron einst war. Heute verirren sich nur noch wenige Besucher hierher. Warnungen kommen nicht nur von westlicher Seite, auch viele Palästinenser sind überzeugt: Hebron ist ein gefährlicher Ort – fahrt lieber nach Ramallah, die Party-Stadt des Westjordanlandes. Oder nach Bethlehem und Jericho, das sind echte Touristenmagneten. Oft komme tagelang kein Gast. „Leicht ist es nicht“, sagt Jabari, aber es gehe ihm nicht ums Geld, sondern darum, die Botschaft zu verbreiten, die der Ungerechtigkeit der Besatzung, die, was Hass und Gegenhass anrichten – und eben auch die, mit welcher Herzlichkeit man hier trotz allem aufgenommen wird.


Langsame Wiederbelebung einer Geisterstadt


Fast 2000 Läden gaben die alteingesessenen Händler und Handwerker im Stadtzentrum im Zuge der israelischen Siedlungspolitik auf, einen Großteil wegen ausbleibender Kunden, mindestens 440 wurden auf Befehl der Armee geschlossen. Das zeigt ein Bericht der beiden israelischen Menschenrechtsorganisationen ACRI und B’Tselem. „Wir leben seit 5.000 Jahren hier, aber wir haben weniger Rechte als Besucher aus dem Ausland“, meint einer der Händler, der jeden Tag langwierig Checkpoints passieren muss, um von seiner Wohnung zu seinem Geschäft und zurück zu kommen.

Zum einst vor Leben überbordenden Markt, der Shuhada Street, haben Palästinenser seit gut zwanzig Jahren überhaupt keinen Zutritt mehr. Das Zentrum gleicht einer Geisterstadt. Heute wehen dort alle paar Meter israelische Flaggen von den verfallenden Häusern. Die grünen Tore vor den verwaisten Geschäften bleichen von Jahr zu Jahr mehr aus. Ab und an tritt eine Horde Kinder einen Ball dagegen. Immer wieder patrouillieren Soldaten. Über allem liegt eine sandige Patina. Das Leben hat sich in die Neustadt verlagert.

Nur langsam ziehen Handwerksbetriebe wieder in die Altstadt – Glasbläser, Töpfer, Weber. Mit Förderungen aus dem Ausland, besonders aus Deutschland, sollen den Menschen Perspektiven geboten werden. Das hilft bei der Wiederbelebung von Traditionen. Seit ein paar Jahren gibt es etwa wieder eine Kufiya-Fabrik in Hebron, wo das traditionelle „Palästinensertuch“ hergestellt wird.

Für manche der Geschäfte, die noch in Betrieb sind, bieten vermögende Juden aus den USA, Australien oder Israel immer wieder viel Geld, angeblich mehrere Millionen Dollar, obwohl die Häuser bescheiden, ja baufällig sind. Aber sie liegen mitten in Hebron mit Blick auf die Machpela, die zweitheiligste Stätte im Judentum nach dem Tempelberg in Jerusalem. Dort sind der Überlieferung nach die Erzväter mit ihren Frauen begraben: Abraham, Sara, Isaak, Rebekka, Jakob und Lea. Den arabischen Palästinensern ist diese Stätte als Ibrahimi-Moschee genauso heilig, immer wieder flammen darüber Konflikte auf.

Über die Jahrhunderte hatten sich hier jüdische, muslimische und christliche Pilger abgewechselt. Ein erster Tempel stand hier bereits in der Zeit des Herodes, eine erste Kirche im 4. Jahrhundert, eine erste Moschee im 7. Die St.-Abrahams-Kathedrale aus der Kreuzfahrerzeit wurde nach wenigen Jahrzehnten erobert und daraufhin 700 Jahre lang als Moschee genutzt. Seit dem Sechstagekrieg ist das Heiligtum beides: Moschee und Synagoge, aufgeteilt im Verhältnis 40 : 60. Auf der jüdischen Seite: viel Grün, israelische Flaggen, amerikanische Juden, die in klimatisierten Bussen angefahren kommen, um eines ihrer größten Heiligtümer zu besuchen. Hinter einer Eisentür hört man ein Raunen, das Gebet der Muslime. Sie werden heute durch drei Checkpoints geschleust, bevor sie in ihrer Moschee beten können, durch dunkle Gänge, Gitterkonstruktionen. „Wie Vieh“, meint einer der Gläubigen. „Und wozu? Glauben sie, dass wir einander töten?“

Jabari hat diese Schleusen schon länger nicht mehr betreten. „Die einzige Religion, die ich kenne, ist die Mitmenschlichkeit. Die Beziehung zu Gott sollte etwas sein, das nur Gott und einen selbst etwas angeht.“ Eine Sichtweise, die er so auch in Europa kennengelernt hat. Irgendwann, sagt er, will er wieder dort hin, eine Bar aufmachen, aber erst, wenn die Arbeit hier getan ist – und Frieden herrscht. Und das wird dauern.


Eine gekürzte Version dieses Artikels ist im Südwind-Extrablatt, Dezember 2018, erschienen.