7 subscriptions and 12 subscribers
Feature

Wenn der Winterblues schmilzt

Nach den langen grauen Wintermonaten blühen die Kopenhagener auf, drängen ans Licht, in ihren vielen Parks, an die Kanäle und Strände. Die Hotels sind voll, Straßen und Plätze auch. Auf den extrabreiten Radwegen stauen sich Lastenräder, Retrobikes, Renngeschosse, Designervelos, Liegeräder und ausgefallene Eigenkreationen auf zwei Rädern. Wer stehenbleibt, wird schon mal weggeklingelt oder angebrüllt. Kopenhagen ist die Fahrradstadt. Bis 2025 will Dänemarks Metropole erste CO2 neutrale Hauptstadt der Welt sein.

„Jetzt im Sommer leben wir draußen. Da sind wir ganz andere Menschen,“ erzählt Kris auf einer Kajaktour durch die Kanäle Kopenhagens. „Wir Dänen“, meint der Trainer und Tourguide, „haben eine Winter- und eine Sommerpersönlichkeit. Im Winter schließen wir uns ein, sind zuhause und schieben høge.“ Das ist der Blues der grauen, dunklen und kalten Jahreszeit. Kaum kehrt das Licht zurück, drängt es die Kopenhagener in Scharen nach draußen. Kris trifft dann Menschen, die er das restliche Jahr über nie sieht: die „Sommerfreunde“.

Überall haben Cafés und Restaurants ihre Stühle auf die kopfsteingepflasterten Gassen und Uferkais gestellt. Viele Wirte lassen hölzerne Pontons als schwimmende Terrassen zu Wasser, auf denen die Gäste unter großen Sonnenschirmen sitzen. Junge Leute haben es sich auf den Kaimauern bequem gemacht. Wenn es zu heiß wird, lässt man sich ins Wasser fallen. Vor 20 Jahren war das streng verboten. Damals flossen giftige Abwässer in die Kanäle. Heute schwimmen hier wieder Fische. Kopenhagen lebt wieder am und im Wasser.

200 Kilo Hintern

Kris, einer der Guides des Kajakvermieters und Touranbieters Kajak Republic, hält das Boot fest und erklärt das Einsteigen: Mit einer Hand hinten den Rand des Einstiegslochs festhalten, die andere Hand am Steg, die Beine rein und dann den Hintern. Das schmale Kajak wackelt und schwankt. Dabei schlagen hier am Börsenkai in der Altstadt von Kopenhagen nur mit Touristen beladene Ausflugsboote Wellen.

Die Angst vorm Umkippen nimmt Kris mit beruhigenden Worten: „Das Boot wird dich ausspucken. Außerdem“, so verspricht er, bin ich immer neben Dir und kann Dich herausziehen.“ Auf den ersten Metern im Kanal schaukelt das Kajak bedrohlich. „Zieh das Paddel langsam und gleichmäßig auf jeder Seite durchs Wasser und versuche nicht ständig, die Schwankungen des Boots auszugleichen.“ Das hilft tatsächlich. „Stell Dir vor, Dein Hintern wiegt 200 Kilo und drückt Dich fest ins Kajak.“ Gute Idee: Der Glaube versetzt nicht nur Berge. Er kann Boote im Gleichgewicht halten.

So gleiten wir dahin, passieren Schatten spendende Brücken und queren den großen Kanal, der uns noch von einem großen, grauen Kasten mit weit hervorstehendem Dach trennt. „Wir warten, bis das große Boot da vorbei ist, dann fahren wir direkt rüber“, erklärt Kris.

Neue Oper, die alte, backsteinerne Börse mit ihren zu Spiralen gemauerten Türmchen und die bei reichen Boots- und Yachtbesitzern beliebten Kanäle und Kanälchen von Christianshavn. Zu sehen gibt nicht nur vom Wasser aus eine Menge. Immer wieder zeigt Kris die vielen Bauwunden, die Banken und andere Investoren der Stadt geschlagen haben. Alte Speicherhäuser ließen sie für moderne Glaskästen abreißen. Doch manche der hypermodernen Bauten lobt sogar er: Der alte Backsteinbau der königlichen Bibliothek, hat einen schwarzen Diamanten zur Seite gestellt bekommen. So nennen die Einheimischen den schräg gestellten, rund 15 Stockwerke hohen Würfel, der aussieht, als würde er gleich ins Wasser kippen.

Vor dem Runden Turm, von dessen Aussichtsplattform Touristen die ganze Stadt überblicken, steht die erste Bio-Würstchenbude der Stadt. Tofu-Wurst, Kartoffelbrei, Senfsauce, alles aus Ökolandbau, serviert auf dünnen, recycelbaren Pappschalen.

„Aushilfe dringend gesucht“, heißt es auf einem handgeschriebenen Schild an der Scheibe der Imbissbude. Direkt gegenüber sitzt seit Stunden ein freundlicher Bettler. „Suche dringend Arbeit, egal was“, hat er auf den Pappkarton vor sich geschrieben. Mein Versuch, die beiden zusammen zu bringen, will nicht so recht gelingen. „Ich sag’s dem Chef“, murmelt der Imbissverkäufer und der Bettler meint resigniert: Die erwarten doch bestimmt, dass ich Dänisch kann.“ Der Mann, freundlich lächelnd und angesichts seines Lebens auf der Straße erstaunlich sauber und gepflegt, spricht gut Englisch. Er stammt aus Moldawien. Die meisten Passanten beachten ihn nicht.

„Die Leute hier sind sehr zurückhaltend“, sagen viele, die es auf den unterschiedlichsten Wegen nach Kopenhagen verschlagen hat. Kajaklehrer Kris bittet um Verständnis: Im Sommer sei Kopenhagen so überlaufen, dass manch Einheimischer die Geduld verlöre.

Am Stadtrand macht ein Berliner Station, der als Ein-Mann-Zirkus durch Europa zieht. In den Parks großer Städte baut er seine Manege auf. Die Kopenhagener beobachteten seine Auftritte wohlwollend, aber sehr distanziert. Kaum jemand spreche auf sein Programm an. Sein Wohnmobil mit dem großen Anhänger für die Manege hat Alexander am Rande des Freistaats Christiania geparkt.

1971 besetzten junge Leute das ehemalige Militärgelände, um hier ihren Traum vom selbstbestimmten Leben in einer autonomen Gemeinschaft zu verwirklichen. Immer wieder wollten Stadt und dänische Regierungen das Gelände räumen lassen. Schließlich durften die Besetzer bleiben. Inzwischen haben die Bewohner eine Stiftung gegründet, die einen Großteil des Geländes gekauft hat. Die Mitglieder der Gemeinschaft verdienen ihr Geld in eigenen Betrieben, in der nahen Stadt oder als Touristenführer. 200 Jobs bieten allein die Läden, Cafes und Kneipen auf dem Gelände, darunter die Fahrradwerkstatt, in welcher junge Leute die Christiania Lastenräder bauen, das Gesundheitshaus mit Arztpraxis und Apotheke oder die von zwei Frauen geführte Kunstschmiede.

Nach dem Freizeitpark Tivoli ist die autonome Gemeinschaft mit ihren bunten selbstgebauten Häusern, den alternativen Läden, Künstlerateliers, Werkstätten und Cafes der wichtigste Touristenmagnet in Kopenhagen. Viele kommen zum Kiffen. Über der Pusher Street genannten Hauptstraße hängt beständig dichter Cannabis-Nebel. An zahlreichen selbstgezimmerten Ständen verkaufen Dealer ganz offen Hasch und Grass

Mario Zorosco sitzt mit einem Freund auf der Veranda seines orange-bunten Hauses beim Essen. In einem Ständer auf der Treppe zur Terrasse leuchten bunte Postkarten: Gelbe Sonnen, Motive aus Christiania und abstrakte Bilder. Es sind Verkleinerungen seiner vielen Ölbilder: Ansichten von Kopenhagen, Häuser, die sich unter einem blauen Himmel mit riesigen Sternen im Wasser spiegeln, Landschaften und bizarre Figuren, die an Werke von Dali erinnern.

Seit mehr als 30 Jahren lebt der Künstler in Christiania. Hier habe er die Chance bekommen, er selbst zu sein, „mit all meinen Verrücktheiten.“ Die Gesellschaft habe all die Jahre versucht, die Christiania-Bewohner zu normalisieren. „Schließlich“, sagt Mario lächelnd, „sind die meisten von uns normal, geworden, aber zu unseren eigenen Bedingungen.“